1858_Gutzkow_031_748.txt

sie sich geirrt hätte! Wenn Lucinde wirklich von einem Briefwechsel zwischen ihr und Benno gesprochen! ... Dann fehlte nur noch das eine Wort: Benno von Asselyn ist ja dein Sohn! und ihre Niederlage war entschieden ... Olympia würde, erfuhr sie das von Lucinden, gesagt haben: Nun verstehe' ich alles! Du, du warst es, die den Angebeteten von mir entfernt gehalten hat ...

Dass den Cardinal, von dem sich die junge Fürstin nicht minder wie von ihr zu befreien suchte, eine leidenschaft für die fremde Abenteurerin ergriffen hatte, wurde immer mehr ein öffentliches geheimnis ... Und bei alledem konnte niemand die Huldigung des Grafen Sarzana begreifen ... Hätte es sich um eine Scheinehe gehandelt, die die Schulden eines leichtsinnigen Cavaliers decken sollte, so würde man in Rom, in der Stadt der Heiligung des Priestercölibats, dies Benehmen Don Agostino's begriffen haben; denn diese Arrangements kamen hier zu oft vor, um aufzufallenwenn auch die Contracte nicht in die Archive der Curie niedergelegt wurden ... Don Agostino war aber keiner der Leichtsinnigsten unter den "Achtzig" ... Da er Kenntnisse besass und sie zu vermehren liebte, galt er seinen Kameraden für einen Pedanten ... Die Wartung seiner Uniform, seines Pferdes, noch mehr seiner kleinen Häuslichkeit war bis in die minutiösesten Dinge sauber und zierlich ... Seine Familie war verwildert, das wussten alle, die Umstände hatten die Creaturen geistlicher Würdenträger aus ihr gemacht, deren Unregelmässigkeiten sie decken musste ... Graf Sarzana würde die Hand keiner Dame auch nur zweiten oder dritten Ranges in Rom haben ansprechen können ... Aber eine Geliebte des Cardinals zu nehmen zwang ihn nichts ... Noch weniger begriff man seine leidenschaft, wenn sie eine aufrichtige war. Lucinde konnte die Capricen des ermüdeten Alters reizen, sie konnte die Vorstellung einer Vernunftehe durch eine darum noch nicht ausgeschlossene Möglichkeit jugendlicher Reminiscenzen mildern; was war sie aber einem jungen, noch in Lebensfrische befindlichen Krieger? ... Sie besass freilich Geist, Belesenheit, Koketterie ... Fesselte ihn das? ... Seine Kameraden pflegten ihn mit seinem Einsiedlerleben, das der Lectüre gewidmet war, zu necken und sein wärmster Freund sogar, der Herzog von Pumpeo, hatte ihm den Beinamen des "Küsters vom Regiment" gegeben ...

Bei alledem liess es sich immer mehr dazu an, dass die Herzogin den Palast würde zu verlassen unddem jungen Ehepaar Sarzana einzuräumen haben ...

Ihrem Julio Cäsare schrieb die Mutter von allen diesen ihren Leiden und Befürchtungen nichtsnichts von den Gefahren, die ihr durch Lucinden drohten ... Einesteils wollte sie Benno's bei solcher Mitteilung leicht vorauszusehende Absicht ihr zu helfen nicht früher hervorrufen, als nötig war; andernteils vermochte es ihr Stolz nicht, Befürchtungen auszusprechen, die sie mit dem grössten Zorn erfüllten, so oft sie nur an sie dachte ... Benno hatte ihr die Versicherung gegeben, dass der einzige Vertraute ihres Briefwechsels nur Bonaventura war ...

Die Herzogin lag eines Morgens noch in ihren Hauskleidern auf einer Ottomane und blätterte in den französischen Zeitungen, die in Rom verboten sind, vom Cardinal aber gehalten und nach alter Gewohnheit, wenn sie benutzt waren, noch an sie abgeliefert wurden ...

Sie las um so lieber in ihnen, als die einheimischen Blätter fast von nichts als von Festen und grossen Ceremonieen berichteten, zu denen sie nicht mehr geladen wurde ... Auch bei einem grossen Ereigniss, das vier Wochen nach Olympiens Hochzeit stattatte, bei der wirklich erfolgten Einkleidung des Paters Vincentezum Cardinal hatte sie gefehlt ... Sie hatte gefehlt bei einem fest, das wiederum Rom in Bewegung setzte ... Bei einem fest, wo Olympia und Lucinde die üblichen Honneurs des ersten Cardinalempfanges machten ... Bei einem Feste, das eine Woche dauerte und alle Zeitungen erfüllte ... Der neue Cardinal Vincente Ambrosi fand sich voll Demut, aber ganz gewandt in seine neue Würde ...

Unmutig warf die Herzogin die einheimischen Blätter fort; wieder auch war im Gebirg eine grosse Kirchenfestlichkeit gewesen, bei der die junge Fürstin Rucca als erster Stern am Himmel der Gnade und Wohltätigkeit geglänzt haben sollte ...

Schon ergriff sie die Feder und wollte dem Cardinal schreiben, sie bedürfte Unterhaltung ... Sie bäte, wollte sie sich in ihrer Bitterkeit ausdrücken, um einige Einlasskarten für den Tag, wo die Räuber guillotinirt werden würden, deren man als Complicen Grizzifalcone's allmählich viele aufgegriffen hatteDie Mission des Bruders Hubertus war ihr durch die vorläufig erfolgte Befreiung des Bischofs von Macerata bekannt geworden ... Sie wollte ihrem Schreiben hinzufügen, der Cardinal vergässe seine Weine, die in ihrem Keller lagerten; es waren unversteuerte ... Sie grübelte Ceccone's Intriguen nach ... Benno's letzter Brief lag vor ihr, in dem dieser auf Anlass des von Lucinden an Bonaventura eingesandten briefes der beiden deutschen Flüchtlinge und eines inhaltreichen Couverts, das sie hinzugefügt, geschrieben: "O fände sich doch dieser Wanderer nach Loretto! Wäre es der, den mein Freund seit fast dreiviertel Jahren sucht! Er wird es nicht sein ... Die Dominicaner haben ihre anderen Gefangenen herausgeben müssendiesen schickten sie nach Rom, wo ihre Gefängnisse unzugänglicher sind, als hier ... Ceccone verweigerte bisjetzt die Genehmigung, die Kerker des heiligen Officiums untersuchen und den Dominicanern einen Beweis von