zog verächtlich die Lippen ... Lucinde sah, dass, wenn der Cardinal hier etwas fürchtete, mehr im Spiele sein musste als sein unversteuerter Champagner ... Doch auch schon diese Beschuldigung durfte den Cardinal mit Recht reizen ... Er verwünschte alle die, die der Kirche und ihren Cardinälen Uebles nachsagten ...
Hubertus horchte nur ...
Der Räuber war, erfuhren er und Lucinde, am Tiberstrand mit einigen alten Kameraden aus San-Martino, einem bekannten Räubernest im Albanergebirg, in Berührung gekommen und hatte bloss den Spass am Feste seines versöhnten Feindes noch als "Zugabe zum Fleisch" ausführen wollen ... Die Verständigung zwischen dem Fürsten Rucca und Pasqualetto war auf brieflichem Wege vor sich gegangen – wenn auch mit der grössten Schwierigkeit ... Der Schmuggler- und Räuberhauptmann konnte natürlich selbst weder lesen noch schreiben ... Für sein Vorhaben, die Hehler unter den Kaufleuten und die mit ihnen und den Schmugglern unter einer Decke wirkenden Zollbedienten anzugeben, musste er sich eines verschwiegenen Beistandes, der schreiben und lesen konnte, bedienen. Für solche Fälle gibt es in Italien die Mönche, falls sie – schreiben können ... Aber selbst diesen hatte Pasqualetto nicht getraut. In Ascoli wollte er seine Tage in Ruhe beschliessen; er war wohl auch gerüstet, die Rache der von ihm Verratenen zeitlebens gewärtigen zu müssen, hatte sich auch deshalb für die Schlimmsten unter den Defraudatoren die Verzeihung erbeten; aber er vertraute sich sogar den Mönchen nicht gern an. Wo fand sich auch bei ihnen der Mut, Vermittler eines so eine ganze Provinz in Furcht und Schrecken versetzenden Strafgerichts zu werden! Die Mönche mehrerer Klöster, bei denen er anklopfte, baten ihn himmelhoch, keine dergleichen Torheit zu begehen und in solcher Form reuig werden zu wollen! Wendet Euch doch an uns und die Madonna! sagten sogar die Aebte ... In der Katedrale von Macerata gab es ein wundertätiges Marienbild, das alles vergab ... Kurz Pasqualetto war loyaler, als die ehrwürdigen Väter und vollends als die einsam wohnenden Landpfarrer, die sich mit einer solchen Provocation der Rache der Beteiligten am wenigsten einlassen wollten ... Wie sehnte sich der riesige Pasqualetto, der eiserne Pfosten aus Brettern ausbrechen, nur nicht schreiben konnte, nach einem Dolmetscher seiner Wünsche! ... Kaum dass er einige Mönche so weit brachte, für die Verständigung mit dem Generalpächter der Steuern die ersten Einleitungen zu treffen ...
Hier wollte der Fürst wieder selbst erzählen ... Pater Vincente trug ihm alle diese Geschichten mit einem zu elegisch eintönigen Klange und wie von der Sündhaftigkeit dieser Welt wenig erbaut vor ...
Man hörte indessen doch aus des Priesters mund:
Seine Hoheit waren seit lange in ihren Einnahmen nicht so verkürzt gewesen, wie in den letzten Jahren. Während die statistischen Ausweise aller Staaten eine Zunahme der Zollerträgnisse erwiesen, sanken in schreckenerregender Weise die des Kirchenstaats. Ein Gewebe von Defraudationen hatte sich gebildet, das neben dem geregelten Steuerwesen des staates und der Pächter ein zweites der Schmuggler, der treulosen Zollbedienten und Consumenten bildete. Fürst Rucca schwur, dass er im vorigen Jahr den Ausfall einer halben Million gehabt und in diesem Jahr würde das Uebel noch ärger werden. Er wollte ein Gericht mit Schrecken halten. Wozu war Ceccone's Nichte seine Schwiegertochter geworden ...
Pater Vincente sprach letzteres nicht alles ... Lucinde ahnte es ... Der Pater senkte die langen schwarzen Augenwimpern ... Wie sah er so heilig aus ... Ceccone fing an, ihn schärfer zu beobachten ... Er dachte: Fefelotti will Dich zum Cardinal machen? ... Das ist von meinem Gegner teils Koketterie mit der Mode der Frömmigkeit, teils eine erneute Schaustellung der Lebensweise Olympiens und eine Verurteilung meines Systems ... Die geistliche Intrigue ergreift jedes weltliche Mittel ... Ceccone versank in brütendes Nachsinnen ...
Hubertus aber und Lucinde erfuhren:
Pasqualetto wollte sich durchaus noch immer nicht nach Rom begeben, aber auch seine Liste von Kaufleuten, reichen Grundbesitzern, vielen vornehmen Männern in Rom, vorzugsweise von Zollbedienten und Helfershelfern der Schmuggler blieb ungeschrieben ... Das Geschäft rückte nicht vorwärts ... Endlich begab sich Pasqualetto mit seinen nächsten Vertrauten in die Gegend von Loretto ... Dort wollte er nächtlich einen Pfarrer überfallen und ihn mit geladener Flinte zwingen, niederzuschreiben, was ihm "unter dem Siegel der beichte" dictirt werden würde ... Da fiel ihm vor Loretto ein Haufe Pilger in die hände. Diese, so arm sie waren, plünderte man aus und entdeckte, dass einer derselben, der der ärmste von allen schien, nur eine Bibel (ein verbotenes und allen Steuerbeamten als zu confisciren bezeichnetes Buch) und ein Taschenschreibzeug besass ... Diesen glücklichen Fund hielt man fest ... Ein Gefangener, der schreiben konnte! ... Ein Bettler, der sich, wenn es sein musste, aus der Welt schaffen liess, ohne dass viel Nachfrage danach war ... Diesen Unglücklichen schleppten die Räuber mit sich und hielten ihn seit Monden gefangen. Es war ein Greis, krank, hinfällig; er kam von den Alpen her, hatte nach dem südlichen Italien gewollt – er nun war der Vertraute einer hochwichtigen Staatsaffaire geworden ...
Und hier eben war es, wo schon bei der früheren Erörterung dieser Dinge Hubertus in seiner regsten Teilnahme aufgewallt war ...
Ingleichen gab auch Vincente jetzt wie vorhin über diesen gefangenen, dem Verderben preisgegebenen