.. Er gab jede Auskunft, die der geschmeidige Priester zu hören wünschte ... Er widersprach keinem Urteil, das sich ja auch hier nicht berichtigen liess ... Er hörte nur mit Schrecken: Wir wissen alles! Wir sind unterrichtet über die Personen! Wir kennen die Orte ... Wir wissen, wo die Fackel der Empörung zuerst auflodern soll! ... Zwanzig Mitglieder der "Junta der Wissenden" haben auf die Hostie geschworen, mich binnen einem Jahre zu tödten! ... Ich weiss, dass geloost worden ist! Ich weiss, dass ein Mann in Rom, in meiner unmittelbaren Nähe leben soll, der die Aufgabe hat, mich zu ermorden! ... Nun wohlan! Ich will es aufgeben zu forschen – sonst mistrau' ich jedem, der mich grüsst, jedem, der in die Nähe meines Atems kommt ...
Eben war bei Tisch gesprochen worden von einigen Königsmördern, die kurz hintereinander in Frankreich guillotinirt wurden ... Benno horchte, ob bei allen diesen Schilderungen ein advokat Clemente Bertinazzi würde genannt werden, der ihm als Mittelpunkt der Verschwörer in Rom bezeichnet worden und – der ihn sogar selbst erwarten durfte ... Er erblasste, als Cola Rienzi genannt – Rienzi's Haus am Tiberstrand geschildert wurde – Bertinazzi wohnte dicht in der Nähe ...
Niemand sprach von Bertinazzi ...
Benno bedurfte der neuen Anmahnung seiner Mutter, um in dieser peinlichen Lage harmlos und unbefangen zu bleiben ... Nur endlich zu Lucinden zu gehen, beschwor sie ihn ... Immer noch war er nicht auf die Villa Tibur gekommen ... Die Schwiegermutter Olympiens war wieder einmal mit ihrer Tochter im Streit – Lucinde sollte "Farbe halten", und nicht auf Villa Torresani erscheinen ... Das verlangte die alte Fürstin ... Und die junge verlangte gleiches von ihren Hausgenossen ... Ceccone emancipirte sich ... Das sahen Benno und Tiebold mit Erstaunen – Nach den Diners fuhr Ceccone auf Villa Tibur ... Die Voraussetzung, dass Graf Sarzana dennoch dieser Donna Lucinde in redlichster Absicht den Hof machte, hörte Benno in der Tat ... Noch hatte er diesen Cavalier nicht gesehen ... Aber die Art, wie in Italien die Ehe geschlossen wird und um ihrer Unauflöslichkeit willen sich mit allen Verirrungen der leidenschaft vertragen muss, hatte er genug beobachtet ... Lucinde – eine Gräfin! ... Er konnte sich nicht genug die wirkung davon in Witoborn, Kocher am Fall und in der Residenz des endlich freigegebenen Kirchenfürsten ausmalen! ...
Tiebold war nicht mehr zurückzuhalten, Lucinden zu besuchen ...
Er kam von ihr zurück und hatte sie ausserordentlich vornehm gefunden ... Sie gäbe Audienzen wie eine Fürstin ... Sie hätte sich höchst bitter über Benno beklagt, der sie nicht zu begrüssen käme ... Nur die Nähe eines "Conclaves von Prälaten", darunter Fefelotti, hätte verhindert, dass er sich darüber ganz mit seiner "alten Freundin" ausgesprochen – mit ihr, die ihm den Streit über die Kreuzessplitter als Ursache ihrer gegenwärtigen Anwesenheit in Rom dankte ...
Olympia hörte diesen Bericht voll Neid und sagte grimmig lachend:
Benissimo! Die Kammerzofe meiner Schwiegermutter! ...
Sie aber werden sie nicht sehen ... Ich verbiete es ... wandte sie sich zu Benno ...
Benno brauchte sich nicht zu verstellen, wenn er seine Geringschätzung Lucindens andeutete ... Da aber mahnte jetzt sogar der Cardinal um den Besuch in Villa Tibur ... Olympia hörte diese Flüsterworte und wollte aufs neue widersprechen ...
Benno warf einen einzigen blick auf sie und sagte: Ich reite morgen hinüber, Eminenz! ...
Die junge Fürstin sah empor zu ihm, wollte bitter schmählen, dann schlich sie still davon ... Welch ein Glück beherrscht zu werden von dem, den man liebt ... Wie gern hätte sie so ihr ganzes Leben ihm zu eigen gegeben ...
Der Cardinal sah das und verstand alles ... Er lachte dieser demütig niedergeschlagenen Augen, mit denen sein Kind, erst zornig aufwallend, sich beherrschte und hinter den Säulen des Esssaals verschwand ... Dergleichen war ihm an Olympien noch nicht vorgekommen ...
Am andern Tage fuhr sie dann aber doch mit Tiebold und ihrem Mann nach Rom – eines Modeartikels wegen, sagte sie – Sie schmollte mit Benno ... Als dieser fest blieb und bat, ihm ein Pferd nach Villa Tibur bereit zu halten, weinte sie und zog ihre Fahrt bis zum Abend hinaus ... Lucinde schien ihr die einzige, die ihren beiden Freunden gefährlich werden konnte ...
Benno durfte hoffen, Lucinden allein zu finden ... Er hatte gehört, dass auch die alte Fürstin in Rom war, wo sie öfter verweilte als auf dem land – Pumpeo's wegen – Seine erste Aufwartung hatte Benno ihr in Rom gemacht ...
Lucinde, die Benno in so vielen sich widersprechenden Situationen, in Demut und Glück, in Verzweiflung und Uebermut, schön und hässlich, fromm und heuchlerisch, verführerisch und abstossend gesehen hatte – Sie jetzt auf solcher Höhe! ... Ihr sich beugen zu müssen, von ihr durchschaut zu werden, sich und seine Mutter abhängig von ihrer Grossmut, von ihrer Selbstbeherrschung zu wissen – wohl durfte ihn das alles mit Bitterkeit und Mismut erfüllen ...
Er umritt das schon im