für die Trinitatiszeit normalen abendlichen Horengesänge; sie verstand nicht, wie die Worte in schneidender Ironie zur Verstümmelung des Sängers standen; im Geist aber hörte sie Benno's Aeusserung: Schon um diese krähenden Hühner der Sixtinischen Kapelle allein muss die römisch-katolische Kirche, wie sie jetzt ist, untergehen! ...
Mancher lächelnde und ironische blick haftete an der Herzogin ... Er sollte ihrem Sturz gelten ... Sie dagegen durfte diesen Monsignores, Ordensgeneralen, Uditores und Adjutantes di Camera nicht minder ironisch lächeln ... Wie nur eine Hofdame bei einer grossen Cour die Geheimnisse all dieser so steif sich verbeugenden Welt von ihrer Reversseite übersieht, so blickte auch sie auf alle diese tonsurirten Häupter, die das Frauentum aus ihrem Leben ausgeschlossen zu haben schienen und die alle, alle doch gerade vom Frauentum am meisten abhängig waren – nächst ihrem Ehrgeiz ...
Ihren Wagen behielt sie und befahl dem Kutscher, sie heute auf den Corso und in den Park der Villa Borghese zu fahren ... Sie kam sich wie wiederhergestellt vor ...
Wie sie gegen neun Uhr nach haus kam, hörte sie, dass ein Fremder nach ihr verlangt hätte ... Er wollte morgen zeitig wiederkommen – hiess es ...
Dem beschriebenen Wüchse nach war es Benno ... Ein dunkler, voller Bart, der das ganze Gesicht beschattete, ein grauer Calabreserhut – das stimmte freilich nicht zu ihrer Erinnerung ... Aber – wer konnte es denn anders sein? ...
Zu Nacht speiste sie nichts vor Aufregung ...
Mit zitternder Hand schrieb sie in ihre Asche: "Sano"?
Kaum, dass sie einige Stunden schlief ...
Am Morgen las sie: "Salve!" ...
In der Tat lag sie einige Stunden später in Benno's Armen.
Fussnoten
1 Die Stelle Augustin Teiners aus Schlesien.
6.
Ein geliebter Freund, der aus weiter Ferne von Reisen zurückkehrt, breitet zuvor seine Geschenke aus ... Benno brachte genueser Korallenschmuck und mailänder Seidenstoffe ... Kostbarer aber, als alles, war sein eigenes Selbst ...
Und war er es denn auch wirklich? ... War es jener liebenswürdige junge Mann, der vor einem Jahr am Kärntnertor zu Wien aus dem vierspännigen Wagen der Herzogin von Amarillas sprang? ... Aeusserlich machte er geradezu den Eindruck eines Italieners ... Gestern, frisch vom Postwagen gekommen, hatte er noch einen Calabreser aufgehabt ... Heute hatte er der Mode zwar den Tribut eines schwarzen Hutes gebracht, seinen verwilderten Bart ein wenig gestutzt; aber das lange schwarze Haar, die Bräune des Antlitzes, die leichte, heitere Beweglichkeit, alles das war nicht so, wie es die Mutter kannte aus den wenigen unvergesslichen wiener Augenblicken des äussersten Schmerzes und der äussersten Freude ... Aber es war schöner noch; es war verwandter, heimatlicher als in der Erinnerung. Sie erstickte seine ersten Worte mit ihren Küssen und Umarmungen ... Er war es – ihr Julio Cäsare ...
Nichts ist anziehender als ein lebensmutiger, froher, sorgloser junger Mann ... Ihm gehört die Welt ... Alles, was die Gegenwart bietet, muss sich ihm zu Gefallen ändern ... Der Tag rauscht dahin, Jahre vergehen; den Reichtum seiner Lebenskraft scheint nichts zu berühren ... Gefühle, Leidenschaften, Gedanken, mit denen das Alter geizt, von denen die Erfahrung nur noch Einzelnes und Abgegrenztes entgegennimmt, ihm ist das alles noch eine in sich zusammenhängende grosse Welt, die den ganzen Menschen ergreift, alle Sinne zu gleicher Zeit, die Seele und den Leib – den Leib und die Seele ...
Benno verriet anfangs nur die Stimmung, in die ihn die glückliche Lage versetzen durfte, von seinem Bruder Wittekind anerkannt worden zu sein ... Seine Geldmittel flossen nach Bedürfniss ... Schon hatte er sich bei Sopra Minerva eine wohnung gemietet ... Endlich – er war bei seiner Mutter ...
allmählich erstaunte er, die Mutter auf dem Monte Pincio zu finden ... Wie oft hatte er im letzten Herbst den Palast betrachtet, wo er wusste dass sie wohnte ...
Das ihm nun entüllte Schicksal der Mutter durfte ihm, was die Geldmittel anbelangte, gleichgültig erscheinen ... Dennoch betraf es ihn tiefschmerzlich ... Mehr noch, er deutete fast mit Vorwurf an, wie verdriesslich es ihm war, diese Veränderung erst jetzt zu erfahren ...
Warum, mein Sohn –? fragte die Mutter voll Besorgniss ...
Er wäre dann vielleicht nicht gekommen! sagte er ... Die Betroffene erzählte ihm die Einzelheiten ihres Bruchs mit Ceccone ...
Dieser Elende! rief Benno ... Dann aber sprach er dumpf vor sich hin: Hätte ich – das geahnt! ...
Aber was hast du? fragte immer besorgter die Mutter ... Du rechnetest auf Olympiens Liebe –? setzte sie angstbeklommen, wenn auch lächelnd hinzu ...
Benno errötete und erwiderte nichts ... In seinem Schweigen lag – ein aufrichtiges Ja! ...
Die Mutter stand mit bebenden Lippen vor ihm und hielt seine beiden hände ...
Benno verhiess jede Aufklärung ... Jetzt sprach er von einem Freund, der ihn vielleicht bei dem jungen Fürsten Rucca schon angemeldet hätte ...
Ich Törin! wehklagte die Mutter. Ich mistraute der Sicherheit unserer Briefe und schrieb dir nichts