Uebereilung durch eine Tat voll Mut, Entschlossenheit und Discretion wieder gut machen sollte ... Hubertus stand erwartungsvoll und im höchsten Grade bereit dazu ... "Wie soll ich es?" fragte nur über die näheren Einzelheiten statt seiner Lucinde ... Sie hörte jetzt noch mehr von jenem Pilger ... Hubertus hatte erklärt, diesen Pilger zu kennen ... Unfehlbar müsse es derselbe gewesen sein, mit dem er über die Apenninen geklettert und zuerst beim Besuch der "heiligen Orte" des sankt-Franciscus auf der Penna della Vernia zusammengetroffen war ... Das Leben dieses Pilgers hing ohne Zweifel von einem Haar ab, falls er noch unter den Räubern geblieben war und unter den Zollbedienten die Kunde seiner Beihülfe zum Verrat sich verbreitete, die Kunde seines vielleicht abschriftlichen Besitzes der Liste ... Hubertus hatte schon so viel von diesem Pilger erzählt, dass Lucinde begreifen konnte, warum auch Pater Vincente lebhaft für ihn eingenommen schien und einmal über das andere das Schicksal des armen Gefangenen beklagte ... Lucinde hörte das Gepolter des Fürsten ... Sie hörte, was sie übersetzen sollte ... Die Schilderung der unzugänglichen Schluchten am Meer, wo Pasqualetto zu hausen pflegte ... Die Schilderung der List und Verschlagenheit, mit der man allein sich diesen eigentümlich organisirten Banden zu nähern vermochte ... Die Schilderung der Ehren und Auszeichnungen, die den Pilger hier in Rom erwarten sollten, wenn ihn Hubertus glücklich auffände und über die Gebirge brächte ... Sie übersetzte eine wiederholte Aufforderung des Fürsten an Hubertus ... Reiset nach der Gegend von Porto d'Ascoli! Sucht, da Ihr mutig und unerschrocken seid, das gefängnis des Bischofs von Macerata und des Pilgers von Loretto! Alle Briefe, die Pasqualetto seit Monaten schon mit mir wechselt, sind von diesem frommen Mann geschrieben, den die Räuber zu diesem Behuf gewiss in den unwegsamsten Höhlen verborgen halten ...
Ceccone ergänzte:
Der Bischof von Macerata ist ein Greis – ...
Der Bischof von Macerata ist ein Greis, sagen Seine Eminenz – fuhr Lucinde fort ... Aber mit allen Fähigkeiten der Jugend ausgestattet, setzen Seine Hoheit, den Pilger meinend, hinzu ... Seine Briefe – der Cardinal meinen die Klagen des armen Bischofs – sind gewandt und in jeder Beziehung vollkommen, meinen Seine Hoheit – Beide sprechen zu Euch: Kann eine fromme Seele dulden, dass die Mittel, die den Stellvertreter Christi auf Erden in seiner notwendigen Würde erhalten sollen, durch Schurken, ungetreue Haushalter, Judasse verkürzt werden? ... O hätt' ich das Verzeichniss, spricht der Fürst, das dieser Mann unter den Flinten der Räuber schreiben musste! Oder könnte den Pilger, wenn Ihr ihn findet, Eure Entschlossenheit überreden, Euch die vorzüglichsten Namen zu nennen, die auf diesem Papier zur Schande der Christenheit glänzten! Die Namen von Herzögen und Excellenzen behält man doch wohl –! ... Ich will ihm hier in Rom die glänzendste wohnung einrichten, will ihn schadlos für alles halten, was er erduldete! ... Suchtet Ihr den Pilger und – den Bischof, sagen der Cardinal, so würdet Ihr eine Krone mehr im Himmel gewinnen! Ich fahre sofort, sagen Seine Hoheit, nach Santa-Maria und werfe mich dem Pater Campistrano zu Füssen, um Eure Verzeihung, Eure Freiheit zu gewinnen, damit Ihr einen Zweck vollführt, der Euch in jeder Beziehung den Dank der Christenheit erwerben wird! ...
Hubertus übersah jetzt in voller klarheit das an ihn gestellte schwierige, lebensgefährliche Begehren ...
Aber seine Bereitwilligkeit, einer so ehrenvollen, wenn auch den Tod – und nicht allein von Räuberhand – drohenden Aufgabe sich zu unterziehen, gab sich mit der ihm eigenen Liebe zu Abenteuern um so mehr kund, als ihm die überzeugung innewohnte von einer Identität des Pilgers mit jenem Deutschen, den er trotz seiner Ketzerei auf der Reise nach Rom liebgewonnen ... Zuletzt konnte er hoffen, durch solche Dienste, die er dem Heiligen Vater leistete, auch für seine Wünsche über die person Wenzel's von Terschka ins Reine zu kommen ... Hatte er bei seinem General die Freiheit gewonnen, so wollte er unerschrocken seine desfallsigen Wünsche vortragen, ehe er die Reise antrat ... Das Vertrauen, heil und gesund nach Rom zurückzukehren, besass er vollauf ...
Jetzt ergänzte mit verklärten Augen Pater Vincente seine Mitteilungen ... Alles, was Hubertus erzählt und Lucinde übersetzt hatte, traf auf die Erinnerungen zu, die Pater Vincente vom Bruder Federigo zu Castellungo hatte ... Auch Lucinde kannte ja diesen Deutschen, bei dem Porzia Biancchi sich die Fähigkeit erworben, sich als Müllerin Hedemann in Witoborn mit ihren deutschen Mägden verständlich zu machen ... Endlich sprach sogar zu ihrem höchsten Erstaunen der Cardinal:
Gelobt sei unsere gute Mutter Kirche! Diesem Pasqualetto verdanken wir, wie es scheint, mehr als einen grossen Gewinn! Nicht dass ich Hoffnung habe, Eure Hoheit in den Stand gesetzt sehen, Ihre Klagen über die Diener der Gerechtigkeit und unsere Subalternen bestätigt zu erhalten – ich würde nur auf die Aussagen eines Räubers am Fuss des Schaffots, nicht auf die Lügen eines Bösewichts etwas geben, der sich mit lächerlichen Hoffnungen schmeichelte, ja noch als Bürgermeister von Ascoli ein Leben der achtung führen zu können wähnte –; aber darin hat er uns einen grossen Gewinn verschafft, dass er den edlen Söhnen des heiligen Dominicus gelegenheit gibt, die Milde zu beweisen