.. Nicht einmal ein paar alte Prälaten hatten das Bedürfniss, bei ihr zu speisen ... Von Benno keine Andeutung, wie sie sich verhalten sollte ... Seine Briefe blieben aus ... Sie war in Verzweiflung ...
Ihr Geist hatte seit einem Jahr ganz in dem geliebten Sohn gelebt ... Seine Briefe waren wie an ein Ideal gerichtet. Nur einen einzigen Tag hatte er die Mutter gesehen und gesprochen und gerade darum war ihm alles an ihr neu und reizvoll geblieben ... Die ganze, seit so lange von ihm beklagte Heimatlosigkeit seines Daseins fand in ihr Ruhe und Sammlung ... Und auch sie lebte nur in seinen Mitteilungen und bildete sich aus ihnen, so fragmentarisch sie waren, jetzt ihre Welt ... Sie las zitternd alle seine letzten Briefe ... Sie waren der einzige beglückende Eindruck, der ihr noch geblieben ... Da lag die schöne Alpengegend Piemonts ... Da lagen die Täler, die schattenreichen Kastanien- und Nussbaumwälder, in denen sich der Geliebte mit Bonaventura erging ... Da schilderte Benno das rege Leben der Bewohner und die blühendste Seidenzucht ... Ort reihte sich an Ort – erkennbar war jeder Weiler an den viereckigen Kirchtürmen mit heitern Glockenspielen ... Schlösser standen auf höchster Höhe, gebrochene Zeugen der Wildheit des Mittelalters, tiefer abwärts von diesen Trümmerstätten lagen wohnliche neue Sitze des Adels, darunter Castellungo, erkennbar schon in weiter Ferne am wehenden Banner der Dorstes ... Wie oft hatte der Kronsyndikus sie vor Jahren versichert, dass gerade um dieser Dorstes willen seine zweite Ehe noch geheim bleiben musste ... Sie sah Benno hinüber- und herüberreiten zwischen Robillante, einem freundlichen Städtchen, und Castellungo ... Die alte Gräfin Erdmute bediente sich seiner als Vermittlers zwischen ihr und dem Bischof, den sie seltner sah, obgleich er ganz in ihrem Sinne wirkte und Benno nicht genug von Bonaventura's Mut schreiben konnte, der jenen von der Gräfin beschützten Waldensern ihre Gerechtsame wahrte ... Sie sah die Eichen von Castellungo, die verlassene Einsiedlerhütte, die Processionen zur Kapelle der "besten Maria" ... Seltsam durchschauerte sie etwas von Geheimnissen, die auf allen diesen Beziehungen liegen mochten ... Sie wusste schon so viel, dass dem Bischof jene Gräfin Paula wert gewesen, die inzwischen die Nachfolgerin ihres Kindes geworden ... Sie fühlte die Dämmerungsschleier so vieles Zarten und Ahnungsvollen, das auf jenen Gegenden lag, und die sich schon ihr selbst auf Auge und Herz zu legen anfingen ... Selbst die Anstrengungen Bonaventura's, jenen Eremiten den Händen der Inquisition zu entreissen, machten ihr einen eigentümlich persönlichen Eindruck ... Wie ein stilles Abendläuten war alles, was von dort herüberklang ... Nun sollte sie an Benno die unheimliche Nachricht schreiben: Dein geheimnis ist in den Händen dieser Lucinde, die mich entwaffnet, versteinert hat – ich konnte ihr nicht widerreden – konnte dich nicht verleugnen! Schien sie doch voll Anteil für unser aller Schicksal! ... Die Nachricht, jene düstern Gemäuer von Coni, die erzbischöfliche Residenz würde ihren Souverän, den grimmen Fefelotti entsenden und dieser würde neue Schalen angesammelten Zornes bringen, um sie über die ihr so werten Menschen auszugiessen, war wie das Anrollen eines Gewitters, das – "doch wohl auch Benno selbst hören musste" ... Sie wusste nicht, was beginnen ... Wenn er nur endlich, endlich selbst schriebe! ...
Zunächst musste die Kraft ihres stillen Liebescultus für den Sohn und die Erinnerung ihr helfen ... Sie legte sich schon lange auf, die Plätze zu besuchen, von denen sie wusste, dass Benno bei seinem Aufentalt in Rom vorzugsweise von ihnen gefesselt worden. Benno hatte an der Ripetta gewohnt, mit der Aussicht auf die Peterskirche. Er hatte seine Betrachtungen an so manches geknüpft, was sie bisher verhindert gewesen, wieder in Augenschein zu nehmen und nach Benno's Weise auf sich wirken zu lassen. Sie staunte nun, alles so zu finden, wie Er ihr geschrieben – in Briefen, die ihr ein Heiligtum wurden und die sie in ihren einsamen Stunden wieder und wieder las. Jetzt sagte sie: Ja, er hat Recht: Die Peterskirche macht keinen gewaltigen Eindruck! Die gelbangestrichenen Säulenarcaden drücken sie zum Gewöhnlichen herab! ... Sie sagte: Er hat Recht: Das Innere der Peterskirche ist kalt; man atmet hier nur in der Sphäre des Stolzes und der Vermessenheit der Päpste! ... Er hat Recht: Die Engelsburg ist wie ein Reitercircus! ... Er hat Recht, wenn er schreibt: Als ich nach Rom kam, erschien mir der Engel auf ihrer Spitze wie ein Lobgesang auf die idee des christentum, jetzt nur noch wie eine Satyre! ... Er hat Recht: Die Kirchen sind Concertsäle; nicht eine hat die Erhabenheit eines deutschen Domes! ... Er hat Recht, wenn er schreibt: Unter den Bildsäulen der Museen verweilt' ich lieber, als unter den Bildern; sie lehren Vergänglichkeit und Trauer und das Museum auf dem Capitol ist geradezu die heiligste Kirche Roms; nur dort hab' ich Tränen geweint, unter den gespenstischen Marmorgöttern, den Niobiden, den sterbenden Fechtern, den gefangenen Barbarenkönigen! ... Er hat Recht: Kein christlicher Sarkophag hat mich so gerührt, wie im Lateran die heidnischen Aschensärge mit den zärtlichsten Inschriften: "Gattin dem Gatten!" .