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mir warnicht klein ...

Das alles, mit dem Ton des grössten Uebermutes gesprochen, klang wie beruhigende Musik ... Lucinde fühlte ganz die Erquickung, die diese Worte gaben ... Auch Benno stellte sich, sie zu fühlen ... Olympia weidete sich an den Wirkungen ihrer Macht ...

Schon war inzwischen der nachgebliebene Rest der Gesellschaft sichtbar geworden ... Graf Sarzana kam fast schmollend auf Lucinde zu und erklärte, sie überall gesucht zu haben ... Er bot ihr den Arm und entführte sie fast wie mit Eifersucht ...

Tiebold bildete den Mittelpunkt der Lustwandelnden ... Er war in einem nationalökonomischen Streit mit dem alten Rucca begriffen und zeigte sich nicht im mindesten befangen, als "Marchese" seine Kenntnisse der Holzcultur zu verraten ... Sah er doch auch nach allen Seiten hin diesen römischen Adel mit Speculationen beschäftigt ... Einige der nähern Verwandten Ercolano's, die die Nacht über auf Villa Torresani bleiben wollten, glichen vollkommen den Zickeles und den Fulds ...

An ein ungestörtes Alleinsein für den Ablauf des tages mit Olympien war für Benno glücklicherweise nicht mehr zu denken ... Der unheimliche, Benno zuweilen mit zweideutigem blick fixirende Sarzana war zwar mit Lucinden auf Villa Tibur gefahren, andere fuhren nach Rom, die Nachbarn zerstreuten sich in ihre Villen, aber genug blieben zurück, die Olympien in Anspruch nahmen ... Genug, die auch unbefangen darüber plaudern konnten, dass Donna Lucinda und Graf Sarzana sicher in kurzer Zeit durch das Band der Ehe verknüpft sein würden ... Schon im Herbst würden sie das kleine Palais bei Piazza Sciarra beziehen, hiess es ... Olympia hörte wenig daraufSie liess allen ihr Glück; hatte sie doch ihr eigenes ... Jeder blick aus ihren Augen verwies auf die elfte Stunde nachnoch zwei Sonnenuntergängen ... Für Bennodie ausgelöschten fackeln seines Lebens, denen eine ewige Nacht folgen musste ...

Einen Punkt in sich zu wissen, wo es nicht hell und rein im Gemüt ist, wird dem edlen Sinn zum tiefsten Schmerz ... Jeder unbelauschte Gedanke fällt dann in ein Grübeln zurück: Wie kannst du diesen Flecken von dir tilgen! Wie kannst du Ruhe und Zufriedenheit mit dir selbst gewinnen! ... Jünglinge, Männer können zuweilen in die Lage kommen, an Frauen Empfindungen zu verströmen, die nur formelle Erwiderungen ohne wahre Beteiligung des Herzens sind ... Irgendeine Schonung fremder Schwäche galt es da, irgendein mildes Entgegenkommen gegen einen Wahn, der sich so schnell, wie wohl die Wahrheitsliebe mochte, nicht im verirrten Frauengemüt heilen liess ... Verstrickt dann zu sein in die Folgen solcher Unwahrheit, die sich das Herz, um seiner törichten Schwäche willen, vorwerfen muss, leiden zu müssen um etwas, was man so gar nicht empfunden, so gar nicht gewollt hatte, das sind Qualen der Seele, die an ihr brennen können wie das Kleid des Nessus ...

Nach dieser Scene in den dunkeln Gängen der Villa Hadriani sass Benno am Whisttisch bei den geöffneten Fenstern des schönen Gesellschaftssaals der Villa Torresani ... Da gab es einen Seitenflügel, dessen Zimmer ganz zur nächtlichen Herberge der Verwandten und Gäste bestimmt waren ... So sass im Saal bis zur neunten, zehnten Stunde noch eine grosse Gesellschaft beisammen ... Die milden Düfte der Orangenbäume zogen in die Fenster ein ... Phalänen mit durchsichtigen Flügeln schwirrten um die Glasglokken zweier hoher bronzener Lampen, die, aus dem Boden zwischen den Säulen sich erhebend, hier einen Atlas vorstellten, der die Weltkugel trägt, dort eine schwebende Eos, die zwei Leuchtgläser auf ihren Fingerspitzen balancirt ... Auf schwellenden Ottomanen rings an den Wänden des Saals entlang streckten sich die ermüdeten Schönen, die halbschlafend sich keinen Zwang mehr anlegten ... Andere schlürften Sorbet und wehten sich mit ihren Fächern Kühlung, hingegossen an den offenen Fenstern auf niedrigen Sesseln, die kaum einen Fuss hoch über dem Marmorboden sich erhoben ... Weich und lind zog die Nachtluft herein ... Bis in die Fenster wuchsen die üppigen Beete ausgewählter Pflanzen mit ihren seltsam gestalteten Blütenkelchen, an sich schon Symbolen der Freiheit der natur, Symbolen des allbindenden alles entfesselnden Liebestriebswer kann Blüten von Orchideen, Lilien, Nymphäen, Gardenien sehen, ohne an die Mysterien des Lebens erinnert zu werden ... Ein fernes leises Rauschen konnte vom Sturz des Anio kommenes konnte auch der Sang der Cicaden sein ...

Trenta due! schnarrten die Metusalems der Rucca-Familie beim Spiel ... Der Alte selbst war bei seinem Sohn geblieben und nicht nach Villa Tibur gefahren, wo er überhaupt nur selten verweilte, weil er dort morgens nicht zum Auszanken all seine Arbeiter beisammen hatte ... Aber auch diese genossen abendlich ihren Lebenstraum ... Einige sangen in schmelzenden Tenortönen: "Amore re del mondo!" ... Andere spielten bei Laternenschimmer die Morraleidenschaftlich und wild und wie alles in Italien gleich auf Leben und Tod ...

Felicissima notte! ... sprach endlich gegen halb elf Uhr Olympia zu Benno, als sie von des schon halb schlafwandelnden Ercolano Arm entführt wurde ...

Es klang wie der letzte Grusseiner Braut vor dem Hochzeitstage ...

Gegen Tiebold konnte sich Benno nicht mehr aussprechen ... Die Lose waren zu ernst, zu furchtbar bestimmend gefallen ...

Tiebold sprang dem zum