Mistrauen geben zu lassen ... Fra Federigo schmachtet in ihren Händen wie Galiläi, Bruno, Pignata und so viele andere Opfer der Unduldsamkeit!" ... Dass schreckenvolle Dinge in Rom möglich waren, wusste die Herzogin ... Sie wusste, dass Ceccone mit dem Meisten, was er tat, eine andere Absicht verband, als die man voraussetzte ... Zwischen dem alten Rucca und dem Cardinal war es zu einer andauernden Spannung gekommen, seitdem Hubertus zwar durch eine List den Bischof ans Tageslicht gebracht hatte, aber von einer Entdeckung des Pilgers nichts hören und sehen liess, ja seit einiger Zeit von sich selbst nichts mehr ... Schon war das Gerücht verbreitet, dass die Carabinieri der Grenzwache vorgezogen hätten, statt den römischen Abgesandten in seinen Bemühungen zu unterstützen, ihn – tot zu schlagen ...
Sie sah überall Gewalt und Intrigue ... Sie kannte Ceccone's Ansichten über die Zeit und die Menschen ... Menschenleben kümmerte ihn wenig, wo durchgreifende Zwecke auf dem Spiele standen ... Durch einen der Verwandten Sarzana's, eine der von ihm beförderten Creaturen, hatte Ceccone alle Häfen auch der Nordküste in seiner Obhut ... Wer konnte wissen, was aus dem Rucca'schen Sendboten geworden war ... Jenseits der Apenninen, am Fuss des Monte Sasso, an der Grenze der Abruzzen war jede Controle abgeschnitten ... Dortin hatten sich in der Tat die letzten Wege des kühnen deutschen Mönches spurlos verloren ...
Die Zeitungen waren "mit ihren Lügen", wie die Herzogin vor sich hin sprach, durchflogen ... Es war gegen Mittag ... Sie konnte an den Besuch einer Messe denken ...
Da bemerkte sie, dass im haus laut gesprochen wurde ...
Sie wollte klingeln ... Marco war beim Panteon auf den Gemüse- und Fleischmarkt, um ein Mittagsessen einzukaufen; die Dienerinnen waren an der Arbeit ...
Schon hörte sie Schritte ... Schon unterschied sie die stimme Olympiens ... Dann war wieder alles still ...
Die Herzogin glaubte sich getäuscht zu haben ... Schon öfter war ihr geschehen, dass ihre aufgeregte Phantasie Menschen nicht nur hörte, sondern deutlich vor sich sah, Menschen, die mit ihr sprachen ... Sie brauchte nur ihren geheimen Schrank aufzuschliessen, brauchte nur Angiolinens blutiges Haar aus einem grossen Pastell-Medaillon des Herzogs von Amarillas zu nehmen, dies Haar nur eine Weile vor sich hinzulegen – und sie sah Angiolinen sich langsam an ihren Tisch begeben und hörte sie laut mit ihr sprechen. Benno trat in dieser Art jeden Abend in ihr Zimmer ... Sie hatte nach ihm die sehnsucht einer Braut – eine sehnsucht voll Eifersucht ... Aber kein Madonnenbild mehr konnte sie sehen in dieser madonnenreichen Stadt, ohne voll Zärtlichkeit an Armgart von Hülleshoven zu denken, die ihr Lucinde als ihres Cesare Ideal bezeichnet hatte ...
Die Stimmen kamen wieder näher ... Diesmal rief wirklich Olympia:
Da nicht! Nein, nein! ... Dort geht der Kamin entlang! ... Die Hitze ist für ein Bett unerträglich ...
Was will – die Mörderin meiner Tochter? fuhr die Herzogin auf ... Weiss sie wirklich noch, wo ich wohne? ... Will sie wohl wieder zu mir ziehen oder was soll – das Bett – von dem sie spricht? ...
Man rückte nebenan die Möbel ... An einer andern Stelle des Hauses hörte man ein so starkes Hämmern, als sollten Mauern eingeschlagen werden ...
Indem öffnete sich die Tür und aus dem Empfangssalon trat die kleine Fürstin, in glänzend outrirter Toilette; Lucinde, nicht minder gewählt gekleidet; die Schwiegermutter, eine noch immer anziehende, jedenfalls gefallsüchtige Frau; Herzog Pumpeo, der für ihren Liebhaber galt; hinter ihnen zwei junge elegante, wohlfrisirte Prälaten; zuletzt auch Graf Sarzana ...
Alle schienen überrascht zu sein, die Herzogin zu finden ... Sie wollten sogleich, Olympia ausgenommen, wieder zurück ... Sie hatten die Herzogin nicht anwesend vermutet oder taten wenigstens so ... Olympia hielt sie jedoch fest, schritt weiter, achtete nicht im mindesten auf die am Tisch beim Sopha erstaunt Verharrende, sondern rief, das Zimmer durchschreitend:
Hierher würde' ich raten, von jetzt an das Esszimmer zu verlegen ... Oeffnen wir diesen Balcon, so hat man das beste, was dieser alberne Garten bieten kann, etwas Kühle ... Chrysostomo! Wir nehmen hier ein Frühstück! Setzen Sie sich, Lucinde! ... Graf, Sie werden hungrig sein! Kommen Sie doch! Wir sind ja, denke' ich, bei uns! ...
Mit Widerstreben und in offenbar ungekünstelter Verlegenheit war Graf Sarzana gefolgt, hatte sich stumm der Herzogin, die hier nicht mehr wohnhaft geglaubt wurde, verbeugt und trat in das Balconzimmer zu den übrigen, die unterdrückt kicherten – Lucinde ausgenommen, die von einem der Prälaten geführt wurde und scheu zur Erde blickte ...
Die junge Fürstin, die kaum bis zum Türdrücker, einem schönen bronzenen Greifen-Flügel, reichte, warf zornig die Tür zu ...
Im ersten Augenblick hätte die Herzogin ihr nachspringen und sie zerreissen können ... Viper, Schlange, Basilisk! zitterte es auf ihren Lippen ... Die Worte erstickten ... Sie hatte in diesem Augenblick keine andere Waffe