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, ob nicht Tiebold den Sieg davontrug ... Tiebold hatte sogar den Mut, des Abends sentimental zu werden ... Beim Anblick der Wirkungen, die er damit auf die junge Fürstin machte, erleichterte sich ihm die anfangs beklommene Brust, erheiterte sich sein Rundblick auf die Verhältnisse, in die ihn die sorge um zwei dem Tod bestimmte Freunde Benno's wider alle Neigung gezwängt hatten ... Benno, dem die Fürstin noch gleichsam schmollte, blieb ernst und düster ...

Nun haben wir's, sagte Tiebold, als Benno das reizende Gartenhaus mit seiner Aussicht auf das vom Kaiser Hadrian "Tempe" genannte glückselige Tal mit ihm bezogen hatte und voll Verdruss die glänzende Einrichtung, die bronzirten Sessel, die Sammtkissen, die Verschwendung an Marmor und Krystall sah, nun werden Sie eifersüchtig auf mich! ...

Wir streiten uns, entgegnete Benno, wie zwei Fechter, die zum tod bestimmt sind! Auf dem Programm der Niedermetzelungen geschieht dem einen weniger Ehre, als dem andern! ... Bin ich darum wohletwa traurig? ...

Das verhältnis Olympia's zu Benno war in Wahrheit dies: Als sie mit Benno zum ersten male allein war und von Wien zu reden begann, erbleichte sie, zitterte und verliess, keines Wortes mächtig, das Zimmer ... Um nur Fassung zu gewinnen, gab sie sich den Schein mit ihm zu schmollen ...

Eine Täuschung nur ... Sie war auf dem Gipfel alles Erdenglücks ... Sie ritt, sie fuhr, wie in ihrer fröhlichsten Zeit ... Tiebold machte sich zu ihrem dienenden Cavalier und sie liess sich's gefallen ... Tiebold plauderte zu amusant, war immer lebhaft und gefälligimmer "präsent" – das wollen die Frauen – ... Sie konnte vollkommen mit zwei solchen jungen Männern zu gleicher Zeit fertig werden ... Tiebold hatte Recht, wenn er sagte: Unsere Tugend rettet ihr Embarras de richesses! ...

An lange Einsamkeit und ein ungestörtes Begegnen war freilich wenig zu denken ... Die Fürstin war eine Neuvermählte, Ercolano rauchte nicht eine Cigarre ohne sie, trank nicht ein Glas deutscher "Birra" ohne Benno und sein Leben bestand aus Trinken und Rauchen ... Reiter und Fuhrwerke belagerten die Tore der Villa Torresani ... Zankte auch wohl der alte Fürst, der aus der Stadt ab und zu kam, über einen Landaufentalt, der seinen Zweck, zu sparen, gänzlich verfehlte, so war nun einmal Olympia die Nichte des regierenden Cardinals und hatte als solche den Zustrom der Fremden und Einheimischen ... Da gab es hundert Monsignori, die Carrière machen wollten; Aebte, Bischöfe kamen von nah und von fern; Fefelotti sogar ordnete sich Ceccone's gesellschaftlicher Stellung unter ... Fremde kamen, die aus Kunstinteresse, andere, die aus Frömmigkeit, die meisten, die aus Geselligkeitstrieb nach Rom wallfahrteten ... Das Princip der römischen Aristokratie, so unzugänglich wie möglich zu sein, liess sich hier nicht durchführen ... Olympia wollte nicht aufhören, die Beherrscherin Roms zu bleiben ...

Und wie war die Zeit bewegt ... Couriere kamen und gingen ... Ausserordentliche Botschafter von Neapel, Florenz und Modena gab es zu empfangen ... Schon hörte man von Verhaftungen in Rom ... Von Aufhebung einzelner "Logen" ... Die Gefängnisse der Engelsburg und des Carcere nuovo füllten sich so, dass die Gefangenen des Nachts, mit starken Escorten, nach Civitavecchia und Terracina geschickt wurden ... Von ungewöhnlichen Streifcolonnen hörte man, die durch die Gebirge zogen ... Die Marine Neapels, Sardiniens, Oesterreichs kreuzte in den Gewässern von Genua, um Sicilien her und im Adriatischen Meere ... Schon wurden allgemein die Brüder Bandiera als Anführer von Trupps genannt, die demnächst an verschiedenen Stellen Italiens landen würden ...

Ceccone, der Benno sehr artig begrüsst und dem devoteren gefährten Tiebold die Hand zum Kusse gereicht hatte, war, das beobachteten beide, in äusserster Aufregung ... Seine Kutsche fuhr hin und her ... Sie wurde regelmässig von zwölf Berittenen der Nobelgarde begleitet, wenn er nach Castel Gandolfo fuhr, wo der Heilige Vater eingeschlossen lebte und mismutig über sein Körperleid die Bullen, Breves und Allocutionen unterschrieb, die man ihm aus den verschiedenen Collegien seiner Weltregierung überbrachte. Bücher wurden verboten, Excommunicationen ausgesprochen ... Wächter der Kircheninteressen gab es genug ... Wenn auch der Hohepriester nichts las, als medicinische Schriften, nichts hören wollte, als ärztliche Consultationen ... Seine Zuflucht war damals, wie bekannt, ein deutscher Arzt geworden ...

Olympia hatte in der Tat jetzt keine geringe Abneigung gegen die "Erhebung Italiens" ... Sie räderte und köpfte – "Ein paar Handschuhe monatlichEin Bedienter nurUnd deine Hemden selbst flicken –"? Mazzini, Guerazzi, Wenzel von Terschkajeden erwartete, wenn man seiner habhaft wurde, ein eigener Galgen ... Bekanntlich unterschreibt der Heilige Vater nie die Todesurteile selbst; man überreicht sie ihmwenn er nichts dagegen einwendet, hat die Gerechtigkeit ihren Lauf ... Man kann die Religion der Milde nicht milder betrügen! sagte Benno ...

Als Benno zum ersten mal mit Ceccone beim jungen Rucca dinirte, bedurfte er der ganzen Erinnerung an die Verstellungskunstdes ihm schon einmal in seinem Leid aufgegangenen Hamlet .