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sie von dorter Holz holen musste. Es war das für sie immer eine grosse Entdeckungsreise, auf der sie vielerlei Neues sah. Es schmerzte sie daher auch nicht zu sehr, als eines Tages die Alte mit einem ganz besonders charakteristischen Tone sagte:

Sackerlot! Die Tauben fressen einem ja das Hemd vom leib weg! Das sind teure Kostgänger! Wir wollen sie verkaufen! Was sie einbringen, leg' ich zu deiner Toilette an für den Winter, Jettchen!

Lucinde hatte aus dem Fenster, wenn sie vorn rein machte und nähteletzteres musste sie jeden freien Augenblickund wenn es in der Küche zu finster wurde, in der Vorderstube, schon manche wunderschöne Frau auf der Strasse gesehen und träumte dann, wenigstens einen neuen Hut tragen zu können, wenn auch ohne Federn. Sie gab also ihre Einwilligung zum Verkaufe. Die Alte brachte einen Koch aus einem der vornehmen Gastäuser mit, der sämmtliche Tauben an sich nahm. Wie viel sie dafür löste und wie viel für ihren Winterstaat verbraucht werden konnte, erfuhr Lucinde nicht; denn der Koch kam gerade in dem Augenblick, als ihr die gnädige Frau befohlen hatte auf dem Boden zu bleiben und zwei Trachten Kleinholz zu machen.

Dass sie nur eine "Magd" bei der gnädigen Frau war, das hörte sie dort oben denn endlich auch. Auf dem Boden trafen sich die Mägde aus dem ganzen haus zusammen, und da erfuhr sie desgleichen, dass Frau von Buschbeck in der ganzen Stadt den Namen hatte, keinen Dienstboten mehr, aber absolut auch keinen mehr, bekommen zu können. Sie plage und quäle ihre Leute so sehr, dass niemand länger als einige Tage bliebe. Die "Mietweiber" schickten niemand mehr, vor der Polizei bekäme sie gegen keine Anklage mehr recht; sie wäre verurteilt gewesen sich selber zu bedienen, wenn sie nicht auf den Einfall gekommen wäre

Bei dieser Eröffnung musste Lucinde schon wieder hinunter. Frau von Buschbeck rief sie selbst ab und fuhr die Magd an, die in einem Nebenboden Holz spaltete und wohl "ihre Dienstboten verführen" wolle? Vor ihren Augen musste Lucinde zwei Trachten Holz aufpacken und in die Küche tragen. Jetzt war Platz wieder unterm Feuerherd. Die Tauben waren fort. Die gnädige Frau behauptete, schlecht bezahlt worden zu sein; sie gab von dem, was sie von dem Koch empfangen, nur die Hälfte an, und Lucinde hörte es kaum; sie überlegte sich nur, was sie gehört: Frau von Buschbeck hatte in der Stadt keine Magd mehr bekommen können und holte sich deshalbeine doch wohl vom land? Ihr Rätsel war gelöst.

Ehe sie dabei mechanisch das Holz verpackte, wollte sie doch erst die vielen kleinen Federchen wegnehmen, die von ihren Tauben zurückgeblieben waren. Sie waren so blau, so weiss, so goldbräunlich, und jede Feder erinnerte sie gerade an die Verschwundene, der sie angehörte ...

Das gibt ein schönes Nadelkissen! sagte die Frau Hauptmännin. Es war eine dieser Frau eigene Kunst, dass sie die Phantasie ihrer Pflegebefohlenen immer anzuregen wusste. Erst der Winterstaat, nun das Nadelkissen! Was sind dem Kinderherzen nicht alles Eingänge zu den herrlichsten Feenschlössern!

allmählich aber kam Lucinden das Vollgefühl ihres traurigen Looses. Da hatte sie schon in einer Nacht vor dem letzten Braten, den sie gehabt (Taubenbraten), selbst gesehen, dass die gnädige Frau, die an Schlaflosigkeit zu leiden schien, an ihre Bettlade kam, sie überleuchtete, das Licht auf den Feuerherd stellte und eine der Tauben nahm und ihr mit raschem Griff eigenhändig den Hals umdrehte. Dann legte sie sie wieder ruhig zu den übrigen und stellte, als wäre nichts geschehen, die Zuber vor. Lucinde glaubte zu träumen. Aber es war ganz wirklich so gewesen. Der Augenschein des Morgens bestätigte es. So gingen anfangs die Tauben fort, so gingen die Eier, so die Zwetschen. Auch den Korb schickte sie nicht an den Vater zurück, worüber Lucinde sie zum ersten mal etwas trotzig zur Rede stellte. Aber die Alte wusste zu zähmen; vorzugsweise durch Hunger. Abends, als auch Lucinde zum ersten mal ihre Krallen gezeigt, brachte die Hauptmännin einen Haufen trockener Zwetschensteine. Lucinde bekam die Anweisung, sie mit einem alten Ziegelsteine, der vom Feuerherd losgegangen war, aufzuschlagen und sich die "kostbare" Mahlzeit der Kerne für den Abend munden zu lassen. Ein Trunk wasser dazu würde die Kerne besser aufquellen lassen ...

Lucinde gehorchte wohl, doch in den schwarzen Augen der Schulmeisterstochter brannte mehr als nur Gehorsam. Sie mussten sich nur immer erst orientirt haben, und dann gerieten diese Augen in eine Glut, die von seltsamen Gedanken geschürt werden konnte. List weckt Gegenlist, Tyrannei Widerstand. Und wer weiss, ob Lucinde ein Wesen ist, das sich überhaupt nach sanfter Rede, Güte des Herzens, Liebe und schonender Obhut sehnt! Schon können wir sagen, dass ihr nie die Zähne weh taten, dass ihr nie ein Schnupfen Fieber machte, nie eine Zurücksetzung Tränen kostete. Sie half sich immer gerade so weit durchs Leben, als sie das Leben verstand, und ihre Waffen waren in frühester Zeit schon die geballte Faust, dann die spitze Rede, jetzt die Verschlagenheit ... Sie fängt mit der gnädigen Frau, die sie nun "bald weg hat", wie sie den Mägden des Hauses, die sie aufhetzten, eingesteht, einen Kampf an, nicht etwa auf Leben und Tod, sondern einen Guerrillakrieg innerhalb der von der gnädigen Frau