1858_Gutzkow_031_790.txt

Rücksichten der Geselligkeit zu den Zerwürfnissen in der Rucca'schen Familie standen ... Selbst wenn Ceccone keine Fremden zu bewirten hatte, keine Prälaten aus der Provinz, keine Gesandten und hohe Reisende, so fehlten doch auf Villa Torresani Ercolano's Freunde nicht, die jeunesse dorée Roms, Aristokraten, deren Leben nur von Liebesabenteuern und den neuesten Moden erfüllt wurde ... Der Baron d'Asselyno und der Marchese de Jonge wurden in alle Geheimnisse derselben eingeweiht ... Niemand verbreitete mehr Geräusch von seinem Dasein, als die jungen Prälaten ... Diese geistlichen Stutzer machten das Glück der Familien zweifelhaft ... Der Eine nahm dabei die Miene eines Tartufe, der Andre die stolze Zuversicht eines künftigen Papstes an ... Ehrgeiz und Selbstgefühl drückte jede ihrer Lebensäusserungen aus ... Einige Jahre hatten sie in der Gefangenschaft der Jesuiten gelebt, die die Studien an sich gerissen haben; dann traten sie in die Welt mit all den Ansprüchen, die schon eine geringe Bildung unter einem Volk voll Ignoranz geben darf ... Sie standen spät des Morgens auf, machten wie Frauen ihre Toiletten, liessen sich stutzerhaft frisiren, schlugen in ihren Listen nach, wo sie seit lange in diesem oder jenem haus nicht zum Besuch gewesenDen Tag über rannten sie müssiggängerisch durch Rom und seine Kirchen ... Manche ihrer Liebesabenteuer nahmen sie ernst und führten duftende, oft versificirte Correspondenzen ... Alles das verband sich auf das leichteste mit einer ununterbrochenen Ehrfurcht vor diesem Altar, jenem Crucifix, vor jeder geweihten Stelle, die zu küssen die Sitte verlangte, selbst wenn damit kein besonderer Ablass verbunden ... Die Religion ist in Rom ein Gesetz der Höflichkeit, wie bei uns das Hutabnehmen und Grüssen vor Hochgestellten oder guten Bekannten ...

Ercolano hatte nach einer heftigen Scene mit seiner Mutter vorgezogen, dem Baron d'Asselyno eine legitime Stellung als Ehrencavalier seiner Gattin zu geben ... Das ist in Italien eine sociale Position wie etwa die jedes Geschäftscompagnons ... Ercolano wollte keinen Bruch. Er war im stand, ausser sich in den Gartenpavillon zu rennen und Benno zu beschwören, "besser" mit seiner Frau zu sein, nachgiebiger, aufmerksamer ... Sie drohte, krank zu werden, wenn Benno Zerstreuung, Abwesenheit, Melancholie verriet und sie vernachlässigte ...

Zwei Tage vor dem glänzenden fest in dem Braccio Nuovo des Vatican war eine grosse Gesellschaft auf Villa Torresani ...

Olympia sass in den Reihen der Geladenen und lebte nur für Benno ... Ihre Augen sogen sich den seinigen mit dem zärtlichsten Verlangen ein ... Die Mutter Ercolano's verliess voll Verdruss darüber sogleich nach Tisch die Villa Torresani ... Herzog Pumpeo eilte ihr nach, um sie zu beruhigen ... Sogar Tiebold wollte folgen ... Er hatte die Absicht, Lucindens Rat zu befolgen und die feindselige Stimmung der alten Fürstin durch ein neues "Opfer seiner Tugend" zu paralysiren ... Lucinde hielt ihn jedoch zurück ... Der Augenblick war nicht günstig; Herzog Pumpeo galt für einen Raufbold ... Sarzana fehlte gleichfalls nicht ... Lucinden führte er zu Tisch ... Sein Benehmen war lebhafter, denn je ... Ausgelassenheit stand ihm aber nicht ... Lucinde musste sagen: Benno überragt alle ...

Nach der Tafel besuchte die Gesellschaft eine der grossartigsten Trümmerstätten, die in jener Gegend das Altertum zurückgelassen hat, die nahe Villa des Kaisers Hadrian ...

Weitverzweigt ist dieser Riesenbau, den Benno in elegischer Reflexion das Sanssouci jenes alten Kaisers genannt hatte ... Tiebold begann, diesen Gedanken seines Freundes in die entsprechenden Einzelheiten zu zerlegen ... Die Zimmer sah er, wo Kaiser Hadrian nach Tisch den Kaffee trank und junge hoffnungsvolle Dichter und Künstler ermunterte, in ihren Studien fortzufahren ... Hier blies Hadrian die Flöte! sagte er ... Hier lagen seine Lieblingshunde begraben! ... Dort spielte er wahrscheinlich Billard! ... In der Tat war hier das Leben eines Kaisers jener Universalmonarchie in allen Momenten beisammen ... Rats- und Erholungssaal, Bäder, sogar die Kasernen fehlten nicht, in denen die zur Bewachung commandirten Legionen untergebracht wurden ... Für allzu heisse Tage schien gesorgt durch einen halbunterirdischen, bedeckten gang, den einst die kostbarsten Mosaikfussböden, die schönsten Frescobilder und eben jene Statuen geziert hatten, die sich jetzt im Braccio Nuovo des Vatican versammelt finden ...

Hier nun war es, wo sich plötzlich die Gesellschaft in den Gängen verirrte und beim lachen über die Vergleichungen des Marchese de Jonge, der eine ganz neue Art von Altertumskunde lehrte, auseinander kam ...

In einem Seitenraum dieser Gänge blieb Benno mit Olympia allein zurück ... Tiebold's stimme klang in weiter Ferne; kein Fusstritt wurde mehr hörbar ... Der Augenblick, den Benno immer noch verstanden hatte, nur flüchtig andauern zu lassen, der entscheidende, den seine eigene Selbstbeherrschung immer noch vermieden, Tiebold's List durchkreuzt hatte, schien gekommen ... Jetzt, wo es vielleicht nur noch acht Tage währte, dass die siegreiche oder gescheiterte Unternehmung der Gebrüder Bandiera dieser falschen Position des Herzens und der Gesinnung ein Ende machte ...

Olympia hielt Benno zurück und sagte mit einer einzigen Geberde, die einem Strom begeisterter Worte glich:

Wirsindallein! ...

Und ihr Flammenblick schien diese Trümmerwelt neu zu beleben ...