Abendgold schwimmende Tivoli und suchte dem Bett des Anio von der Seite seines rauschenden Sturzes beizukommen ... Der Lärm des Städtchens oben, die Schrei-Concerte der Esel, das lachen und Schwatzen des volkes, das Begegnen der Fremden hätten seiner Stimmung wenig entsprochen ...
Anfangs musste er sich vom Rauschen des Wasserfalls in seinen verschiedenen Spaltungen entfernen, dann kam er ihm wieder näher ... Vögel flogen über ihn her, wie aufgeschreckt vom Donnerton der stürzenden Gewässer. Sie flogen zur Linken – Unglücksboten, wie er nach antikem Glauben sich sagen durfte beim Anblick des wohlerhaltenen Vestatempels, der oben auf der Höhe schimmerte, und in Erinnerung an die Sibylle Albunea, die einst hier die Orakel verkündete ...
Liegt die Villa Tibur so nahe dem Rauschen des Anio? sprach er zu sich selbst und gedachte – Armgart's, die einst so im Rauschen der Mühlen von Witoborn Ruhe und ihre älteren gefunden hatte ...
Die schon dunkle Schlucht mit ihren silbernen Schaumterrassen, ihren feuchtkühlen Grotten, ihrem wilden Baum- und Pflanzengewucher blieb zur Rechten ... Villa Tibur lag noch höher in die Berge hinaus ... Nur wie ein fernes Meeresrauschen, immer gleich, immer rastlos, nie endend als nur durch die einstige Zerstörung dieser Felsen beim Weltgericht – so musste der Sturz vernommen werden in der kleinen Villa, die sich durch Olivenwälder und Bergzacken endlich unterscheiden liess ...
Hoch oben glänzte noch der goldene Sonnenschein, der hier unten im Geklüft schon fehlte ... Die Cypressen an der endlich erreichten Torpforte standen so ernst, wie nebenan einige Hermen ... Ein Reitknecht in Livree war zunächst zur Hand, der schon ein Ross am Zügel hielt ... Das Ross des Grafen Sarzana! dachte Benno ... In der Tat war dieser der Herr des Knechts ... Er erwartete ihn, sagte er, jeden Augenblick von oben ... Gleich an der Pforte, lag ein Wirtschaftsgebäude, wo, wie Benno sah, an Dienern kein Mangel war ... Ihnen gab er zur Hut das Pferd aus Ercolano's, ihres jungen Fürsten, Stall ...
über sich schlängelnde und terrassirte Wege ging es aufwärts zur Villa, die sich an Grossartigkeit mit Villa Torresani nicht messen konnte ... Sie war so klein, dass Lucinde hier höchstens nur zwei Zimmer bewohnen konnte ... Schön aber war auch sie, wenn auch altertümlicher, als die auf der andern Seite des berges ... Die Decke des Vestibüls entielt Lunettenbilder von ersten Meistern ... Der Garten bot Laubengänge und Boskets ... Man zeigte einen gang hinunter, den die Weinrebe aus lieblichen Guirlanden bildete ... Dort sollten Donna Lucinda und Graf Sarzana verweilen ... Dieser gang endete in einem Rundbogen von geschnittenen Myrten ...
Hob sich hier vom dunkelgrünen Hintergrund in blendendweissem carrarischen Marmor eine in Schilfblättern kniende Nymphe mit einem Schöpfkrug als eine Erinnerung an die Wasserwelt des fernher rauschenden Anio an sich schon bedeutungsvoll ab, so noch mehr die an das Postament dieser Gruppe gelehnte Gestalt Lucindens ...
Benno sah, was das Glück vermochte ...
Lucinde, die in St.-Wolfgang von der alten, über die Alpen ihrem Pflegling, dem Bischof, gefolgten Renate verachtet wurde, von Grützmacher nach einem Steckbrief verglichen, von Tante Gülpen aus der Dechanei verwiesen, Lucinde, die sich in der Residenz des Kirchenfürsten nur durch Nück's Interesse für sie erhielt, die nicht unverdächtig der Teilnahme an einem Verbrechen auf Schloss Westerhof geblieben war – sein Beichtwissen durfte Bonaventura auch an Benno nicht verraten – sie, die Bonaventura in Männerkleidern nach Wien gefolgt war – soviel hatte Benno von ihm erfahren – sie, ein Kind der Armut, in ihrer ersten Jugend eine Magd – ... Da stand sie jetzt – in einem purpurroten Kaschmirshawl, den sie um beide arme geschlungen hielt ... Ihr weisses Gewand lag eng an ihrer schlanken Hüfte ... Ihr Haar, um den Kopf in Flechten gewunden, war frei ... Im starren Auge lag die alte Unheimlichkeit des Blicks, ihre Rache an dieser Welt für etwas, das sie vielleicht selbst nicht angeben konnte ... Ihre blinzelnde Augenwimper, ihre leise, zurückhaltende Sprache ... Letztere schon in der Todtenstille angedeutet, die Benno antraf, obgleich ihr gegenüber auf seinen langen Degen sich stützend Graf Sarzana stand, den bebuschten silbernen Helm in der Hand ... Dennoch unterhielten sie sich ... Benno konnte den Bewerber erst erblicken, als sein Fuss schon in die Myrtenrotunde eingetreten war ... Vorher stand nur Lucinde seinem Auge ersichtlich – Sie, die Richterin über das Geheimste, was mit seinem Dasein zusammenhing ...
Herr von Asselyn! sprach Lucinde Benno dem Grafen vorstellend – ohne einen Schritt weiter zu gehen oder sich in ihrer Stellung zu verändern ...
Zu Benno sagte sie lächelnd: Kommen Sie also endlich? ...
Sie hatte den Ankommenden schon beim Absteigen vom Pferde gesehen und längst ihrem Blute Ruhe geboten ...
Graf Sarzana hatte sich eben entfernen wollen ...
Benno betrachtete Lucinden, die so ruhig tat, als hätte sie ihn erst gestern zum letzten mal gesehen, betrachtete den Cavalier, der in so seltsamer Umstrikkung lebte ... Beide mit dem grössten Befremden ... Graf Sarzana war ein Mann zwischen den Dreissigen und Vierzigen ... Seine Augen ruhten auf Benno mehr finster, als freundlich