Giftschale in der Hand ... Ich sah das Dasein Ihrer Mutter in den Visionen Ihres Vaters ... Wie ich Ihnen dann zum ersten mal an der Maximinuskapelle begegnete! ... Wissen Sie noch? Sie trugen den roten Militärkragen jener blonden, hellblauäugigen Sandlandsklugheit, der Sie Gott sei Dank! Valet gesagt haben ... Frau von Gülpen ahnte schon meine Mitwissenschaft an so manchem und wies mich deshalb aus der Dechanei ... Wie ich diese stille Stätte des Friedens und der Hoffnung verlassen musste, brach mir das Herz ... Ihr Onkel war so gut ... Und Ihnen ist er der Retter Ihres Lebens geworden! ... Ich liebe, im Vertrauen gesagt, die Reue nicht, ganz wie die Spinozisten – alle Magdalenenbilder sind mir schrecklich – Aber schön und ein ganzes Leben verklärend war Ihres Pflegvaters Reue über einen schlimmen Anteil, den er doch wohl auch an Ihrem Dasein hatte – denn der Kronsyndikus war sein intimster Freund ... Wie geht es dem Dechanten? ...
Er freut sich jeder frohen Botschaft aus Italien ...
Grüssen Sie ihn von mir! ... "Frohe Botschaften aus Italien!" ... Kämen ihrer nur mehr! ... Ich fürchte, ihr, ihr gerade siedet und kocht ihm nichts, was ihn laben wird ... Euer Bischof bringt ein Ungestüm über die Berge, das diesseits nicht am platz ist ... Wer ist denn nur jener Eremit, um den er sich noch ins Verderben stürzt? ... Ein Deutscher! ... Erinnern Sie sich Ihrer Scherze zu dem Gypsfigurenhändler, als wir über den St.-Wolfgangberg keuchten? ... Halt! unterbrach sie sich plötzlich ... Ich vergass die Papiere, wo wir standen ... Holen Sie sie mir! ...
Benno folgte, wie von einem mächtigen Willen regiert ... Er hörte und hörte nur ... über den Eremiten hatte sie harmlos und sozusagen waffenlos gesprochen ...
Nach wenigen Schritten war Benno zurückgekehrt und gab Lucinden ein Pack sauberer Velinpapierbogen, die deutsche Scripturen entielten ...
Sie war aufgestanden und setzte sich wieder ...
Sie ahnen schwerlich, was diese Papiere entalten! – sprach sie, das Convolut neben sich legend ...
Sie verwies ihn auf den nächsten Stuhl ...
Ich höre, Sie und Klingsohr sind die Referenten der Curie in deutschen Angelegenheiten geworden! erwiderte Benno ... Wir haben, wissen Sie gewiss, eine Reformation in Deutschland ... Sind das die betreffenden Actenstücke? ...
Sie schüttelte den Kopf, liess den angeregten Gegenstand fallen und fixirte nur Benno mit prüfenden Blicken ...
Seltsam! sagte sie ... Ihr Haar ist von der Mutter ... Die Augen haben Sie vom Vater ... Ihr Blut scheint von natur langsam zu fliessen, wie – durch Kunst bei Ihrer Mutter ... Ihr Verstand, der ist hitzig, wie beim Kronsyndikus – und wissen Sie, ich hätte Sie schon in St.-Wolfgang mit ruhigem Blut in allerlei Unglück sehen können – Nicht dafür, weil Sie kein Interesse für mich hatten – Armgart hatte es Ihnen schon damals angetan – Nein, Sie trugen den Kopf so schrecklich hoch – um Ihrer Klugheit willen! ... Das haben Sie ganz von Ihrem Vater ... Der konnte auch jedem einen Taler geben, wer ihn klug nannte ... Ich lästere ihn nicht ... Mir war der Schreckliche gütig ... Nur zuletzt nicht mehr ... Hätt' er mich da noch aufrecht gehalten, ich würde nicht so elend in die Welt hinausgefahren sein ... Es – ist – nun so ...
dafür machen Sie jetzt Ihren Weg! fiel Benno mit Bitterkeit ein ... Wann werden Sie Gräfin Sarzana sein? ...
Sie hörte auf diese Frage nicht, sondern sagte träumerisch:
Wenn ich rachsüchtig wäre ...
Manche bezweifeln Ihre Grossmut – ...
Und wenn ich sie nun nicht hätte, habt ihr mich nicht dahin kommen lassen? ...
etwa auch meine arme Mutter? ...
Der Herzogin, das ist wahr, war ich zu Dank verpflichtet; aber sie war nicht gut gegen mich ... Wir Frauen wissen, dass wir Ursache haben, uns im Leben an eine starke Hand zu halten ... Nun finde ich hier vielleicht eine solche ... konnte' ich ertragen, dass Ihre Mutter über mich lachte und ihrem Briefwechsel mit Ihnen, den ich voraussetzen durfte, Ihre und des Bischofs Urteile über mich entnahm und weiter verbreitete? ... Ich leugne nicht meine Herkunft und meine ehemalige Lage ... Ich weiss auch, dass mich im Leben noch niemand gemocht hat, und habe mir längst darüber mein System gemacht. Ich ahne sogar – im Vertrauen – dass auch diese Herrlichkeit hier bald zu Ende sein wird ... Aber was ich mir an Unglücksfällen ersparen kann, das will ich denn doch nicht unterlassen haben. Ihrer Mutter, einer höchst gefährlichen, völlig in sich unklaren, halb ehrlichen, halb listigen Frau, einer echten Italienerin, musst' ich einen Vergleich anbieten ... Ich will wünschen, dass sie die Bedingungen ebenso hält, wie ich sie halte ... Sie sind mit der jungen Fürstin Rucca intim, fragen Sie sie in einer Schäferstunde