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und die Schande vollkommen zu erkennen, die sie ihm bereiteten ... Er erzählte die rührendsten Züge ihrer anhänglichkeit ... Wie erkannt' ich das schöne Band, das einen Sohn an seinen Vater fesseln kannwie den Schmerz, nicht mit ihm dieselbe Bahn gehen zu dürfen! ... Ich vergegenwärtigte mir den Mann, dessen Namen auch wir tragen sollten und sagte mir: Hättest du ihn im Leben zur Rechenschaft fordern dürfen, wer weiss, ob sein Anblick dich nicht entwaffnet hätte ...

Orest tödtete seine Mutter! wallte die Herzogin auf ...

Aber die Furien verfolgten ihn! entgegnete Benno ...

Ein unheimliches Brüten trat in die Augen der Herzogin ... Sie schien sich auf die Momente Wittekind's zu besinnen, von denen sie selbst erzählt hatte, dass sie bestrickend sein konnten ... Sie brütete, ob sich Benno etwas daraus machen würde, sich mit der Zeit einen Wittekind zu nennen ... Fefelotti konnte mit einem Federstrich ihre Ehe legitimiren ... Für wissentliche und unwissentliche Bigamie gab es in Rom dicht an der nächsten Strassenecke die officielle Entsühnung ...

In Ancona nahm ich Abschied von dem greisen Helden, fuhr inzwischen Benno fort. Obgleich das Schiff einen Tag rastete, blieb der Admiral auf seinem Elemente. Anconas Türme schreckten ihn. Er hatte die Fahne des "Jungen Italien" auf ihnen gesehen. Er hatte die Flüchtlinge von Forli und Rimini aufgefangen und an die Kerker des Spielbergs ausgeliefert ... So lohnte ihm die Nemesis ... Er drückte meine Hand, ermahnte mich, wenn ich älteren hätte, ihnen Freude zu machen, empfahl sich dem Obersten von Hülleshoven und zeigte nach Südost, zu den jonischen Inseln hinüber. Die Heimat des Ulysses! sagte er ... Ihm würde keine Ruhe mehr werden, deutete er damit an. Er wollte seiner Weinreben in Campanede warten. Der Gedanke an seine Gattin, die Mutter dieser geliebten Söhne, füllte sein Auge mit Tränen ...

Die Herzogin machte eine Miene, als wollte sie sagen: Ah bah! Was hilft das uns! Kümmere dich nicht um ihn! ...

Ich erlitt in Ancona eine Verzögerung, fuhr Benno fort, weil gerade damals Grizzifalcone den Weg nach Rom besonders unsicher machte ... Der Eilwagen fuhr in Begleitung eines Detachements Carabiniers ...

über den Angriff bei Olympiens Hochzeit, über die Gefahr der Mutter, den Tod des Räubers hatten sich die Briefe genugsam ausgesprochen ... Dennoch kam Benno mit neuem Bedauern darauf zurück ... dafür kürzte er die Schilderung seines Aufentalts in Rom ab, der bis zum Carneval und bis zur Ankunft der Mutter gedauert hatte ...

Da entflohst du wieder! ... sagte sie. Bereitetest meiner sehnsucht die schmerzlichste Enttäuschung! ... Nun ich von deiner Liebe zu Armgart weiss, verstehe' ich esund alles das nennst du deutsch! Deutsch ist euch die Ehrlichkeit –! ... Dein Vater war nun auch ein Deutscher und dennochDoch fahre fort! ... Ich ahnesagte die Mutter mit zagender stimmedu lerntest die Gebrüder Bandiera selbst kennen ...

Ich ging nach dem Süden, sprach Benno mit bejahender Miene, sah Neapel, schwelgte in Sorrent, kletterte über die Felsen Capris und Ischias, lernte die Sprache des volkes, die eine andere als die der Grammatik ist, und reiste nach Sicilien ... Ich machte die Reise mit einigen Engländern, die ich in Sorrent kennen gelernt hatte im haus der Geburt Tasso's ... Wir stimmten beim Anblick einer alten Bronzebüste des Dichters überein, dass nach diesem Abbild Tasso die hässlichste Physiognomie von der Welt gehabt haben müsste und dadurch seine Stellung zu Leonore d'Este eine neue und komische Beleuchtung erhielte ... Ich blieb mit diesen heitern Engländern zusammen ... Wir reisten nach Palermo ... Dort besuchten wir ein englisches Kriegsschiff, das im Hafen lag ... Wir dinirten am Bord desselben; köstlicher und fröhlicher, als ich seit Jahren auf dem land gelebt ... Der Wein floss in Strömen ... Die Engländer meiner Bekanntschaft waren mit dem Kapitän von der Schule zu Eton her bekannt ... Am Tisch sassen zwei junge Männer, Italiener, die bei dieser ausgelassenen Schwelgerei die Zurückhaltung und Mässigkeit selbst waren ... Sie sprachen Deutsch und Englisch, waren bildschön, hatten Augen von einem glühenden und doch wieder so milden Feuer – ...

Wie du! unterbrach die Mutter wie mit dem Ton der Eifersucht ... Sie weidete sich an Benno's Anblick, der ein edler und männlicher war ...

Sage, wieverkleidete Angiolinen! ... entgegnete Benno ... Die Söhne Bandiera's waren wie Castor und Pollux ... Redete man den einen an, so errötete statt seiner der andere ... Nach Tisch wurde auf dem freien Element bei einem Sonnenschein, der alle Herzen der Menschen mit Liebe und Versöhnung hätte erfüllen sollen, politisirt ... In der Ferne lag das rauschende wilde Palermo mit seinen Kuppeln und Türmen; sein Kauffahrteihafen mit Hunderten von Masten; das englische Kriegsschiff mit achtzig Kanonen lag dicht am Castell und diente zur Unterstützung einer Differenz des englischen Leoparden mit der Krone Neapels3... dicht lag es an dem abgesonderten Festungshafen Castellamare ... Ich erzählte den Brüdern meine Begegnung mit ihrem Vater und