der durch die Stadt den Führer machte, hinzugesprungen, um seinen Herrn beim Einsteigen in den Wagen zu unterstützen. Lucinde erkannte ihn wohl. Es war der gewöhnliche Diener des Kammerherrn ... Jérôme war dem Grafen Zeesen plötzlich entsprungen gewesen. Wer ihn mit den Vorgängen auf Schloss Neuhof bekannt gemacht, ihm Lucindens und Klingsohr's Aufentalt verraten, die Mittel zur Flucht verschafft hatte, war unbekannt. Erst zwei Tage darauf, nachdem man ihn vergebens in Eibendorf beim Pfarrer gesucht, entdeckte man die Spur, die nach Hamburg führte, und die schnell nachgeschickten beiden Diener kamen zu spät. Diese waren es gewesen, die noch früher als Lucinde und die Behörden an den Kronsyndikus das traurige Ende seines Sohnes berichtet hatten.
Nach vollständiger und so auf alles Erlebte wiederholt zurückkommender Erörterung sagte der Kronsyndikus:
Lucinde! Du kennst meine anhänglichkeit an den Doctor! Du weisst, wie mich der Tod seines Vaters erschütterte! Ich trug ihm, wie du weisst, gleich denselben Abend meine Hand zum Schutz und Beistand an, ja, bot ihm sogar den Vaternamen! So schmerzhaft er mir diese Gesinnung vergolten hat, so will ich sie ihm darum doch nicht entziehen. Die ihm von Jérôme angetane Mishandlung war die schimpflichste, die ein Mann erleben kann. Eine Genugtuung musste ihm werden. Dass freilich seine Hand dazu bestimmt war ...
Nun stockte der Greis; die leise zitternden Kinnladen schienen die Kraft nicht zu haben, seinen Gedanken zu folgen. Er veränderte seine Rede und sagte:
Dass seine Hand so unglücklich war, Jérôme bis auf den Tod zu treffen! Es ist aber einmal Gottes Fügung so gewesen, nun muss es verschmerzt werden! In unserm Kloster Himmelpfort werden wir Jérôme beisetzen und im Park will ich ihm an der Stelle, wo er dir damals, als die Verwandten dich entdeckten, zum Pavillon hinaufrief – da will ich ihm noch eine kleine Pyramide setzen lassen, so eine, wie er zu drechseln pflegte, das Bild der jenseitigen sehnsucht – nach Püttmeier ... Jérôme ist ohne Beistand seiner Kirche gestorben. Das fräulein Angelika Müller sprach ich schon. Du hast sie arg vernachlässigt!
Lucinde schützte Mangel an Zeit und Interesse vor. Das Verweilen bei religiösen Erwägungen war ihr am Kronsyndikus neu ...
Der Wagen fuhr, wie befohlen worden war, langsam über die Wälle der Stadt ... Manche Spaziergänger in den Alleen erkannten Lucinden und diese hielt sich denn auch gerade so, als sollte alle Welt die Genugtuung bemerken, die ihr soeben wurde ...
Der Kronsyndikus fuhr fort:
Auch Klingsohrn sah ich schon! Er hat nur den einen Schmerz, nicht in deiner Nähe zu sein. Die grosse Stadt hat dich zerstreut, Lucinde! Ich hoffe nicht, dass du mir den Schmerz antust und deinen Freund vernachlässigst! Ich habe versprochen, euer beiderseitiges Glück im Auge zu behalten, werde aber meine Hand unerbittlich von dir abziehen, wenn du Heinrich täuschen könntest! Es ist einer von den Männern, die des weiblichen Umgangs bedürfen, die aber nicht die Geduld haben, sich einen würdigen Gegenstand ihrer Liebe langsam zu erobern. Mit Geist und Charakter wollen die Frauen selten einen Mann. Sie wollen fast immer nur, wer ihnen schmeichelt oder amüsant ist oder im besten Falle Gemüt verrät, worunter sie etwas verstehen, was so viel wie unbedeutend ist. Klingsohr würde in der Wahl seiner Liebe immer nur fehlgreifen. Er ist tief gebeugt. Du wirst ihn durch deine Heiterkeit und Unbefangenheit wiederaufrichten. Also? Ich rechne auf deine Beständigkeit!
Nicht aus Schonung für den wie verwandelten Greis, sondern aus Furcht vor seiner, wie es schien, sehr ernst gemeinten Drohung gab Lucinde Versicherungen, von denen ihr Herz nichts wusste.
Man wird deinen Freund, fuhr der Kronsyndikus fort, zu einer Festungshaft verurteilen. Er wird sie abzubüssen haben in einer Stadt, die ich in meinen jüngern Jahren wohl gesehen habe. Sie liegt an einem schönen Busen der Ostsee. Ja, der liegt mir so blau vor Augen, als wäre ich erst gestern dagewesen! Der Menschenkreis dort ist klein, aber traulich. Eine Universität, eine Besatzung beleben den kleinen Ort. Familien, die dich in ihre Obhut nehmen, werden sich finden lassen wie hier. Heinrich sitzt dabei auf der Festung. Anfangs wirst du ihn wohl in der Festung sehen können, später wird er, denke' ich, auf Stunden sie verlassen und in der Stadt sich aufhalten dürfen. Man ist gegen Gefangene dieser Art nachsichtig; nach einem Jahre schon ist die Strafe, wenn sie auch vielleicht auf drei Jahre verhängt würde, abgebüsst. Ich, als Vater des Erschossenen, werde in Kopenhagen selbst um Gnade bitten, das wird die Haft kürzen. Dann bin ich dafür, dass Heinrich seinen Schatz von Gelehrsamkeit in Göttingen zur Anerkennung bringt und dort um eine Professur wirbt; du hast all die Fähigkeiten, die ihm für die strenge Verfolgung solcher Plane mangeln. Du wirst ihm durch die Ehe überhaupt erst die Erziehung geben, die er eigentlich nie bekommen hat. Seine Mutter starb früh ... Was ich dir einst von ihr sagte, war ... Eingebung – des Augenblicks! Nichts weiter! Er hat dir davon erzählt?
Lucinde nickte. Sie versprach alles, was der Kronsyndikus nur zu hören wünschte. Sie war schon glücklich, aus der Gesellschaft der fräulein Carstens erlöst zu sein. Sah sie doch jetzt, auf einer Spazierfahrt, wie sie sie nie gemacht, zum ersten mal erst