Lippen hinderten ihn, ihn wirklich auszusprechen ...
Da zuckte sie aber plötzlich selbst auf ... Diesmal war es nicht der sickernde Tropfenfall am moosbewachsenen Gestein, es war der Fuss eines eilend Daherschreitenden ... Ich komme! war noch nicht gesprochen ... Die Fürstin nahm sein Ja! aus seinen Augen, von seinen Lippen ... Die Störung verdross sie nicht mehr ... Das junge Paar fuhr auseinander und gab sich die Miene, als wär' es hier nur aufgehalten worden von einer gleichgültigen Absicht ... Benno liess die Fürstin frei, trat seitwärts, suchte etwas Blinkendes unter den Steintrümmern an der Bogenlichtung des Gemäuers ... Die Fürstin tat, als wartete sie nur auf ihn, um weiter vorwärts zu schreiten ...
Der Zeuge, der sie überraschte, war Lucinde ...
Da ihr Antlitz glühte, so war sie rasch gegangen ...
Als sie sah, dass sie das Paar zu stören fürchten musste, kam sie wie auf einer harmlosen Promenade und tat, als suchte auch sie nur, selbst eine Verirrte, auf diesem Weg zur übrigen Gesellschaft zurückzukommen ... Sie leuchtete im festlichen Glanz ... Ein leichter Sommerhut mit kleinen Federn schwebte lose auf ihrem gescheitelten Haar ... über dem hellfarbigen seidenen Kleid trug sie einen grossen breitgewebten Shwal von phantastisch bunten, grünen, roten und gelben Querstreifen ... Indem sie scheinbar ruhig die hände übereinander legte, schlugen die beiden Flügel dieses Shawls zusammen und machten den Eindruck einer Erscheinung aus der Zigeuner- oder Zauberwelt ...
Sie wollte Olympien nicht erzürnen, vermied auch die leiseste Spur eines Lächelns und sagte nur atemlos:
Ich suchte Sie, Herr von Asselyn ... Ich bekam eben vom Cardinal, der sich empfohlen hat, Mitteilungen, die nicht gut sind – ...
Worüber? fragte Olympia ohne allen Verdruss ... Sie bot Benno den Arm, um weiter zu wandeln ...
In der Ferne hörte man die Annäherung der Gesellschaft ...
Lucinde beherrschte ihre Erregung ... Konnte sie doch diesen Augenblick der leidenschaft Olympiens für Benno zu irgendeinem Vorteil benutzen ...
Ich höre, sagte sie, dass die Gefahren Ihres Vetters, des Bischofs, immer drohender heraufziehen ... In der Tat ist er förmlich nach Rom beordert und befohlen worden ...
Was kann ihm geschehen? fragte Olympia, sich an Benno's Arm pressend ...
Benno wiederholte, wie mit Beschämung:
Der Bischof von Robillante ist nach Rom beordert worden? ...
Ich kann nicht sagen, fuhr Lucinde fort, ob wegen Prüfung des Magnetismus von der Pönitentiarie oder wegen der Dominicaner und seiner Vorwürfe gegen die Gerechtsame der Inquisition ...
Der Bischof von Robillante? sagte Olympia leicht und obenhin ... Was tut das ihm und uns! ... Tod seinen Feinden! ... Fefelotti soll ihm sein eigenes Erzbistum abtreten müssen! ... Das will ich! Ich! Ich! Der Hut des Cardinals soll ihn für jede Kränkung entschädigen ... Das will ich! Ich schütze ihn – und seine Freunde ...
Sie blickte voll Zärtlichkeit auf Benno ...
Lucinde hielt ein Papier in Händen, das sie halb in ihrer Brust verborgen getragen und zaghaft halb hervorgezogen hatte ... Es war ein in lateinischer Sprache gedruckter kleiner Zettel ... Die an alle Cardinäle verteilte Anfrage des Domkapitels von Witoborn über den Magnetismus! erklärte Lucinde, als Olympia dies Papier ihr abgenommen hatte ...
Benno nahm das Blatt, versprach, es Bonaventura zu senden und fragte, ob es nicht möglich wäre, den Freund zu einer nur schriftlichen Verteidigung zu veranlassen ...
Nein! Nein! Er soll persönlich kommen! sagte Olympia ... Er soll seine neuen Würden selbst mit nach haus tragen! ... Ein Asselyn! ... Ein Kampf? ... Divertimento! ... Wer sind seine Gegner? ...
Nach einem Augenblick des Nachdenkens sagte sie lachend:
Ha, ich besinne mich, die Dominicaner! ... Wohlan, reisen wir selbst nach Porto d'Ascoli, um den deutschen Mönch und den Pilger zu suchen! ... Ich weiss, worauf hier alles ankommt ...
Olympia kannte die geheimnissvollen Umstände, unter denen Pasqualetto nach Rom gekommen war ... Sie kannte das Interesse, das ihr Schwiegervater an jenem Vermittler dieses Wagnisses, an dem Pilger von Loretto hatte ... Sie kannte die Botschaft, die der deutsche Mönch Hubertus übernommen; kannte die mannichfachen Deutungen, die man jetzt dem spurlosen Verschwinden sowohl des Suchenden als des zu Findenden geben wollte ...
Mein Oheim soll alle seine Zweifel lösen! fuhr die Fürstin fort ... Noch ist, denke' ich, Cardinal Ceccone, was er war ... Man sagt, eine Revolution ist im Anzuge ... Nun wohl! Sie wird mit dem Schaffot endigen! Wer will uns hindern, die gesetz zu handhaben! ... Ich danke Ihnen, Signora, für Ihre Teilnahme zum Besten der Asselyns ... Niemand soll diesem Heiligsten der Priester, der unter meinem Schutze steht, ein Haar krümmen ... Nicht das erste mal, dass ich von den Fusszehen des Heiligen Vaters nicht früher aufgestanden bin, bis ich nicht die Gewährung meiner Bitten erhielt – und – die Zahl der Knienden nach