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zur Gesellschaft gehörte, versammeln musste ... Er versprach ihr die "besten Plätze", unter andern zu einem morgenden Gebet von ihm in der Sixtina ...

Dass ich, sagte er beim Gehen, Ceccone's Feind nicht mehr sein will, beweise ich dadurch, dass ich den Schein von ihm entferne, als könnte er einer Dame, der er sich lebenslang verpflichtet fühlen sollte, wie Ihnen, undankbar gewesen sein ...

Mit dieser artigen Wendung empfahl er sich ...

Die ganze Dienerschaft, die der alte Marco rasch durch einige Hausgenossen vermehrt hatte, stand in den Vorzimmern ... Die Umwohner hatten sich den Schlaf versagt, um dem Schauspiel der Abfahrt eines Cardinals beizuwohnen ... Fefelotti's Pferde trugen am Kopfgestell der Zäume die roten Quasten. Die Kutsche war vergoldet; zwei Lakaien sprangen hinten auf, während ein dritter mit dem Ombrellino an der Haustür wartete und beim Einsteigen den kleinen stämmigen Priester begleitete, der seinerseits nur einfach, nur mit dem roten dreieckigen Interimshut erschienen war ...

Einige Freude empfand die gedemütigte Frau denn doch über diesen Besuch ... Sah sie auch Gefahren über den Häuptern der ihr allein noch im Leben werten Menschen sich zusammenziehen, so blitzte doch in solchen Nöten ein Hoffnungsstrahl auf durch die Beziehung zu einem so mächtigen Mann, der glücklicherweise ihren vollen Anteil an den Schicksalen der Bedrohten nicht ahnte ... Benno hatte jener Scene beigewohnt und ihren schlimmen Ausgang gemildert ... Sie wollte noch einen Tag warten und dann auf jede Gefahr hin dem Sohn mitteilen, worin sie alles ihre sorge auf ihn, seinen Rat und seinen Beistand werfen müsste ... Die Vorladung Bonaventura's schien noch nicht entschieden zu sein ...

Am Abend nach dem Besuch Fefelotti's kam die Herzogin aus der Sixtinischen Kapelle, wo Fefelotti sein "erstes Abendgebet" gehalten hatte ... Der kleine Raum war überfüllt gewesen ... Der Qualm der Lichter die Atmosphäre so vieler Menschen liessen sie fast ersticken ... Fefelotti hatte der Herzogin in aller Frühe schon einen reservirten Sitz zur Verfügung gestellt ...

Wie kräftig sprach er sein "Complet" – las den 90. Psalm Qui habitat in adjutorio Domini, sang mit jenem conventionellen Ton, der vom Herzen sanft der Rührung den Weg durch die Nase lässt, sein Gloria Patri, worauf die Kapelle mit Simeon's Lobgesang: Nunc dimittis antiphonisch einfiel ... Nicht eine der zu Ceccone's engeren Beziehungen gehörenden Persönlichkeiten war zugegen ... Ceccone hatte die ersten Weihen, er nahm vor kurzem auch die letzten; er übte sich täglich im Messelesen, um seinerseits mit den unerlässlichen Bedingungen zur Papstwahl hinter andern nicht zurückzubleiben ... Fefelotti's Virtuosität in allen kirchlichen Functionen war ihm ein Gegenstand besonderen Neides ...

Die Herzogin versank auch hier wieder in die schwärmerischste sehnsucht nach ihrem Sohn ... Gerade diese kleine Kapelle, die für die Hausandacht der Päpste bestimmt ist, entielt Michel Angelo's "Jüngstes Gericht" ... Man sieht nur noch ein wüstes Durcheinander dunkler Farben an den lampenrussgeschwärzten Wänden ... Benno hatte ihr geschrieben, der berühmte Gesang in dieser Kapelle hätte ihm nie die mindeste Erhebung gewährt; die unglücklichen Verstümmelten, die zur päpstlichen Kapelle gehörten, hätten im Discant gesungen wie Hühner, die plötzlich den Einfall bekämen, wie die Hähne zu krähen; die Bässe wären küstermässig roh; die alten Weisen Durante's und Pergolese's kämen in ihrer einfachen Erhabenheit unwürdig zu Gehör ... Und für alles das schwärme der deutsche Sinn! Diese Sixtinischen Kapellenklänge allein schon wirkten wie ein Zauber der sehnsucht nach Deutschland hinüber! Erst der germanische Geist, der schon sonst das Christentum überhaupt zur weltgeschichtlichen Sache des Gemüts gemacht hätte, hätte auch hier wieder in das Abgestorbenste, in die Kirchenmusik, neues Leben gebracht ... Wie klang das alles der Herzogin beim Schlussgebet des Erzbischofs von Coni nach: Omnipotens, sempiterne Deus! ...

Gestern Nacht hatte sie in die Asche "Sano?" geschrieben und der Wind hatte in der Tat an diesem Morgen "Canto" daraus gemacht ... Darum war sie mit Hoffnung in die Kapelle gefahren ... Sie war im Wagen die Treppe hinauf gekommen an den salutirenden, hanswurstartig gekleideten Schweizern vorüber; sie hatte, vorschriftsmässig vom schwarzen Schleier verhüllt, zur Menschenmenge nicht aufgeblickt vom kleinen ihr reservirten Plätzchen aus ... Die von Michel Angelo in die Hölle geschleuderten Bischöfe und Cardinäle waren ihr heute nicht wie sonst Gegenstände der Zerstreuung, wenn sie in ihnen zum Sprechen ähnlich getroffene noch lebende Würdenträger suchte ... Das verschrumpfte Antlitz Achille Speroni's auf dem Singchor sah sie ohne Lächeln ... Speroni, der Cousin der jungen Fürstin Rucca, stand in seinem violetten Rock mit dem weissen Spitzenüberwurf und der roten Halsbinde anfangs wie ein Mann, sang auch eine Zeit lang wie ein Mann: Maria, ad te clamamus exules filii Evae! ... Dann aber, bei den für einen exul filius Evae doppelt rührenden Worten: "Maria zu dir seufzen wir auf, weinend und flehend, in diesem Tal der Tränen!" sprang der Unglückliche in die äusserste Kopfhöhe über, fistulirte eine Weile und war zuletzt bei den für einen Entmannten erschütternden Worten: "Zeig' uns, Maria, die gesegnete Frucht deines Leibes!" ein vollständiges Frauenzimmer ... Die Herzogin kannte nicht wörtlich den Inhalt dieser