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dass sich eine Urkraft gegen die Tradition erhöbe und von Rom nicht bloss Lehren, sondern auch Warnungen mitnähme ... "Eine phrasenhafte Welt, in die ich alle diese Künstler verstrickt gefunden habe! Klingsohrdas wäre ihr Mann! Klingsohr müsste auch hier mit der Cigarre sitzen und orakeln!" ...

Benno begab sich, da er auf den Monte Pincio wollte, in ein Café am Spanischen Platz ... Da konnte er eine deutsche Buchhandlung übersehen, besucht von ab- und zukommenden Geistlichen, die sich nur Schriften kauften, die in Wien, München, Regensburg, Münster und Köln erscheinen ... Er sah die augsburger "Allgemeine Zeitung", auf die ihn der Staatskanzler angewiesen hatte ... Er fand in allem Deutschen nur noch die Spuren Klingsohr's ... Es war ihm jener fortgesetzte Vatermord, dessen dieser sich fast in Wirklichkeit schuldig gemacht hatte ... Er sah in Deutschland überall vom hohen Ross der gelehrten doctrinären Anmassung die grünen Saaten der Neubildungen im Geistesleben der Völker zertreten und was gab den geheimen Druck der Sporen? Das egoistische Interesse der Fürsten, des Adels, der Geistlichkeit ... Die Bewegung um den "Trierschen Rock" hatte immer mehr um sich gegriffen ... Die "Allgemeine Zeitung" verriet ihm, wie selbst nach Witoborn die Bewegung hinüberzuckte ... Er dachte an Monika, Ulrich von Hülleshoven, Hedemann ... An Gräfin Erdmute undihre apokalyptischen Bilder über Rom ...

Es gibt Naturen, die vom Zweifel und einer Weltauffassung der Ironie in überraschender Plötzlichkeit zu einer leidenschaft überspringen können, die an ihnen völlig unvermittelt erscheint ... Es gibt Naturen, die jede Voraussetzung, die sogar nur von ihrer Besonnenheit gehegt werden durfte, plötzlich durch die törichtsten Handlungen Lügen strafen ...

Die Umstände hatten Benno aus der Bahn des heimatlichen Lebens und Denkens hinausgeworfen ...

Jene Courierreise, von den Umständen so harmlos geboten, gab ihm den Anstoss zu einer immer mehr um sich greifenden Revolution seines inneren ... Auf dem Capitol beim Gesandten seines engern Vaterlandes war er deshalb vorm Jahr kalt empfangen worden ... Aber auch auf dem Venetianer Platz beim Gesandten Oesterreichs, wo er ausgezeichnet worden, erwartete man vergebens seine Wiederkunft ... Durch ein zufälliges Begegniss, durch einen Anteil seines Herzens, genährt durch die Erinnerung an seine Mutter, genährt durch die Mahnung, dass römisches Blut in seinen Adern floss, hatte er sich den hervorragenden Erscheinungen des "Jungen Italien" genähert – ... Schon hatte man ihm mehr Vertrauen geschenkt, als er begehrte und als vielleicht von andern gutgeheissen wurde ... Und dennoch lebte er in vertraulichster Beziehung zu Menschen, die er hasste und die er aus Grund der Seele hätte meiden sollen ... Diese Gegensätze unterwühlten seine Ruhe, brachen seinen Mut ... Auf seinem Antlitz fühlte er eine brennende Maske, ein Mal der Scham ... Sein Glaubensbekenntniss des Sichergebenmüssens in Lagen, in die uns die Laune des Zufalls gestellt hätte, war dahin ... Nimm Partei! riefen ihm geheimnissvolle innere Stimmen schon seit jener Stunde, als sich ihm die Mutter in Wien in der ganzen Einseitigkeit ihrer Nationalität offenbart hatte ... Als er dann Italien selbst gesehen, als er auch Bonaventura in so wunderbarer Schnelligkeit auf den gleichen Boden verpflanzt gefunden, da führten die gemeinschaftlichen Anschauungen, die übereinstimmenden Ergebnisse des Nachdenkens beide auf die feste überzeugung, dass nur in Italien und vorzugsweise aus der römischen Frage heraus die Entscheidung der weltgeschichtlichen Schicksale Europas zu suchen wäre ...

"Die Zeit deiner grossen Revolutionen", hatte

Benno noch vor kurzem an den Onkel Dechanten geschrieben, "ist näher, als Du in Deinem friedlichen Asyle ahnst! ... Die Frage, um die sich Beda Hunnius so erhitzt, die Frage eines Bruchs der deutschen Kirche mit Rom ist nur ein Symptom ... Rom und die grosse Sache der Geistesfreiheit können zu ihrem Abschluss nur durch die politischen Schicksale Italiens kommen ... Wird der Schemel der irdischen Macht dem Stellvertreter Christi unter den Füssen weggerissen, dann kann ihm nichts mehr von seinen alten, auch den geistigen Druck der Welt unterstützenden Machtansprüchen bleiben ... Eine Weile wird er sich noch Patriarch von Rom nennen dürfen; aber jede neue Phase der geschichte nimmt ihm eine Würde nach der andern ... Damit bricht der Bau der Hierarchie und das schon halbvollendete Werk der Jesuiten zusammen" ...

Ob auch der Katolicismus? ...

Benno hatte seinen zwischen Katolicismus und Protestantismus in der Mitte gehenden Standpunkt offen dargelegt ... Er hatte dem Onkel geschrieben:

"Ich glaube nicht an die propagandistische Kraft des protestantischen Geistes; ich zweifle sogar an dem entscheidenden Ausschlag, den die Völker der germanischen Zunge überhaupt noch der geschichte geben ... Das germanische Mutterland ist in zwei Hälften gespalten: Oesterreich hat die Gedankengänge der romanischen Welt angenommen; Preussen hat die kühne Neugestaltung Friedrich's des Grossen nicht zu verfolgen gewagt ... Die germanische Welt wäre nur insofern kraftvoll, als ausschliesslich mit ihr der Protestantismus geht ... Eine durch Oesterreich vertretene germanische Welt ist keine oder der Name Deutschland wird zum Schrecken jeder Nation, die ihre Freiheit anstrebt ... Nun aber lieb' ich Deutschland, liebe seine Bildung, anerkenne seinen Beruf ... So sehe' ich keine hülfe, die ihm geboten werden kann, als den Untergang Roms, die Zertrümmerung