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Dichter und Freund jenes Prinzen, hatte sie eine künftige Sibylle genannt. Ihre Feindinnen machten sogleich eine Hexe, Indifferente, eine Zigeunerin daraus. Sie trug sich in grellen Farben, liebte schwere Stoffe, bunten Schmuck. Bald zeigte sie sich zu Wagen, bald zu Ross. Als Amazone durch die Alleen des Schlossgartens hinsprengend, begleitet von den Männern, die sich um eine weibliche Erscheinung, die sich fühlt und zu geben weiss, von selbst finden, ohne gesucht zu werden, machte sie einen Eindruck der fesselndsten Art. Ein runder Herrenhut sass ihr tief im Nacken. Ein langes silbergraues Tuchkleid hing fast bis zu den Hufen des Rosses herab.

Endlich kam Klingsohr.

Dass er bald nach dem Wiedersehen innerhalb der Festung in Verzweiflung geriet, lässt sich denken bei einem solchen Genuss ihrer Freiheit, wie ihn Lucinde sich gestattete. Die Eifersucht verzehrte ihn. Obgleich auf die Festung beschränkt, hatte er die volle Freiheit bekommen, Besuche zu empfangen. Auch stellte sich Lucinde anfangs fast täglich bei ihm ein, wandelte mit ihm auf dem Glacis Arm in Arm, bald aber verdross sie die Beobachtung und der auf den Mienen der Offiziere sichtbare Spott.

Als Klingsohr nach einigen Wochen schon die erlaubnis bekommen hatte, einige Stunden des tages auf Ehrenwort in der Stadt zu verweilen, gab es, wenn er in ihrer wohnung vergebens auf sie wartete, bald die aufgeregtesten Scenen. Musste er mit dem Glockenschlag Neun seine Rückwanderung antreten und sie war von irgendeiner Zerstreuung noch nicht wieder da, wie ergrimmte er in Zorn und Verzweiflung! Jener Prinz war es vorzugsweise, der Lucinden mit leidenschaft auszuzeichnen angefangen hatte. Sie liess sich seine Huldigung wie die der andern gefallen. Aus dem angenommenen System, keinem zu gehören, trat sie um so weniger heraus, als sie den Ruf des Hauses, in dem sie wohnte, zu schonen, die bereits begonnene Empfindlichkeit ihrer nächsten Beschützer zu versöhnen hatte.

Klingsohr wollte sie in Anfällen seiner Eifersucht oft einschliessen, wie nach seinem Ausdruck jener Ritter seiner Melusine tat. Er nannte sie in wütenden Zornausbrüchen ein Weib ohne menschliches Blut, ein Halbgeschöpf von Feuer und von wasser, eine Fischnatur; er hätte sie täglich in einen Kasten schliessen mögen, dessen Schlüssel er zurückbehielt und mit sich in die Festung nahm. Die Verzweiflung, sich nach allen Seiten hin gebunden zu fühlen, trieb ihn, wenn sie im Teater war, wo er nicht erscheinen sollte, wieder zu der alten akademischen Lebensweise zurück. Wieder gab es auch hier, in der Stadt und in der Festung, Bewunderer, die seinen Orakelsprüchen lauschten. Wieder schrieb er zwanzig Bücher zu gleicher Zeit. Wieder hatte er Systeme erfunden, die noch um einige Jahre zu früh gekommen wären, wenn er sie jetzt schon hätte veröffentlichen wollen. Ost musste ihn die Ronde aus der Festung noch in der Stadt aufsuchen und fand ihn schon wieder da, wo die Staaten beim klopfen der zinnernen Deckel erschüttert werden. Wie hasste sie ihn, wenn sie davon erfuhr oder er selbst noch kam, sie in den Folgen solcher Geselligkeit zu grüssen! Gab sie ihre Fischnatur vollkommen zu, so war es, weil sie sagen konnte: Ich mache mich anheischig, vierzehn Tage lang nur von wasser zu leben!

Der Winter brachte Gesellschaften, Bälle ...

Allgemein erzählte man sich von einer geschichte, die anfangs nur zu lachen gab ...

Lucinde hatte jenen Prinzen so sicher gemacht, dass sie ihm sogar die Zusage zu einem von ihm aufs dringendste erbetenen Stelldichein gab. Der Prinz bewohnte eine Villa, eine halbe Stunde von der Stadt entfernt. Briefe, mündliche Botschaften, Vermittelungen von Beauftragten sollten an einem bestimmten Abend an dem Tor, das nach Bellevue, von dort nach der Villa des Prinzen führte, einen Wagen harren lassen, welchem eine Verschleierte zur bestimmten Stunde sich nähern würde. Der Wagen würde dann dem in der Villa harrenden Prinzen die so dringend und heiss ersehnte Eroberung zuführen ... Schon seit einigen Wochen hatte dieser Kampf gegenseitiger Bitten und Ablehnungen gedauert. Lucinde, die keine Uebereilung der Sinne kannte, legte eine Intrigue an, die ihrer Lust an Spuk und Schadenfreude entsprach. Eine grosse Vorliebe, die sie für das nicht ganz schlechte Teater der Stadt gefasst, hatte sie mit einigen Mitgliedern desselben bekannt gemacht. Unter dem weiblichen Personal befand sich eine Sängerin für jugendliche Partieen, eine Erscheinung vom allerkleinsten Wuchse, aber um so grösserer Gefallsucht. Sie hiess Henriette und wurde von den Studenten spottweise in Beziehung auf die berühmte Henriette Sontag Henriette Montag genannt. Dieser teilte sie unter veränderter Adresse schon lange jene Briefe des Prinzen mit, die an sie selbst gerichtet waren. Am Schluss schrieb sie regelmässig mit nachgeahmter Handschrift einen Ort, an welchem der Prinz seine Antworten zu erhalten wünschte. Wie vorauszusehen war, kamen die geschmeicheltsten von der Welt. Diese stellte sie wieder dem Prinzen als die ihrigen zu. So gingen diese Briefe hin und her. Immer näher durfte der Prinz sich seinem Ziele gekommen glauben, und so war der Briefwechsel zwischen ihm und Lucinden eines Tages so weit, dass jenes Rendezvous vorzuschlagen gewagt wurde. Auch dieser Brief ging an die Sängerin ... Um die siebente Abendstunde stieg eines Tages an dem genannten Tore eine verschleierte Dame in den bewussten dort harrenden Wagen und fuhr ohne Zweifel einem demütigenden Schicksal entgegen zur Villa.

"Demütigend" hatte Lucinde gedacht ...

Was erlebte sie aber?

Der gespielte Streich kam zwar zur allgemeinen und belustigenden Kunde; der Prinz jedoch, dem Spott sich