nicht mehr in den Abruzzen, sondern in Calabrien, wo sie ein Wallfahrer in dem schluchtenreichen Silaswalde wollte gesehen haben ...
Im Silaswalde! ... An der äussersten Grenze Italiens – Auf den meerumbuchteten Landzungen Neapels schon – in den ältesten Hainen der Welt von Eichenund Kastanienbäumen – ... Immer weiter und weiter rückte die Beruhigung des aufgeregten und selbst so düster bedrohten Freundes in Robillante ... Würde Benno sich freier bewegt haben, er hätte sich an Ort und Stelle begeben, um nach dem geheimnissvollen Pilger zu forschen ... Die Ungewissheit, der Einfall der Gebrüder Bandiera, die Furcht vor Olympia's Rache, Bangen vor den Mahnungen Bertinazzi's hielten ihn von der Ausführung dieses Vorsatzes ab ...
Benno kämpfte mit sich, ob er die Mutter heute aufgeben und nicht lieber sofort zu Bertinazzi gehen sollte, den er erst morgen in erster Frühe hatte besuchen wollen ...
Die volle Nacht war hereingebrochen, als Benno von San-Pietro niederstieg ...
Die Einsamkeit des Weges beflügelte seinen Schritt ... Schon im zweifelhaften Abendlicht sind die nächste Trümmerhaufen und Gartenmauern Roms unheimlich ...
Er wandte sein Auge vom Anblick der Peterskup
pel ab ... Das Bild: Morgen um diese Stunde werden dort die marmornen Bilder des Vatican lebendig! machte ihm das Blut erstarren ... Er kannte diesen Braccio Nuovo ... Hundert lachende Priester sah er in festlichen Gewändern, bei Fackel- und Kerzenschein, durch die mit den Marmorsärgen der ersten Christen geschmückten Corridore schreiten ... Die Statuen der römischen Kaiser wurden lebendig und schlossen sich ihnen an ... Im Saal des Braccio Nuovo schimmerten Bankettische, Vasen voll Blumen, silberne Urnen voll Eis mit dem "Bier der Franzosen", wie Sarzana gesagt hatte; alles im glänzenden Licht, ausgeströmt von zahllosen Kerzen ... Die Julien, Livien und Agrippinen der Imperatorenzeit kamen mit ihren faltenreichen Gewändern in den Saal und setzten sich zu den Zechenden ... Da tront Ceccone, mit dem Rükken gelehnt an die berühmte Gruppe des Nil ... Sechszehn kleine Genien kugeln sich übermütig auf dem kolossalen Sinnbild der Ueppigkeit und Fruchtbarkeit ... Der lachende Silen blickt auf den neugeborenen Bacchus dicht neben Bischof Camuzzi ... Fefelotti liebäugelt mit der berühmten Statue des Demostenes, die soviel zierliche Fältchen wirft; mehr, als ein Redner voll Natürlichkeit seiner Toga erhalten konnte, als er gegen Philipp von Macedonien donnerte ... Nun trommelt die Schweizergarde ... Immer neue Gäste kommen im Purpur vorgefahren und die Medusenhäupter nicken ihnen den Gruss; die Atleten erheben sich, die Isispriesterinnen verneigen sich ... Olympia – lässt lachend vor Erwartung den Arm auf dem Sockel ihres Apollin ruhen – ... Oder blickt sie finster wie die "verwundete Amazone" –? ... Er ahnte, dass sie diesmal seiner Flucht aus Villa Torresani nicht im mindesten zürnte, sondern fest und sicher ihn für morgen erwartete ...
Die Qual der Entschlusslosigkeit trieb Benno dahin, wie von Furien gepeitscht ...
Er kam der Tiber näher ... Die Brücken, die in die innere Stadt führten, waren entlegen ... Hie und da ging eine Treppe nieder, wo in einem angebundenen Kahn ein Schiffer sich streckte und auf einen Verdienst wartete ... Er wollte sich übersetzen lassen ...
Wie ein Träumender blickte er um sich ... Hier in der Nähe sind die Spitäler ... Es konnte nicht befremden, dass da und dort jene gespenstischen Gestalten der Todtenbruderschaft auftauchten ... Die Begräbnisse finden des Nachts statt ... Memento mori! ... Benno erblickte einige dieser bald weissen, bald schwarzen Kutten in Kähnen auf dem gelblichen Strom dahingleiten ...
Die Via Lungaretta schien ihm heute endlos ... Er hatte übersehen, dass er die Abbiegung zur Bartolomäusbrücke schon hinter sich hatte und sich an Ponte Rotto befand, einer Gegend, wo es schwerlich Fiaker gab ...
Sollte er den Besuch der Mutter für heute aufgeben? ... Sollte er zu Bertinazzi gehen? ...
Da schritt wieder vor ihm her ein schwarzer Todtenbruder ... Er kam aus dem engen Winkelwerk der Häuser heraus und stieg eine Treppe nieder ... Hier glänzte die Tiber auf ... Im Abenddunkel boten die Lichter am Ufer und die in den Strom hineingebauten Mühlen einen besonders lebhaften Anblick ... Eine Schar von Bettlern und Strassenjungen zeigte Benno hinter einem Gebäude den Kahn, den der Todtenbruder suchte ...
Es zog auch ihn zum tod ... Er musterte die stolze Haltung seines gefährten ... Oft verbargen sich unter diesem Kleide die angesehensten Nobili, wenn sie gerade die Reihe des Dienstes in der Bruderschaft ihres Viertels traf ...
Benno rief dem Schiffer, ihn noch mitzunehmen und stieg die Stufen nieder ...
Der schwarze Leichenbruder, eine hohe, schlanke Gestalt, hatte eben zum Abfahren winken wollen ... Jetzt erst, da er noch einen Passagier sich nachkommen sah, setzte er sich ...
Auf dem trüben, ungleichen, strudelreichen Bett der Tiber glitt der leichte Kahn dahin, geführt von einem jungen halbnackten Burschen, der den vom Kopf bis zum Fuss verhüllten Todtenbruder scheu betrachtete und vor Freude über die glückliche Eroberung zweier Passagiere statt eines eine Weile sprachlos blieb ... Rings funkelten immer heller und zahlreicher die Lichter von den Ufern auf ... Auch bei