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drei Treppen belohnend" fand, die Kritik des "kühlen Speisesaals", die Leichtigkeit, mit der er seinen Stuhl ergriff und die entzückende natur Italiens, selbst mit "radicaler Unerträglichkeit" solcher Strekken wie von Civita-Vecchia bis hierher, die Einfachheit der Sitten, die Frugalität der Soupers – "mit Ausnahmen" – anerkannte, Roms Trümmerwelt als einen "das Auge mehr oder weniger beleidigenden polizeilichen Skandal der Jahrhunderte" bezeichnete, alles das hatte etwas so Vertrauenerweckendes und über jede Schwierigkeit sogleich Hinwegsetzendes, dass die Herzogin nicht die mindeste Scheu vor ihm empfand ... Zwischen eine Erzählung über seine Reiseabenteuer von Robillante bis hierher und die ersten Erfahrungen in einem römischen Hotel, das er sofort verlassen hätte, weil der "erste Cameriere sich gegen ihn das Benehmen eines Ministers erlaubt hätte", liess er bei Abwesenheit der beiden Diener die kühn stilisirten Worte fallen:

Altezza, anch' io suon un' filio perduto, ma ritrovato! ... Auch ich hab 'nmal eine Mutter gehabt, die in einem Zeitalter gestorben ist, von dem ich mir nur noch eine dunkle Erinnerung bewahrt habe! Jedoch an jedem Sterbetag der frühvollendeten Dulderin hab' ich mit dem alten Mann, meinem Vater, eine Messe für sie lesen lassen und ging in die Kirche, was sonst meine Gewohnheit weniger ist ... Gott, das sind jetzt zwanzig Jahre her und oft hat mich schlechten Menschen diese Gewohnheit genirt. Aber ich tat's um meines Vaters willen. So lang' ich lebe und es noch Kirchen gibt, setz' ich diese Gewohnheit fort an jedem vierzehnten October, Tag des heiligen Burkard, vorausgesetzt, dass unsere Kalender stimmen, Hoheit! ... Ich bin nicht ganz so aufgeklärt, wie mein Freund daAsselyn. Ich kann Ihnen, wenn Sie es wünschen, Herzogin, auf jede Hostieselbst eine wundertätigebeschwören, dass ich mir die Ehre, Mitwisser Ihres "übrigens längstgeahnten" Geheimnisses zu sein, durch eine Discretion verdienen werde, die Ihnen möglicherweise selbst auf die Länge peinlich werden dürfte! ... Unglaublich! Wirklichder Kronsyndikus –! Na, wissen Sie, Benno, wie wir damals bei dem Leichenbegängniss – ... Doch kein Wort! ... In der Kunst, sich dumm zu stellen, hab' ich die Vorteile voraus, die einem gemeinschaftlichen Freund von uns zugute kamen, der eines tages die Entdeckung machte, dass durch systematisches Ignoriren sich am besten die Ignoranz verdecken lässt! ... Bruto e muto! ... So wahr wie

Marco's Kommen unterbrach einen, wie es schien, auf Haarsträubendes berechneten Schwur ...

Die Herzogin verstand aus den französischen Beimischungen seiner Rede, was er andeuten wollte, und Benno küsste die Hand der MutterTiebold bat um die gleiche Gunst ... Die glückliche sass, wie sie sagte, wie die Perle im Golde ...

Marco schien ihr alles das von Herzen zu gönnen ... Er sah auf nichts, als auf die Leistungen seiner Kochkunst ...

Die trauervollste, ernsteste Stimmung musste durch Tiebold de Jonge immer mehr gemildert werden ...

Tiebold erzählte, bald italienisch, bald deutsch, bald französisch und noch öfter Benno zum Uebersetzen veranlassend, von einem aus Paris von Pitern vorgefundenen Brief ... Er verbreitete schon damit über die Züge der Herzogin den Ausdruck einer Heiterkeit, die sie seit Jahren nicht gekannt hatte ... Tiebold's Humor hatte die seltene Eigenschaft, beim Scherz dem etwaigen Ernst, der eingehalten werden musste, nicht im mindesten seine Würde zu nehmen ... Jede vom ab- und zugehenden Marco und seinem Genossen, der eine stattliche Livree trug, gelassene Pause, benutzte er, die saiten zu berühren, die in Benno's inneren zu mächtig nachbebten ... Wie wuchs die Verehrung vor ihrem Sohn, als die Mutter sah, dass Benno solche Freunde gewinnen konnte ... Tiebold äusserte in noch verstärkterem Grade die Besorgniss, die Benno über das Schicksal der beiden Männer hatte, die ihm so wert geworden ... Er teilte "unbekannterweise" ganz diese Sympatie für die Gebrüder Bandieraohne allen Neid ... Er sah eine sorge im Gemüt des Freundes und suchte ihr abzuhelfen; das war ihm Aufgabe genug ... Ohne selbst Politik zu treiben, konnte er sich "dergleichen Wahngebilde von einem fremden Standpunkt aus vollständig erklären" ... Es war der immer gleiche Trieb der gefälligkeit, der in Tiebold's Herzen so freundliche Wirkungen hervorbrachte. Dieser Trieb verband sich mit dem behaglichen Gefühl seiner sorglosen Lebenslage, seiner reichlichen Mittel, vorzugsweise dann freilich auchmit dem ungewissen Halt seiner eigenen Bildung. Sah er kluge Leute von einer Sache interessirt, so war er selbst klug genug, ihren Meinungen "vollständig Rechnung zu tragen" ... Italien und Rom "waren nun einmal da" ... Die Interessen dieses "überhitzten und in einem südlichen Klima gelegenen Landes" waren ebenso abzuwarten, wie der Hemmschuh des Vetturins ... Vollends war "die Guillotine kein Spass" ... Tiebold besass jene seltene Toleranz, die eine fremde Welt um so mehr achtet, je weniger sie davon versteht ...

Nur schade, dass die Herzogin der "neuerfundenen Mischsprache" Tiebold's nicht immer folgen und so recht die Gegensätze und Natürlichkeiten geniessen konnte, die in dieser empfänglichen Seele zu gleicher Zeit Platz