1858_Gutzkow_031_79.txt

was soll denn der Mönch da in der Kutte? ... Fort mit dem Buschbeck! Sind Sie des Teufels, Herr! Und schiessen ihre giftigen Pfeile auf mich ab, Mensch? Halt! Halt! Fort, brauner Teufel! – Hier, – ha, was liegt denn da im Wege? Worüber fall' ich denn ewig? Wieder der Dicke? Jesus! Bringt ihn mir doch fort! Was liegt denn der Dicke mir ewig im Weg und lässt so die Menschen über sich fallen!

Lucinde tat das Möglichste, den mit herzzerreissendem Jammer Phantasirenden zu beruhigen ...

Zu wild aber jagten die Bilder vergangener Tage an dem Verzagten vorüber. Kaum hatte er Lucinden erkannt, war sie ihm doch schon wieder eine andere und vorzugsweise jene Schreckgestalt, die er erst zu sehen geglaubt hatte. Den roten Shawl nannte er einen Königsmantel, die Haube die Krone der SemiramisMitten in seine Angstrufe mischten sich italienische Laute, die Lucinde nicht verstand ... Auch die Kunstreiterin schien vor seiner Phantasie auf- und abzugaukeln.

Endlich hatte Lucinde den Klingelzug erreicht und zog diesen aufs heftigste ...

Vor dem Ton fuhr der Greis zurück. Es musste ihm sein, als hätte ihm mit diesem schrillen laut jemand einen Schlag gegeben, so taumelte er und blieb eine Weile starr. Die Besinnung kehrte wieder. Lucinde klingelte zum zweiten mal. Er sah um sich, verglich den Ort, wo er war, sah rückwärts auf sein dunkles Cabinet, und wie Lucinde unerschrocken zum dritten mal geklingelt hatte, winkte er ihr zu mit vollkommenem Bewusstsein, sie sollte das nur lassen und jetzt gehen.

Da sie zögerte, schüttelte er den Kopf, besah seinen Aufzug und sprach wiederholt und aufs bestimmteste:

Geh, geh, Kind! Ich habe schwer geträumt ... Das Mahl mit den Herren ... ich hätte nicht dabei sein sollen ... geh, geh!

Indem hörte man schon eilende Schritte auf dem Corridor, schon das Einsetzen des Schlüssels, den der Diener, um früh den Herrn wecken zu können, mit sich genommen hatte.

Als der Diener eintrat, fand er seinen Herrn schon allein und bekam in ruhiger, wie Lucinde noch zitternd und bebenden Herzens belauschte, klar zusammenhängender Rede die Erklärung, dass er sich unwohl gefühlt und selbst geklingelt hätte, jetzt war' es vorüber. Der Diener machte Licht, deutete auf die Splitter des Glases, auf den Degen. Es war gefährlich, den Kronsyndikus noch länger so im Zimmer in blossen Füssen zu lassen; er ging zu Bett, nachdem er dem Diener die Weisung gegeben, die Verbindungstür des Cabinets anzulehnen und nebenan im Wohnzimmer auf dem Sopha zu schlafen.

Jetzt erst verriegelte Lucinde.

Sie hörte Zurüstungen, wie sich der Diener einiges Bettzeug holte und auf dem Sopha Platz nahm. Gepressten Herzens ging sie auf ihr Lager zurück, wo sie bei ihrer Jugend und noch von der Reise nachhaltenden Ermüdung bald wieder in den Armen des Schlafes lag.

Um vier Uhr weckte man sie. Schon war der Kronsyndikus nebenan hörbar.

Als sie sich angekleidet hatte, hörte sie schon das Blasen des Postillons.

In aller Freundlichkeit klopfte ihr Wohltäter an die Tür und steckte den Kopf herein ...

Lucinde fand ihn vollkommen beruhigt und zur Abreise gerüstet ...

Des nächtlichen Vorfalls wurde keine Erwähnung getan.

Noch übergab ihr der Abreisende Geld, wirklich auch einige Schmucksachen und ermahnte sie, den "nun bald eintreffenden Doctor" so zu empfangen, wie sie es ihm, versprochen hätte.

Mit einem Kuss auf ihre Stirn, einem langen blick auf ihre ganze Erscheinung, als wollte er sagen: sehe' ich dich wieder? Und was wird wohl aus dir alles noch werden? ging er ...

Sie folgte bis in den Corridor und wollte weiter; an der Treppe aber hielt er sie schweigend zurück ...

Unter den Kleinodien, die kostbar, aber wiederum von alter Facon waren, befand sich keines, auf welches die Erzählung des Bedienten gepasst hätte.

Er wird es zurückbehalten haben ... das Bild seinerzweiten Frau! sagte sie sich, legte einige der Brochen und Armbänder an, nahm sie dann wieder ab und ging noch einmal zu Bett.

Sie schlief bis gegen neun Uhr. Dann begab sie sich in ihre neue wohnung.

19.

Hass und Bewunderung, Fluch und Segen setzte sich auch auf dem neuen Schauplatz seines Lebens an die Fersen eines Mädchens, das durch stetes Verpflanzen aus einer Lebenssituation in die andere eine seltene geistige Kraft gewinnt.

Jetzt achtzehnjährig, entwickelte sich Lucinde nicht mehr in ihrer Aeusserlichkeit. Im Gegenteil nahmen die sanften und runden Formen, die dem halben kind schön gestanden hatten, einen scharfen Charakter an. Schultern und Hüften gewannen eine hervorspringende Bestimmteit; ja, sie fing an zu magern, wodurch das Feuer ihrer Augen um so brennender wurde.

Die ganze Stadt war mit ihrem erscheinen beschäftigt. Man definirte ihren Reiz nicht, man nahm ihn als den einer aparten natur hin. In den Offizierskreisen sagte man: Sie hat Rasse! Das deutsche Pferde-Arabien, Mecklenburg, lag nahe genug und entschuldigte einen Ausdruck, der vom Stalle kam. Für eine Spanierin besass sie zu wenig Schwärmerei im Aufblick der Augen. Für eine Italienerin hatte sie das Phlegma und die äussere Kälte nicht. Einer Griechin entsprachen, wie es bei den Frauen allgemein hiess, die falschen Augen. Ein Wort wurde eine Zeit lang entscheidend. Ein dänischer Offizier,