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so auf die Weise des politischen Lebens in Italien gestimmt dass er den besorglichen blick der Mutter wohl verstand ... Ein Courier mit österreichischen Depeschen ist in Italien nicht vor dem tod sicher ...

Die Fahrt dauerte zwei Tage und zwei Nächte ... erzählte Benno. Die Küste der Romagna kam und verschwand wieder. Die hohen Apenninen sah das Fernrohr bald, bald verloren sich die zackigen, zuweilen schneebedeckten Höhen. Jenseits derselben lag Rom! ... Auf die Länge war nicht zu vermeiden, dass Bandiera mit mir in gespräche verwickelt wurde. Er erkundigte sich nach meiner Heimat. Da er sie nennen hörte, sprach er von einem mir unendlich teuern Namen, der aus dortiger Gegend gebürtig ist. Den englischen Obersten Ulrich von Hülleshoven hatte Bandiera auf der Rückreise von Rio Janeiro, wohin er die Erzherzogin Leopoldine von Oesterreich als Kaiserin von Brasilien überführt hatte, in Canada kennen gelernt ...

Den Vater deiner Armgart! ... sagte die Mutter lächelnd ...

Benno erwiderte:

Du sahst wohl an Lucindens Schilderung, dass diese Liebe mehr ein Gegenstand des Spottes als des Glückwunsches ist ... Schon hab' ich mich gewöhnt, sie wie meinen Stern des Morgenlands zu betrachten, dem die Lebensreise unbewusst folgt ... Ich hoffe um so weniger auf Erfüllung, als der Freund, den ich jeden Augenblick erwarte, ebenso leidet wie ich ...

Mein Sohn, sagte die Mutter voll Teilnahme, es gibt in der Liebe vielerlei Wege ... Die gerade Strasse führt nicht immer zu dem was für uns bestimmt ist ... Hoffe! ...

Benno hielt einen Augenblick inne und schüttelte seine ihm fast auf die Schultern reichenden schwarzen Locken ... Nach einer Weile fuhr er fort:

Auf diese Mitteilung, die mich ausserordentlich überraschte, wurde ich mit Admiral Bandiera vertrauter ... Dass der vom Staatskanzler mir gegebene Auftrag eine ganz zufällige Veranlassung hatte, schien ihn fast zu erfreuen ... Er fasste Vertrauen, als ich ihm sagte: Die Jugend des jetzigen Europa wächst in neuen Anschauungen auf! Zwei Offiziere, die ihren Eid brächen, könnte man freilich nicht entschuldigen; aber wie oft hätten auch die Völker und die Fürsten in diesen zeiten ihre Eide brechen müssen! ... Nein, wallte er auf, ich schiesse sie nieder, die Fahnenflüchtlinge, Verräter an ihrem Kaiser, ihrem Schiff, dem sie angehörten, dem Palladium ihrer Ehre! ... Die Erregung, mit der der greise Admiral diese Worte sprach, glich der des Brutus, der seine Söhne zu richten hat ... Dennoch könnt' ich erwarten, dass diese Reise nach Korfu, wo die Söhne ein Asyl bei den Engländern gefunden hatten, die Wendung der Versöhnung nahm. Ich bemitleidete den Greis, dessen Inneres von Folterqualen zerrissen schien ... Die Mutter nahm schon längst Partei für die Söhne ... Sie machte eine jener verächtlichen Mienen, von denen auch nur, wenn innerliche Abneigung sie ergreift, die Südländerin ihre Gesichtszüge entstellen lässt ...

Ihren Pahs! und Ehs! erwiderte Benno:

Ich rechnete zu des Paters Leiden die mir vollkommen ersichtliche Liebe und Teilnahme für seine Söhne ... Sie schienen die Augäpfel seines Lebens ... Beide Söhne waren der Stolz der Mutter, die nach Mailand geeilt war, um die Gnade des Vicekönigs anzurufen ... Sie hatte tröstende Versprechungen zurückgebracht, falls die Flüchtlinge reuig wiederkehrten ... Ja im Stillen gährte in des Alten Brust die Regung des geborenen Italieners. Er glaubte vollkommen an die Möglichkeit dieser Verirrung, schrieb er sie auch nur auf Rechnung der VerführungEr, er wollte ihnen lieber die kaiserliche Kugel vor die Stirn brennen lassen, rief er aus, als sie mit diesen Mordbrennern und Mördern in London, Malta, Korfu, wo die Junten des "Jungen Italien" sässen, Hand in Hand gehen zu sehenBald jedoch setzte er hinzu: Dort suchen und finden sie die Kugel sichrer, als wenn sie nach Venedig zurückkehren, ihren Richtern sich stellen und ihr Schicksal der Gnade des Kaisers empfehlen! ... Was tun solcher Jugend, fuhr er wieein Italiener zu calculiren fort, ein paar verlorene Jahre? Bis dahin ändert sich vieles. Aemilio, mein jüngerer, ist kräftig; Attilio, der ältere, zartererst dreiundzwanzig Jahre alt ...

Das Auge der Herzogin leuchtete hell auf ... Ihr Herz schlug für die jungen Flüchtlinge, die zu jenem Bunde gehörten, von dem zwölf Logen auch in Rom wirken solltenzu jenen Verschwörungen, um derentwillen Fefelotti und Ceccone scheinbar Frieden geschlossen ... Nur blieb sie besorglich gespannt ... Wie konnte diese Begegnung Veranlassung sein, dass Benno so plötzlich nach Rom kam und sogar, wünschen konnte, Ceccone und Olympien wieder zu begegnen ... Ihre Augen, die wie glühende Fragezeichen auf dem sonnenverbrannten Antlitz des Sohnes hafteten, sprachen: Was willst du mit alledem? ...

Mutter, sagte Benno liebevoll, ich gestehe dir's, ich habe bei allen diesen Beziehungen nur an dich gedacht, habe aus deinem Sinn heraus darüber geurteiltdu hattest mich schon in Wien zum Italiener gemacht ...

Divino! flüsterte die Herzogin und küsste Benno's Stirn ...

Benno drückte ihre Hand und fuhr fort:

Ich empfand Mitleid mit dem Vater und den Söhnen ... Auch die Söhne schienen ihren Vater zu lieben