1858_Gutzkow_031_785.txt

viel aber weiss ich, dass doch Er es war, der Sie vor allen mislichen Folgen Ihrer Verbindung mit Nück geschützt hat ... Ich weiss, Graf Hugo gab seine Absicht, die Urkunde anzuzweifeln, erst nach einer langen Unterredung mit dem Bischof auf ...

Lucinde horchte ...

Sagen Sie selbst, fuhr Benno fort, was hätte den Bischof verhindern können, dem Grafen zu raten: Handeln Sie getrost nach allem, was Ihnen Terschka mitgeteilt hat! Zu offen lagen aller Welt die rätselhaften Vorgänge des Brandes in Westerhof. War ich nicht selbst ein Zeuge derselben? Dieser Bruder Hubertusderleiderso rätselhaft auchjetzt verschollen ist – ...

Den ich unter die Räuber und Mörder schickte? ... sagte Lucinde verächtlich ...

In der Tatüberall stellen sich seiner Vernehmung eigentümliche Hindernisse entgegen ... Den Dionysius Schneid hat er gerettet, hat die Hälfte seiner Erbschaft aufgenommen und nach London geschickt, wohin dieser Mensch, unzweifelhaft ein Brandstifter, über Bremen entkommen sein soll ...

Also wer und was schützte mich – – vor dem Zuchtause? ... unterbrach Lucinde ...

Wenigstens vor der Anklagebank schützte Sie Graf Hugo von Salem-Camphausen ... Er tat dies infolge einer Bürgschaft, die doch ohne Zweifel nur der Bischof für Sie übernahm ... Er mag dem Grafen Dinge über Sie gesagt haben, die Ihnen nicht würden gefallen haben; aber sie bestimmten ihn, sich dem Unvermeidlichen zu fügen ... Er hat die Urkunde anerkannt – ...

Lucinde hätte gern gesagt: So kann also euer Bischof wirklich auchlügen? ... Sie hörte nur voll Spannung über die Folge von Bekenntnissen, von denen Benno nicht einmal zu wissen schien, dass sie in kirchlicher Form stattgefunden hatten ...

Dann, fuhr Benno fort, erfolgte die Verständigung mit Schloss Westerhof ...

Worin lag zuletzt für Paula die Bürgschaft des Wertes, den Graf Hugo, nach dem zeugnis, das der Bischof ihm ausstellen sollte, ihr haben durfte? fragte Lucinde ... Die Bedingung, die Paula gestellt haben soll, kannte ja die ganze katolische Welt ...

Ich denke in der Art, sagte Benno, wie Graf Hugo die Ergebnisse seiner Rücksprache mit Ihnen aufnahm ... Beide Charaktere lernten sich zum ersten mal kennen, sprachen sich aus und schätzten sich ...

Ganz und ohne Rückhalt? zweifelte Lucinde lachend ...

Ich traue ihm zu, dass er ehrlich zu Bonaventura sagte: Sie lieben die Gräfin Paula! ...

In der Tat? ...

Sie freilich glauben nicht an Wahres und Gutes in dieser Welt ...

Nie an den S i e g des wahren und Guten ...

So weiss ich keine andere Erklärung ... Der Graf kennt ebenso Paula's Empfindungen für Bonaventura wie Bonaventura's für Paula ... Dieser blieb mit jenem einen Tag auf Schloss Salem allein und die Folge war die Reise des Grafen nach Westerhof ...

Eine Andeutung, dass der Grafkatolisch werden wird! sagte Lucinde. Er hat unsere Religion in den Bekenntnissen eines Priesters achten gelernt ... Was sagt die Mutter dazu? ...

Benno schwieg eine Weile ... Er wusste allerdings, dass der Graf seit jener Unterredung von der tiefsten Verehrung Bonaventura's durchdrungen war ... Er wusste, dass die alte Gräfin auf Castellungo sich auf Grund dieser Verehrung mit bangem Herzen zum Bischof von Robillante verhielt und die Freundschaft des Grafen für den Bischof nur deshalb nicht nachdrücklicher bekämpfte, weil dieser ihre Teilnahme für die Waldenser und für den Eremiten Federigo teilte ...

Benno erstaunte, dass Lucinde, die alles wusste, was ihn und Bonaventura betraf, nicht in diesem Eremiten den Vater Bonaventura's sah ...

Alle diese Rückhaltsempfindungen verbarg er unter den Worten:

Die beste Religion, die wir haben könnten, wäre eine auf die erkenntnis der tiefsten und edelsten Möglichkeiten und Fähigkeiten unserer Menschenbrust begründete! Liebe, Freundschaft, Vertrauen, alles Edle im Menschenherzenich dächte, das ist die einzig wahre Bürgschaft der Gottesnähe ...

Lucinde zeigte auf den kleinen Vestatempel, der auf der Höhe des Gebirges über dem Katarakt wie ein weisser Nebelring schwebte ...

Sogar Benno von Asselyn schwärmt! sagte sie. Nein, diese Religion, die Sie da nennen, ist keine ... Oft schon hat die Gotteit versucht, ob sie sich im reinen Menschentum offenbaren könnte ... Die Götter kamen auf die Erde in allem Reiz der menschlichen Phantasie ... Da verwilderten sie ... Dann kamen sie noch einmal im Reiz des menschlichen Duldens ... Auch dasim Vertrauen gesagterlagfür den Denker ... Die Götter wohnen jenseits dieser Welt ...

Es war still ringsum ... Das Dunkel mehrte sich ... Lucinde warf ihre religiöse Maske ab ...

Aber als wenn sie Reue darüber befiel, so ergriff sie die Papiere, erhob sich und deutete auf einen Weg zur Villa, wo es heller war ...

Dabei sprach sie:

Sie haben ganz Recht! Paula, Graf Hugo und Bonaventura gehören einer einzigen Kirche an ...

Doch die Kinder? sagte sie plötzlich, zu den Religionsformen der Erde zurückkehrend und des oft an ihr nagenden Bundes gedenkend, den der heilige Franz von Sales gerade mit