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das schöne Hamburg! Und nun schon wieder das neue Bild der See, einer Universität, einer BesatzungVorstellungen, die ihre Phantasie ganz in Beschlag nahmen. Nur mit Widerstreben kehrte sie in ihre Klause zurück, an welcher der Kronsyndikus nach einer Stunde vorfuhr. Von den fräulein am Staket empfangen, gab sie sich unbehindert den staunenden Blicken aller Nachbarn preis. Der vornehme Herr, der sie so ehrte, war ja der Vater ihres erschossenen "ersten Verlobten".

Am folgenden Tage sah sie, wieder in Begleitung des Greises, auch Klingsohrn im altonaer Stadtause. In der sehnsucht, ihre gegenwärtige Lage geändert zu bekommen, ging sie auf alles ein, was man von ihr voraussetzte. Sie war, vom Kronsyndikus, der indessen eine Weile am Ufer der Elbe auf- und abfuhr, mit Klingsohrn allein gelassen, ganz so hingebend, ganz so vertrauend, wie der Gefangene nur verlangte. Sie konnte ihn in der Voraussetzung zurücklassen, dass er auf die Treue "seines Mädchens" wie auf Felsen würde bauen können. Vor ihrer Kunst, sich in die Umstände zu schicken, auf eine Erinnerung an den Kammerherrn den blick zu umfloren, auf ein stürmisches: Sieh mir ins Auge! fest und sicher die schwarzen Sterne Klingsohrn entgegenzuhalten, erschrak sie selbst. Klingsohr geriet in einen Ausbruch von Wonne, wie damals in der verhängnissvollen Abendstunde auf Schloss Neuhof. Sprang er auch wohl mitten aus einer Liebkosung auf, trat vor sie hin, streckte die Hand aus wie um sie zu erwürgen und sagte: Schlange! Bist doch falsch! Falsch! Ich weiss es! ... so entwand sie sich ihm leise, wendete ihm ihren Nacken zu, versteckte den Kopf wie schmollend in die Ecke des Sophas, und erst dann, wenn er sie dennoch in dieser Lage umfing, mit den Armen gewaltig ihren schlanken Leib umspannte, den Kuss seiner Lippen auf ihre Schultern drückte, zog sie diese wie furchtsam ganz in die Höhe und wandte sich leise und allmählich erst mit dem kopf herum, allmählich die brennenden Augen erhebend, dann sprang sie auf und warf ihn scherzend zurück, gerade so, wie im Käfige die Panter zu spielen pflegen.

Vierzehn Tage brachte Lucinde dann noch mit dem Kronsyndikus zu, um mit ihm allem die Güter desselben zu bereisen.

Der Abschied von den Damen Carstens war ein einziger jubel ihrer endlich befreiten Seele. Da sie den trauernden Greis, wie es auch dieser ihr ausdrükklich dankte, mit ihrer Heiterkeit erfreute, so liess sie ihrem Humor ganz den Zügel schiessen ... Sie parodirte alle Erinnerungen an Schloss Neuhof, an die Lisabet, an alle Inspectoren, an die Arbeiter, und nur vor Stephan Lengenich musste sie Halt machen. Der arme sass noch immer und kämpfte gegen die Verdachtsgründe, die ihn gravirten, vergebens. Seine wichtigste Entlastung, jenes grüne Stück Tuch, das man gleich anfangs bei der Leiche des Deichgrafen gefunden hatte, war, rätselhaft genug, abhanden gekommen. Auch von ihren neuern Erfahrungen erzählte Lucinde und stellte so viel Caricaturen auf, dass sie den Greis zu der aufrichtigen Versicherung veranlasste, nur mit schwerem Herzen träte er sie an Klingsohrn ab, sie wäre wie geschaffen, ihm den Rest seiner Tage zu vertändeln. Auch von seinem jetzt alleinigen Erben, dem Oberregierungsrate, sprach er wieder mit der alten Erbitterung. Dieser war ein Anhänger des Gouvernements in einem Grade, dass er ihn, nach einer in seiner heimatlichen Gegend geläufigen Erinnerung an Hermann den Cherusker, immer nur den neuen Segest nannte; Lucinde besass Kenntnisse genug, darunter einen Verräter zu verstehen.

Die holsteinische Reise bot Natureindrücke und Abwechselungen, wie sie sich von diesen Flachländern kaum erwarten liessen. Sanfte Hügel und Täler wechselten mit Seen, letztere von prachtvollen Buchenwäldern eingerahmt, fischreich und überflattert von wildem Geflügel. Die Glocken von stattlichen Rinderheerden läuteten auf Wiesen, die sich hinzogen wie Alpenmatten. Jede Blume, die auf den Stoppelfeldern noch zurückgeblieben, musste mitreisen. Lucinde stieg aus und wand Kränze, den Greis zu schmücken, der sich's gefallen liess, wenn ihn sein Rundblick über die landwirtschaftlichen Eindrücke zu ernst stimmte. Die Besitzungen, an denen man vorüberfuhr, waren schlossähnlich, von grossen, massiven Wirtschaftsgebäuden umgeben, mit Gärten und Parks geschmückt. Die Bauernhäuser standen denen ihrer Herrschaften nicht nach. Alles zeugte von Wohlhabenheit und bestritt die Ansichten, die Lucinde vom Plattdeutschen als dem Ausdruck der Lässigkeit und Trägheit hatte. Die Krone aller dieser Eindrücke, die noch über den Eindruck der in sonnenglänzenden Wäldern still verborgenen Seen ging, war das letzte Ziel der Reise, die Hafenstadt am Busen der Ostsee selbst.

Wo kamen in diesen Flachländern plötzlich diese dunkelgrünen hohen Ufer her! Diese bewaldeten Höhen, von deren Fuss sich die grellroten Dächer der Fischerdörfer abhoben, wie wenn im gleichen Landschaftsgefühl natur und Kunst sich begegneten! Auf dunkelblauer Fläche weisse Segel, Möven im flatternden Neckspiel, der Spiegel des Wassers so blau, so krystallen, wie eine riesige Schale von Saphir, und darüber her der Himmel, so durchsichtig und ahnungsschwer die nahe gerückte Ferne verratend, Ufer so vieler Inseln, Skandinaviens wie gesehene Küste! ... Auch die Festung mit dem hochragenden Danebrog, auch die Stadt mit ihren Promenaden und Alleen trug den Charakter, als beträte man einen einzigen üppigen grossen Garten.

Hier in Kiel, wo man später noch jahrelang von Lucinden sprach, wurde sie einer Professorenfamilie übergeben. Als die Bedingungen geschlossen waren und ihr Einzug gehalten werden konnte, rüstete sich der Kronsyndikus,