Schonung auf ... Von Benno sprach sie zu Klingsohr nicht, da auch Hubertus nichts von Kindern dieser zweiten Ehe gewusst hatte ... Noch war sie schreckhaft erregt von Klingsohr's Hosiannah des Dankes für ihren Beistand, vom Triumphgesang seiner Hoffnungen für eine neue Zukunft in Rom, wo "selbst der Tod mit leichterer Hand abgewehrt würde, als anderswo" ... Er hatte ihre ihm durchs Sprachgitter dargereichte Hand krampfhaft festgehalten und sie mit Versen begrüsst, die schon bereit gehalten schienen, wenn er sie wiedersehen würde ... Er gab Minerva, die Weisheit, Maria, den Glauben, hin – Sie, sie, die Botin Aphrodite's, gäb' ihm allein die volle Lebenskraft ...
Pallas Atene! Wär' ich immer
Gefolgt nur Deinem Schild und Speer –
Ich wäre längst ein Abendschimmer,
Begraben in dem ew'gegen Meer!
Was zog mich denn mit Zauberbanden
Hinauf zu Schnee und Alpenhöhn?
Was liess in fernen, heil'gegen Landen
Mich Ziele noch und Wünsche sehen?
Todmatt und krank, gedörrt die Lunge –
Nahst Du dem Auge kaum, dem Ohr,
Raff' ich mich schon mit Löwensprunge
Ein Held zu neuer Tat empor ...
Was komme jetzt? Nur Du gebiete!
Zum Frühling wird des Kerkers Haft!
Maria –? Pallas –? Aphrodite,
Du bist die Lebens- – Liebeskraft!
Sie sagte dem Wahnbetörten, fieberhaft Blickenden, von Reflexionen Umgewirbelten lächelnd, dass ihn der Cardinal bei der Congregazione del' Indice für die Beaufsichtigung deutscher Kunst und Wissenschaft verwenden wollte1... Von Hubertus wusste man auch in Santa-Maria noch nichts ... Klingsohr versicherte, die Entschlossenheit seines tapfern Freundes würde sich in jeder Lage zu helfen wissen ...
Sie wohnen hier sehr hübsch? ... fuhr Lucinde, sich im Empfangzimmer der Herzogin umsehend und von ihrer Erschöpfung durch die empfangenen Eindrücke sammelnd, fort ...
Hundert Fuss vom Erdendunst entfernter, als an Piazza Sciarra ... lautete die Antwort ...
Lucinde drückte der Herzogin wiederholt ihr Bedauern über die neuliche Scene mit Olympien aus und versicherte, ihrerseits angenommen zu haben, dass die Herzogin bereits ausgezogen wäre ...
Der Cardinal hatte, denke' ich, die Absicht, dies Palais – Ihnen als Aussteuer anzubieten? sagte die Herzogin ...
Immer hörte Lucinde von dieser Frau nur gewisse höhnische Betonungen ... Immer nur gewisse Zweifel der Ironie ...
Graf Sarzana wird den Dienst bei Seiner Heiligkeit nicht aufgeben? fuhr die Herzogin fort ... Sie hoffen ein stilles und glückliches Leben führen zu können? ... Vergessen Sie nicht, wenn der Cardinal Ambrosi die wohnung zu beziehen ausschlagen sollte, einige Verbesserungen – des Küchenherdes im Palais vorzunehmen ... Sonst ist alles gut im stand ... Schwach sind die Frauen wahrlich nicht, wenn sie ihre Empfindungen aussprechen ... Lucinde kannte auch darauf hin ihre Mitschwestern ... Aber der "Küchenherd" schien ihr denn doch eine Anspielung geradezu auf die Zeit, wo sie eine Magd war ...
Sie sehen mehr, als ich, Hoheit! sagte sie, sich ergrimmt auf die Lippen beissend ...
Sind die Verhältnisse noch nicht so weit? ... fuhr die Herzogin fort ...
Die Verhältnisse! ... Welche Verhältnisse? ... Eure Hoheit haben mich in diese Verhältnisse empfohlen ...
Sie sind auch dankbar dafür ... lächelte die Herzogin ironisch ...
Sie aber sind nicht grossmütig, Hoheit! sagte Lucinde. Ich höre, dass Sie diese mögliche Zukunft zu verhindern suchen und mich nickt für würdig halten, eine Gräfin zu werden. Ich bin allerdings keine geborene Marchesina von Montalto, wie Sie! Ich bin eine einfache deutsche Bäuerin – das ist wahr! Oder hat man Ihnen aus Robillante anders geschrieben? ...
Aus Robillante –? Mir? ... So hört' ich – also neulich am Hochzeitstage – doch recht? ... Wie kommen – Sie denn – ...
Sie stehen im Briefwechsel mit Robillante ... unterbrach Lucinde schnell und entschieden ...
Mit – Ihrem Bischof –? ... entgegnete die Herzogin, noch mit einer gewagten Sicherheit, aber schon erzitternd ...
Mit Ihrem S o h n e Benno von Wittekind-Neuhof, mein' ich ... warf Lucinde wie einen den Sieg verbürgenden Trumpf aus ...
Die Herzogin wollte erst auflachen ... Dann deutete sie auf Lucindens Stirn, als wenn ihr Verstand nicht in Ordnung wäre ...
Lucinde erhielt sich in unbeweglicher Ruhe und wiederholte langsam, was sie soeben gesprochen hatte ...
Die Herzogin ergriff Lucindens Arm, starrte sie mit aufgerissenen Augen an und schwankte an die Türen, um wenigstens diese fester anzuziehen ...
Sie litt nicht für sich – was hatte sie zu fürchten! ... Sie litt für Benno, der seines zweideutigen Ursprungs nicht froh zu werden schien ...
Sie – sind – wirklich – ein Teufel! ... hauchte sie, sich halb ohnmächtig niedersetzend ...
An diesem "Wirklich", sagte Lucinde, erkenn' ich die mich betreffenden Stellen Ihres Briefwechsels ... Jenseits der Alpen ist man noch immer nicht im Reinen, für welchen Ofen der Dante'schen Hölle ich passe ... Aber Ihr Sohn ignorirte mich doch mit einer gewissen mitleidigen