1858_Gutzkow_031_757.txt

untersuchen und erklärten sie für null und nichtig. Die Professoren der Jesuiten lehrten auf der "Sapienza" (der Universität Roms) die Heilkunde und Naturwissenschaften. Die Gutachten, die ihre Commission für die Heiligsprechung der Eusebia Recanati übergab, waren von einer Freimütigkeit, als hätte sie Humboldt verfasst. Die Waffen der Wissenschaft, die in den Händen der Jesuiten glänzen, senken sie nur dann, wo es gilt höhere Zwecke zu salutiren ...

In solchen Klöstern, wo ein Industriezweig getrieben wird, z.B. Blumenmachen, sieht es wie in einer Fabrik aus. Man lässt anderwärts Zöglinge und Kinder zur Mitülfe zu; die "Lebendigbegrabenen" repräsentirten ihr kleines "Manchester" für sich ... Ihr Fleiss hielt gleichen Schritt mit der Sterblichkeit unter den Bischöfen von 131 Millionen Seelen. Sie schoren und spannen und webten und die Herzogin von Amarillas konnte einige Uralte unter ihnen nicht anders betrachten, als unter dem Bild der Parzen Cloto, Lachesis und Atropos. Auch Lucrezia Biancchi spann und spann ... Dazu sang sie alte LiederFreiheitslieder, die sie von ihren Brüdern gelernt hatte, weniger von Napoleone, als von Marco und Luigi ... Für einen kleinen Schwestersohn von ihr, den die "schöne Wäscherin" vom Tiberstrand erzog, als sie die neue Judit zu spielen begann, hatte der liebevolle Ceccone grossmütigst gesorgt ... Dieser war, als seine Oheime Luigi und Napoleone nur durch die Flucht von den Galeeren freikamen, als Marco sogar zum tod verurteilt, dann zu den Galeeren begnadigt, endlich verbannt wurde, erst sieben Jahre alt. Ceccone liess den kleinen Achille Speroni verschneiden und zum Sopransänger der Sixtina machen ...

Die Herzogin besuchte am Abend nach der Schrekkensscene mit Lucinden den Garten dieses Klosters ... Da sass die Mutter Olympia's, die Mutter eines Kindes, dem ihre Seele fluchte, als sie es empfing, die irrsinnige, magere, hohläugige Lucrezia und spann wie immer ... Selbst aufgeschreckt wie ein verfolgtes wild, erzählte sie ihr von ihres Bruders Luigi Gefangenschaft ... Die Spinnerin hielt einen Augenblick inne und zeigte auf die Wolle am Rocken und auf den langen Faden, den sie aufgewickelt hatte ... Das ist recht! Er muss Geduld haben! ... sagte sie und feuchtete den Faden an ...

Ja, sagte die Herzogin, du meinst die Zeit! Schwester Josephaso war sie beim Einkleiden getauft worden –, der lange Faden ist die Z e i t ! Auf den müssen wir viel, viel aufreihen! ...

Die drei Parzen in der Nähe lächelten und nickten Beifall ...

Die Herzogin beneidete fast die Schwester Josepha ...

Dies arme Wesen, das einst auf einen Mann, in dessen Arm sie ruhete, ein Messer zücken konnte, wusste nichts von ihrem kind, das eine Fürstenkrone trug und Menschen tyrannisirte ... Sie hatte die fixe idee von ausbleibenden BriefenBriefen, die Gott, Jesus, St.-Johannes, die Heiligen an sie schriebenes waren die Briefe ihrer verbannten Brüder ... Ihrer Brüder, die in den Gefängnissen Roms, unter den Torturen gesessen hatten, die vom Rechtswesen des Mittelalters gerade im Kirchenstaat noch am längsten zurückgeblieben sind ...

Als die Herzogin aus dem Klostergarten, von den kleinen Lämmern, von den Webstühlen zurückkam, war sie über ausbleibende Briefe so trostlos wie Schwester Josepha ... Nun musste sie auf alle Fälle Benno den Vorfall mit Lucinden, überhaupt alles berichten, was ihr seit fünf Tagen widerfahren war ... Seit Benno's letztem Brief waren Wochen verflossen ... Täglich fragte sie bei einem Lotteriecollecteur, der eine grosse Correspondenz unverfänglich führen durfte, ob nichts für sie angekommen wäre ... Endlich, endlich durfte doch wohl ein Briefmorgen eintreffen ...

Er kam aber auch morgen nicht ... Auch nicht am nächsten Tage ... Schon fragte die Verzweifelnde und wie auf der Flucht vor sich selbst Dahinwankende das Orakel der Karten, das sie stundenlang vor sich ausgebreitet hatte und bei verschlossenen Türen durchforschte ... Sie nahm eines jener schöngeformten eisernen Gestelle, in die man in Italien die Waschschüssel stellt, und stand wie Pytia am Dreifuss, um an den Wellenschwingungen, die ins wasser geworfene Kiesel hervorbringen, zu erkennen, ob die Ringe, grosse oder kleine, Glück oder Unglück bedeutende wären ... Sie nahm Asche vom Feuer des Herdes, streute sie Nachts auf den Sims eines vom Wind bestrichenen Fensters und schrieb mit zitterndem Finger die Frage, ob Benno gesund wäre ... "Sano?" ...

Am Morgen dann las sie mit banger Erwartung, was der prophetische Wind aus den Buchstaben gemacht haben würde ... Das Orakel antwortete: Santo ...

Wie, dachte sie den Tag überer ist doch nicht auch in ein Kloster gegangen? ... Auch er will uns ein Priester werden? ...

Damit quälte sie sich einen Tag ... Kein Brief kam ... Am Abend schrieb sie wieder: Sano? ...

Am Morgen las sie in dem verwehten Aschenstaube: Cane ...

Himmel, dachte sie jetzt und raufte sich wie wahnsinnig das Haar, ein toller Hund hat ihn gebissen! ...

Am dritten Tage las sie: Caro ...

Das machte sie ein wenig ruhiger ... So war er vielleicht nur