entgegnete: Lehrt durch Schriften und Gedanken! – lachten beide und erwiderten: Italien und ein Kind begreifen nur durch Beispiele! Der Buchstabe, Dank der langen Beschränkung desselben, kommt unserm ungebildeten, wenn auch geistesregen Volk nicht bei; hier will man sehen, hier mit Händen greifen, die Wundenmale berühren! Von den Jesuiten erzogen, wird dies Volk belehrt, dass die Patrioten lächerlich und schwach wären. Aber das Beispiel eines Aufstands in Genua oder Sicilien oder in der Romagna muss deshalb auf einige Tage das Gegenteil beweisen. Italien bewundert Räuber um ihres Mutes willen! ergänzte Attilio. Was ist der Tod! fiel Aemilio, der jüngere, wieder ein. Schreckhaft nur, wenn man im Leben Dinge verfolgt, die sich ausschliesslich an unsere eigene person knüpfen. Aber schon der Krieger gewöhnt sich und sogar im Frieden durch die Tausende, die mit ihm in gleicher Lage sind, von seinem Ich als einem völlig Gleichgültigen zu abstrahiren. Einer da mehr oder weniger – wen darf das schrecken! Vollends, sprach der ernstere und ruhigere Attilio, wenn man die Philosophie zu hülfe nimmt! Die Erde ist ein Atom im Weltgebäude; diese Luft, diese Gestirne, diese Welten, diese Bäume, diese Menschen sind nur Schatten eines andern wahren Seins, das mit unzerstörbarer Göttlichkeit über dieser Welt der flüchtigen Erscheinungen tront! ...
Die Herzogin erhob sich, überwältigt von den angeregten Empfindungen ... Sie wollte, wenn von Italien die Rede war, nur vom Siege, nur von Kränzen des Triumphes hören ... Der Tod ist nur für die Feigen da, für die Tyrannen! rief sie ...
Auch Benno war in höchster Erregung aufgestanden ... Auch durch seine Adern pulste das Blut in mächtigerer Strömung ... Nach einigen Gängen hin und her auf der dunkelgewordenen Altane beruhigte er sich und fuhr leiser sprechend fort:
Ich blieb länger auf Malta als meine überlegung hätte gestatten sollen ... Die liebenswürdigen jungen Männer, mit denen ich auch über Deutschland, über unsere Dichter und Denker so gut wie über Italien sprechen konnte, fesselten mich zu lebhaft. Ich wusste nicht, um was ich sie mehr lieben sollte, ob um ihrer Freundschaft und brüderlichen Eintracht willen oder um einen sich so bewundernswert ruhig gebenden Fanatismus. Was nur Schönes in der Menschenbrust leben kann, das hatten diese Jünglinge sich zu erhalten und auszubilden gewusst. Die Schilderung der Sternennacht auf den Lagunen Venedigs, in der sie nach ihrer von London erhaltenen Weisung beschliessen mussten, zu Verräter an ihren nächsten Lebenspflichten, an ihres Vaters Ehre, an ihrer eigenen, am Herzen der Mutter zu werden, war erschütternd – Sie erzählten, dass sie unschlüssig gewesen wären, ob sie sich nicht selbst erschiessen sollten ... Ich nannte im Gegenteil das Martyrium unserer Zeit: Sich dem nicht entziehen, worauf uns Geburt, Stellung und das Vertrauen der Menschen angewiesen haben! ... Möglich, dass ich dies Axiom zu sehr von Priestern entnahm, die unter dem Druck ihrer Gelübde leben müssen und sie nicht brechen wollen – aus Furcht, einer Sache zu schaden, die sie in ihrem Wesen lieben ... Mit einem Wort – ich liess ein Herz voll Freundschaft in Malta zurück ... Auch voll Dankbarkeit ... Das felsige Eiland fesselte mich mit seinen geschichtlichen Erinnerungen länger, als ich hätte bleiben sollen; bald bildeten sich unter den Flüchtlingen zwei Parteien; eine, die das Vertrauen der Brüder Bandiera zu mir teilte, eine andere, die mich für einen Spion erklären wollte. Meine Kurierreise von Wien war bekannt geworden und sprach gegen mich. Ich fing an mich verteidigen zu wollen und, wie in solchen Fällen es geht, verwickelte mich dadurch nur desto mehr. Ich fürchtete Concessionen zu machen, die über mein noch nicht reifes Nachdenken über diese fragen hinausgingen. Die Mischung der Charaktere, die ich antraf, war abenteuerlich genug. Kaum waren reine und consequente Gesinnungen unter Menschen vorauszusetzen, unter denen ein wankelmütiger, schwacher, aus Furcht vor seiner Schwäche wieder tückisch gewaltsamer Mensch wie Wenzel von Terschka eine Hauptrolle zu spielen scheint ...
Auch Pater Stanislaus war zugegen? ... wallte die Mutter erschreckend auf ...
Nicht in person – er dirigirt von London aus ...
Wo er dein Nebenbuhler ist – ...
Lucinde hat dich gut unterrichtet! ... sagte Benno ... Da sprach sie sicher auch von Tiebold de Jonge? ...
Auch von ihm ...
Tiebold wurde die Ursache, dass ich endlich von Malta und den immer bedenklicher gewordenen Verpflichtungen aufbrach ... Mein Freund war nach Italien gekommen und wartete auf mich in Robillante ... Wenn ich dir die Versicherung gebe, dass Tiebold de Jonge zwar das närrischste Italienisch spricht, aber das beste Herz von der Welt und eine Freundschaft für mich hat, wie sie nur die Brüder Bandiera gegeneinander besitzen, so wirst du mir vergeben, wenn ich ihn zum Vertrauten – meiner ganzen Lebenslage gemacht habe ...
Die Mutter horchte auf ...
Noch mehr! fuhr Benno fort. Ich habe nur im vollen Einverständniss mit ihm gewagt hierher zu reisen und einen Plan zu verfolgen, der – mir – eine Sache des Herzens war ... Indessen – jetzt ...
Welchen Plan? fragte die Mutter, noch immer der letzten Aufklärung harrend ...
Marco meldete sich im Esszimmer mit dem Geklapper seiner Anrichtungen ...
Benno sprach leiser:
In