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.. Sonst aber ärgerte sie sich schon lange über Tiebold's Allgegenwart ... Bald hatte dieser Unbequeme gerade an derselben Stelle, wo niemand anders als Benno erwartet wurde, seine Brillantnadel, bald sein Portefeuille verloren; er suchte und fand den Freund immer an einer Stelle, wo sie mit Benno allein zu sein hoffte ... Wenn sie geneigt wurde, beide aus dem Pavillon der Villa Torresani nach einer ihr noch bequemeren Besitzung des Cardinals umzulogiren, so war es, weil Tiebold wahrhaft Benno's Schatten blieb ...

In Rom spielte selbst im Sommer eine Operntruppe ... Olympia besuchte diese Vorstellungen wieder ... Das Sitzen in den Logen bot Zerstreuung, kokette Unterhaltung, neckendes Fächerspiel, gelegenheit zum Hin- und Herfahren, Abholen, Sichbegleitenlassen, Verfehlen u.s.w. ...

Da die Freunde trotz der Schönheiten des Landlebens doch von den Merkwürdigkeiten Roms gefesselt sein mussten und manchen Tag in der Stadt blieben, so wollte die junge Fürstin zu gleicher Zeit mit Villa Torresani auch die "Brezel" an der Porta Laterana bewohnen ...

Die älteren waren entschieden dagegen und beriefen sich auf die Ehepacten, die jeden Punkt der Vergünstigungen bezeichneten ... Sie verlangten, dass ihre Schwiegertochter die Villa Torresani bis zu einem bestimmten Tage nicht verliess ... Manchen Menschen, sagte Lucinde zu Tiebold, der hier vermitteln sollte, ist es Bedürfniss, sich zu ärgern ... Wenn die Fürstin ihre Tochter in ihrer Nähe entbehren sollte, entgeht ihr ein Motiv der Aufregung ... Die Mutter ist so gut gewachsen, dass sie sich gern ihrer Schwiegertochter als Folie bedient ... Wir Frauen heben nicht den Arm auf, ohne nicht zu berechnen, wie unser herabströmendes Blut ihn weisser machen muss ... Bester Herr de Jonge, heiraten Sie niemals! ...

Vierzehn Tagedrei Wochen gingen in dieser Weise vorüber ...

Zum Glück hatte man Anzeichen, dass die Nachricht einer Insurrection jeden Augenblick von der Küste des Adriatischen Meers kommen musste ... Couriere gingen und kamen; die bewaffnete Macht war aufgeboten, vervollständigt, marschfertig ... Die Consulta hielt täglich Sitzungen ... Der Verkehr mit den auswärtigen Gesandten nahm Ceccone's ganze Aufmerksamkeit in Anspruch ... Von Angst und Sorgen sah er in der Tat niedergedrückt aus ...

Wie beim herannahenden Sturm jede Hand ihr Haus verschliesst und den Gefahren der Zerstörung vorzubeugen sucht, so zeigte sich auch jetzt in den Umgebungen dieser Machtaber mehr politisches Leben, als sonst ... Mancher Mund sprach sogar beredt und frei ... Manche geheime Hoffnung sah eine Erfüllung voraus und verriet vorschnell ihre Freude ... Jene grosse Mehrzahl von Menschen, die als Ballast nur den ruhigeren gang der Fahrt entscheidet, gleichviel unter welcher Flagge ihre Fahrzeuge segeln, warf sich unruhig hin und her ... Vorahnend machte sie gleichsam nur ihr Gepäck leichter, um bequemer von einem Lager ins andere überlaufen zu können ... Wie richtig hatten diese Bandiera die Italiener beurteilt! sagte sich Benno. Der Erfolg ist hier alles! Der Mut einer Tat entscheidet ihre Bedeutung ...

Nur in der Priestersphäre waltete unerschütterliche Zuversicht ... Dort stand es fest, dass ein Kampf mit dem Interesse "Gottes" Jeden zerschmettern müsse – "Selbst die Pforten der Hölle werden dich nicht überwinden!" lautete der tägliche, seit dreihundert Jahren im Mund der Katoliken übliche Refrain, der auch hier über das Antlitz der jungen und alten Prälatur einen lächelnden Sonnenschein verbreitete ... Den "bösen Mächten" gehört ja die Welt, dem Zufall, der Intrigue, der Selbstverstrickung alles GutenWie kanngesetzt die Revolution wäre das Gute – "in dieser Welt das Gute siegen!" hatte Lucinde ganz im Geist der Jesuiten gesagt ...

Unter den Freigesinnten gab es zwei Richtungen, die sich mit Schärfe bekämpften. Für die ausführlichere Begründung ihrer Ansichten fanden sich in England, in Frankreich, in der Schweiz und auf den Inseln um Italien Gelegenheiten zum Druckenlassen ... Die eine Partei wollte ein einiges Italien, an dessen Spitze der Heilige Vater als wahrer Friedensfürst und Verbreiter aller Segnungen stehen sollte, die durch die Christuslehre dem Menschen verbürgt und nur noch nicht genug anerkannt sind ... Die andere sah im apostolischen Stuhl die gefährlichste Anlehnung der Despotie, verwies den Papst aus den Reihen der Souveräne, liess ihm nur allein noch die Bedeutung, Pfarrer einer Metropolitankirche der Christenheit, der Peterskirche, zu heissen und nahm seinen irdischen Besitz in die allgemeine Verwaltung eines republikanisch regierten Italiens ... Freiheit von Oesterreich wollten beide Parteien. Die Souveräne und Würdenträger der Hierarchie waren auf die hülfe dieses Staates angewiesen; die Väter der Gesellschaft Jesu machten die Vermittler zwischen Wien und allen denen, deren Besitz in Italien bedroht war ... Da die Jesuiten dem Staatskanzler zu wesentliche Dinge überwachten, da sie zu viel Dämonen der Weltverwirrung ihm mit gebundenen Händen überlieferten, so hatte er sich wohl gewöhnen müssen, sie zu schonen und ihnen über seine eigene Macht hinaus den Pass zu gewähren, den sie gewinnen wollten für die ganze Welt ... Das übrige Deutschland, selbst im Norden, gehörte schon den Jesuiten ... Der Kirchenfürst war freigegeben ... Der Protestantismus schien alles Ernstes zur Unterwerfung wieder unter Rom durch die Innere Mission und die Wiederaufnahme der Romantik vorbereitet zu werden ...

Das Wunderlichste war der Contrast, in welchem die