1858_Gutzkow_031_788.txt

auf ... Ringsum war es still, doch nicht einsam ... Einzelne Wanderer hielten am Wege inne ... Da und dort erhob sich aus den hohen, noch nicht abgeernteten Maisfeldern ein spitzer Hut ...

Benno ritt tief verloren in Gedanken ...

Paula, Bonaventura, alles was ihm teuer war, umschwebte ihn ... Welche Welt gestaltete sich in seiner Brust! Welches Chaos rang zum Lichte! Es waren nichts als glühende Tropfen, die Lucinde auf seines Herzens geheimste Stätten hatte fallen lassen ...

allmählich belästigte es Benno, von drei Reitern, in der Tracht römischer Landbesitzer, mit hohen Flinten auf dem rücken, ledernem Gürtel, Gamaschen bis weit übers Knie, auf unruhigen, ohrspitzenden Maultieren, fast in die Mitte genommen zu werden ... Eben wollte er seinem Ross die Sporen geben, um sich dieser unfreiwilligen Begleitung zu entziehen, als die Reiter innehielten, wie der Blitz abschwenkten und zur Schlucht zurückritten ...

Hatten sie sich in seiner person geirrt? ...

Wenige Secunden und Benno begriff, dass ihr Auge und Ohr schärfer als das seinige gewesen war ... Er hörte den gleichmässigen Trab bewaffneter Reiter ... Bald sah er einen Trupp Carabinieri, denen in einiger Entfernung eine Kutsche folgte ...

Es war die Kutsche des Cardinals Ceccone ... Benno gab seinem Pferd die Sporen ... Windschnell suchte er vorüberzufliegen ... Er musste vor einem zweiten Reitertrupp abschwenken, der die Arrièregarde des Wagens bildete ...

In die unheimlichsten Gespenster schienen sich ihm jetzt rings die Bäume und Felsen zu verwandeln ... Wie von einem Höhnen der natur verfolgt, sprengte er dahin ... So schuldlos ihm sein eigenes Innere erscheinen durfte, immer mehr Schrecken begehrten Einlass in seine Brust ... Ist das Rom, das gelobte Zauberland der Christen –! ... Ceccone fuhr soeben zu Lucinden, die der Mann im Purpur ohne Zweifel allein wusste ... Die Unterredung mit ihr hatte Benno's ganzes Interesse gewonnen ... Er hatte erkannt, dass Lucinde in der Tat aus dem Trieb ihrer Liebe zu Bonaventura auf Wegen wandeln könnte, wo man ihr eine Anerkennung nicht versagen durfte ... Nun stürzte alles zusammen ... Er sah nur nochdie Buhlerin ...

Wie glücklich war er, als er, die hohen spitzen Aloes und Statuen erblickend, die die Treppengelände der Villa Torresani zierten, unterschied, dass in den Sälen kein Licht war ...

So war Olympia doch noch nicht zurück ... Und sie blieb wohl über Nacht in Rom ...

Er sprang vom Pferde und flüchtete sich in die Einsamkeit seines Pavillons ...

Wer waren die drei Reiter? ... Schwerlich Räuber ... Man kennt dich in den geheimverbundenen Kreisen als einen Freund der Bandieradu hast die Begrüssungsformeln des "Jungen Italien" und dennoch weilst du in der Nähe eines Mannes, denMord und Verrat umschleichen –! ...

In seiner gewagten Doppelstellung glaubte Benno sich nicht mehr lange halten zu können ... Es musste zu Entscheidungen, zu Entschlüssen fürs Leben kommen ...

So suchte er die Ruhe, von der er wusste, dass er sie nicht finden würde ...

Man brachte ihm noch einen Brief, der während seiner Abwesenheit angekommen war ... Die verstellte Handschrift war die der Mutter ...

Die Mutter schrieb, dass sich in seiner wohnung, dann bei ihr selbst der berühmte advokat Clemente Bertinazzi hatte erkundigen lassen, ob Herr von Asselyn nicht bald aus dem Gebirge zurückkehrte ...

Das war eine Mahnung, der er sich entschliessen musste, Folge zu leisten ... Sie konnte gefährliche Folgen nach sich ziehen, wenn er nicht auf sie hörte ...

8.

Als nach Mitternacht Olympia von Rom zurückgekehrt war und sie ihm dann in der Frühe beim Wandeln im Garten begegneteTiebold freilich immer in der Nähe, heute mit dem Begiessen von Blumen beschäftigtsah Benno wohl, dass auf die Länge des Freundes Beistand nicht mehr vorhielt ... Mit der Giesskanne und ähnlichen Hülfsmitteln konnte er nicht überall hin folgen ... Olympia wollte heute sogar ihre Schmähungen über Lucinden Benno nur allein vertrauen ...

Menschen wie Tiebold können für den Umgang unentbehrlich werden; doch erfüllen sie nicht die Phantasie ... Sie lassen sich als Freunde, als Gatten, nicht als Liebhaber denken ... Benno erhielt seinen vollen Platz in Olympiens Herzen und die Stunde rückte näher und näher, wo die zunehmende Vertraulichkeit um so mehr eine schwindelnde Höhe erreichen musste, als sein "bester Freund" Ercolano plötzlich schüchtern und verlegen zu werden anfing. Die Mutter hatte in der Tat seine Eifersucht angeregt ... Das Wohnen auf seiner Villa hatte sie eine lächerlichen Beweis von Schwäche genannt ... Olympia trotzte der Zumutung, die deutschen Freunde aus ihrer Nähe entfernen zu sollen ... Darüber ging Ercolano wie in der Irre ...

Tiebold war bald nur noch der Vertraute ihres Geheimnisses mit Benno ... Er wurde nichts als eine "schöne Eigenschaft" seines Freundes mehr ... Tiebold übernahm die Commissionen ihrer Launen, für die sie den Angebeteten selbst zu hoch hielt ... Tiebold musste "das verhältnis zum Cardinal Ambrosi" lösen, d.h. die letzten Aufmerksamkeiten und Geschenke überbringen, die noch für dessen Einrichtung bestimmt waren .