, sprach Attilio, mit ihren geputzten Sonntagsgästen, mit ihren Stutzern und Damen unter leuchtenden Sonnenschirmen, an Mestre vorüberfahren und auf Campanede's kleine Häuser deuten, wo ihr Vater wohne – sie würden nicht lachen, sie würden ihm – um ihretwillen stille Evvivas bringen ...
Ha ragione! sagte die Mutter fest und bestimmt ... Sie hatte keine Teilnahme für den Vater, sondern nur für die Mutter und die Söhne ...
Doch wollte sie diese nicht als Märtyrer, sondern als Sieger sehen ... Die Rosse sollten ihnen vom Schicksal so wild und stolz gezäumt werden, wie den olympischen, die sich drüben auf dem Monte Cavallo aus des Praxiteles Hand bäumten ... Diese Evvivas, sagte sie, werden bald laut werden und Sieg bedeuten! ...
Benno zuckte die Achseln ... In seinen Mienen lag der Ausdruck des Zweifels ... Es lag aber auch der Ausdruck der Kämpfe in ihnen, die schon lange in seinem inneren vor sich gingen ... Er war nie ein Ghibelline gewesen im Sinn der Bureaukratie Deutschlands wie sein Bruder, der Präsident – aber ein Welfe zu werden, wie etwa Klingsohr, Lucinde, andere Abtrünnige, widerstand ihm ebenso ... Der Mutter konnte er seine irrenden Gedankengänge nicht mitteilen ... Er erzählte nur ...
Zunächst berichtete er, wie er die Brüder auf dem Kriegsschiff täglich besucht und mit ihnen politisirt und philosophirt hätte, bis das Schiff die Anker lichtete und nach Malta segelte ... Später, als die Hitze in Sicilien und bei seinen Wanderungen auf den Aetna zu unerträglich geworden, wäre auch er ihnen nach Malta gefolgt; er hätte sie auf dem felsigen Eiland mitten unter den für sein Gefühl zweideutigen Elementen der emigrirten Verbannten wiedergefunden wie zwei Engel des Lichtes ...
Schreckhaft, fuhr er in seiner Darstellung fort, war die Seefahrt selbst ... Nach Tagen der drückendsten Hitze sprang das Wetter um und ich erlebte einen Sturm. Die Küste Siciliens wurde ein einziger Nebelball. Das dunkelgraue, bald nur noch einem weissen Gischt gleichkommende Meer wälzte sich wie von einem unterirdischen Erdbeben gehoben. Das Schiff, ein englischer Dampfer, sank und stieg, wie von geheimen Schlünden ergriffen, die es bald hinunterzogen und wieder ausspieen. Jeder Balken ächzte. Der Regen floss in Strömen. Das arbeiten der Maschine mehrte unsere Beklemmung, die den Untergang vor Augen sah. Schreckhaft, wenn nur immer die Räder der Maschine hochauf ins Leere schaufelten – man fühlte dann die furchtbare Gewalt des Dampfes, der keinen Gegenstand fand und die Esse hätte sprengen müssen. Aber in diesem Toben und Rasen des Sturms und des Wassers erkennt man die allgemeine Menschenohnmacht und ergibt sich zuletzt – fast wie der Träger einer Schuld, die gleichsam unser Vorwitz schon seit Jahrtausenden gegen die natur auf sich geladen hat. Auf dem engen Lager der Kajüte hingestreckt, erfüllte mich zuletzt Seelenruhe, auch wenn in der Nacht das Schiff auf ein Riff oder ein ihm begegnendes Fahrzeug geschleudert worden wäre. Der Tod infolge einer Naturnotwendigkeit hat, wenn man sich daran zu gewöhnen Zeit bekommt, nichts Schreckhaftes mehr ... Ich erzähle das alles, weil Aemilio Bandiera ganz ebenso vom Segeln auf den Wogen der Zeit sprach ...
Die Mutter machte alle möglichen Zeichen der Abwehr und des Protestes gegen eine solche Ergebung in das Unglück ... Mitgefühl und Aberglaube lagen auf den gespannten Zügen ihres Antlitzes, das jedesmal, wenn eine edle leidenschaft es erregte, einen lichtverklärten Anhauch ehemaliger Schönheit erhielt ...
Attilio setzte hinzu, fuhr Benno fort, bei solchen Schrecken stünden soviel unsichtbare Engel zur Seite und fingen den Streich der notwendigkeit auf und soviel, Tausende riefen: Uns ging es ja ebenso! ... Oft, wenn ich mit den Brüdern auf dem Molo von La Valette spazieren ging, rings das weite Meer wie nach beruhigter leidenschaft in lächelnder Majestät lag, wenn ich mich in allem erschöpft hatte, was die geschichte und die gesunde Vernunft gegen die italienische Form, die Freiheit der Völker zu erringen, lehrten – antworteten sie: Das mag auf euch passen, aber nicht auf uns! Und auch auf euch passt es nur den Männern, nicht der Jugend! Die Jugend und ein unreifes Volk folgen der überlegung nicht, sondern dem Instinct. Wir wissen, dass unsere Einfälle, die wir da oder dort in das Erbe der Tyrannen machen, noch scheitern müssen. Aber weit entfernt, dass sie darum dem Spott unterliegen, lassen sie immer etwas zurück, was dem nächstfolgenden Versuch zugute kommt. Immer ist wenigstens Ein heroischer Zug, Ein überraschender kleiner momentaner Erfolg vorgekommen, der dann für den nächsten Versuch ermunternd wirkt; man hatte ein Schiff, einen Turm erobert, es waren einige der Gegner gefallen – Wenn Sie Recht haben sollten, dass die Freiheit immer nur eine Folge eines andern historischen grossen Impulses ist – wie Graf Cesar Balbi lehrt, der für Italien erst den Untergang des osmanischen Reichs als erlösend betrachtet – so muss für eine solche möglicherweise eintretende Krisis die Gesinnung vorbereitet sein. Wir müssen diese Aufstände, so nutzlos sie scheinen, nur allein der Anregung wegen machen. Sie werden noch lange Jahre hindurch scheitern, manche Kugel wird noch die Besiegten mit verbundenen Augen in den Festungswällen niederstrecken, manches Haupt wird auf dem Henkerblock fallen: das tut nichts; alles das hält nur die Frage wach und bereitet vor für ihre künftige Entscheidung ...
Die Mutter horchte voll Grauen ...
Als ich