von ihr Abschied zu nehmen. Er hatte seine Bereitwilligkeit, ihren Wünschen zu genügen, auch noch darin bewährt, dass er in dem haus des Professors seiner Pflegetochter, wie sie beinahe genannt wurde, eine grössere Freiheit erwirkte, als sie in Hamburg genoss. Sie hatte ihre eigenen Zimmer. Die Nachricht, dass sie die Braut eines Festungsgefangenen war, hatte sich bald verbreitet. Der seltsame Umstand, dass der eigene Vater des vom Dr. Klingsohr erschossenen Herrn von Wittekind es war, der seine Hand schützend über sie ausgestreckt hielt, wurde romantisch genug ausgeschmückt.
Am Abend vor der Abreise des Kronsyndikus hatte sie mit ihm noch eine herzbeklemmende Scene ... Sie hatte, da er ganz in der Frühe reisen wollte, die Nacht über wieder in dem Gastofe bleiben wollen, wo sie gleich anfangs mit ihm abgestiegen war. Sie konnte ihn erst in später Abendstunde erwarten, wo er zurückkehrte von einer Unterredung mit einigen österreichischen Offizieren, die sich in dieser "rossprangenden", an Gestüten reichen Gegend zum Ankauf von Pferden befanden. Schon oft hatte sie auf Schloss Neuhof von jener kindlichen Blondine, der Gräfin Paula von Dorste-Camphausen, einer Nichte des Kronsyndikus, gehört, dass ihr unermesslicher Reichtum nach dem tod ihres kränkelnden Vaters, des Grafen Joseph (Schwagers des Freiherrn), Anlass zu einer grossen Veränderung geben würde auf Antrieb einer in Oesterreich ansässigen zweiten Linie des alten Grafengeschlechts der Camphausen. Der Kronsyndikus, der Oheim, vielleicht der künftige Vormund der beiden letzten Augen, auf welche die eine Linie stand, der schönen sanften Augen jener Kleinen, die einst Zeuge gewesen war, wie sich Lucinde in die Pagode des Wassergeflügels auf Schloss Neuhof geflüchtet hatte, war mit dem Vertreter der österreichischen Linie, Grafen Salem-Camphausen, hier zusammengetroffen zu Besprechungen, in die Lucinde, wie in die vielen andern Beziehungen, in deren Chaos der Kronsyndikus lebte, keine nähern Einblicke erhielt. Diese Besprechungen fanden in einem Badeort bei Kiel statt, dessen Name dem Kronsyndikus Erinnerungen wecken musste, unheimlich genug – Düsternbrook.
Gegen neun Uhr kam der Kronsyndikus von einem Diner heim, bei welchem wider Vermuten eine Anzahl von Offizieren der Garnison zu Ehren der fremden Gäste zugegen gewesen war. Graf Hugo von Salem-Camphausen, ein stattlicher junger Cavalier, begleitet von seinem Freunde, einem Baron Wenzel von Terschka, wie Lucinde schon wusste, führte den Kronsyndikus die Stiegen des Hotels hinauf. Sie sprang in ihr früher schon innegehabtes Neben- und Schlafzimmer, merkte aber wohl, dass der Greis in der Gesellschaft fröhlicher Lebemenschen sein Leid vergessen und dem Weine zugesprochen hatte in altgewohnter Art. Dennoch blieb er still und verabschiedete sich von dem Grafen mit einem Tone, der seiner gedrückten Situation angemessen war.
Als die Cavaliere sich entfernt hatten und zu einigen Wagen voll Offizieren (unter ihnen ein Prinz von einer Seitenlinie des regierenden Hauses) zurückgekehrt waren, um, wie Lucinde später erfuhr, noch in die heute stattgefundene Eröffnung der Teatersaison zu fahren und dort die Kritik der neuen truppe mit einigen Demonstrationen zu verbinden, die das aufgeführte Stück unterbrachen und einen Conflict mit der im Parterre befindlichen Studentenschaft herbeiführten, klopfte sie an und trat zum Kronsyndikus ein. Dieser sass bereits am geöffneten Schreibbureau. Er hatte ein Kästchen geöffnet, aus dem er Schmuckgegenstände hervorgenommen hatte ...
Wie er Geräusch hörte, sprang er auf und rief:
Wer da?
Es währte einige Augenblicke, bis sich der heftig erschrockene Mann in die Nähe Lucindens gefunden hatte.
Der Diener brachte noch einige Lichter mehr, da sich der Kronsyndikus beim Herauskommen, trotzdem, dass zwei schon brannten, über die grosse Dunkelheit beklagt hatte.
Lucinde erklärte den Grund ihrer Anwesenheit: Die Abreise ihres Wohltäters in erster Morgenfrühe und ihr Bedürfniss, den Abschied noch bis dahin zu verschieben.
Auffallend langsam fand sich der Greis in dem, was sie sagte, zurecht und erwiderte wie abwesend:
Gut! Gut!
Jetzt winkte er dem Bedienten und sagte, dass er zu Bett gehen wollte.
Lucinden einfach zunickend, ging er ins Nebencabinet und drückte die Tür desselben zu.
Nach einer Weile kehrte der Diener zurück und flüsterte Lucinden zu, die mit Spannung gewartet hatte:
Es muss ihm was in die Quere gekommen sein ...
Wo aber? fragte sie ebenso leise.
Bei den Offizieren!
Diese wussten doch, dass er trauerte, und dennoch –
Lucinde wollte sagen, wie unrecht man getan hätte, ihn in den Zustand zu bringen, wie sie ihn gefunden ...
Der Diener erzählte aber, dass die Offiziere im Gegenteil in grösster Ruhe zu Tisch gesessen hätten, dass von dem Grafen Salem-Camphausen ein Glas ergriffen und gesagt worden wäre, sie wollten es leeren ohne anzuklingen und dabei eines unglücklichen Vaterherzens gedenken. Feierlich hätten da alle die Gläser ausgetrunken und sie niedergestellt wie "aufs Tempo". Es hätte einen schauerlichen Eindruck gemacht. Da nun aber wäre der Kronsyndikus selbst gesprächig geworden und hätte, aus Dankbarkeit und wohl auch Rührung über die Schonung, die Herren ermuntert, es nicht so ernst zu nehmen. Nun wäre die Rede auf Lucinden gekommen –
Auf mich? fragte sie erstaunt.
Der Diener konnte auf ihr Drängen, was man von ihr gesagt hätte, nichts erwidern; denn da er beim Aufwarten geholfen, hätte er sich gerade entfernen müssen.
Wie ich aber zurückkomme, fuhr er flüsternd fort, lachen sie alle, sprechen aber französisch und der Alte zieht aus der tasche eine von den Kostbarkeiten, deren er Ihnen schon viele geschenkt