1858_Gutzkow_031_741.txt

Fürst sagte, noch eine "buona manchia" extra verdienen wollen; eine Summe von einer der "Prinzessinnen", die sich vielleicht im Garten zu sicher dünkten ... Vielleicht aucheine Geisel für seine Sicherheit zu denen, die er schon in den Schluchten der Mark Ancona besass ... Dies setzte der Fürst mit einem seltsamen Streiflicht auf das "Ehrenwort" des Cardinals hinzu ...

Sie hätten nun gestern beinahe noch zwei solcher Geiseln gefunden, aber Pasqualetto hätte leider dran glauben müssen ... Leider! betonte der alte Fürst in allem Ernst und corrigirte sich nur pro forma: Der Blutund! ... Dabei sah er über die Mauer, wo noch die Spuren der gestrigen Verwüstung nicht getilgt waren ...

Der Nimmersatt! ergänzte Ceccone ironisch und liess zweifelhaft, wen er meinte ...

Lucinde orientirte sich allmählich ...

Der Fürst erging sich in der heftigsten Anklage eines Menschen, der hier den Staatsbehörden völlig in der Eigenschaft einer gleichberechtigten Macht gegenüberstand ... Dabei richtete er seine Vorwürfe geradezu wie die öffentliche Meinung gegen Hubertus ...

Dieser arme verstand sie nicht und suchte nur mit seinen glühenden Augen, die im Knochenschädel hinund herfunkelten, zu deuten, was seine Ohren nicht begreifen konnten ... So viel merkte er allmählich, dass er den hohen Herren wohl gar keinen Gefallen mit seiner raschen Anwendung des Pistols getan hatte ...

Der Cardinal wiegte sich im Sessel, brach über sich Lorberblätter, die er in seiner flachen Hand zerklopfte, und beobachtete nur scharf fixirend Lucinden ... Dass diese die Mönche Hubertus und Sebastus kannte, schien ihm darum von Interesse, weil sich die kleinen pikanten Episoden der gewöhnlichen Devotion und amazonenhaften Kälte dieses fremden Mädchens immer zahlreicher einzufinden begannen ...

Durch diesen Tod, krächzte der alte Fürst offen zu Hubertus heraus, haben Sie die heilige Kirche um eine grosse gelegenheit gebracht, Gerechtigkeit zu üben! ... Sie hätten sich getrost von hier sollen entführen lassen, schöne Signora! scherzte er, sich mässigend ... Ich würde mit Vergnügen das Lösegeld gezahlt habenDer Cardinal da hätte den Rest hinzugefügtsetzte er mit sardonischem Lächeln und seine Aufregung zügelnd hinzu ...

Senza il supplimento! ... Ohne das Agio! erwiderte der Cardinal ebenso trocken ironisch ... Er streckte seine roten Strümpfe vor sich auf die unteren Sprossen eines Sessels aus ... Sein Bein war noch untadelhaft ... Kopfnickend bestätigte er alles erzählte, nur mit einer gewissen ironischen Bitterkeit ...

Sie können alles wieder gut machen, fuhr der alte Fürst zu Hubertus fort, wenn Sie sich die Gnade des Pater Campistrano erwerben und wirklich diese Reise nach Porto d'Ascoli unternehmen wollen ...

Nach Porto d'Ascoli? fragte jetzt Lucinde staunend über die Anrede, die sie übersetzt hatte ...

Beim Namen des Pater Campistrano blickte Pater Vincente besonders ehrfurchtsvoll – ...

Hubertus stand unbeweglich, dem alten knorrigen Myrtenstamm nicht unähnlich, an den er sich lehnte ... Er hatte schon vorhin von einer Reise nach der Küste gesprochendas war richtiger verstand nur noch zu dunkel den Zweck und sah auf Lucinden als hülfe ...

Diese wollte sich erst vollständiger zurecht finden, wollte auch die Interessen des Cardinals erst sondiren, ehe sie vermittelnd eingriff ... Wie den Cardinal diese Klugheit entzückte, die er vollkommen übersah! ... Ceccone schien gleichgültig, spielte mit seinem Augenglase, fixirte bald Lucindens Toilette, bald das Curiosum der Gesichtszüge und Gestalt des deutschholländischen Laienbruders, das er belachte ...

Hubertus hatte allerlei Dinge von einem Pilger, von einem Deutschen gesprochen, die ihrerseits Lucinde nicht verstand ...

Erst allmählich lüftete sich ihr folgender, grösstenteils von Pater Vincente vermittelter Zusammenhang ...

Der Räuber Pasqualetto war, wie im Musterstaat der Christenheit, im Eldorado der katolischen sehnsucht, üblich, unter dem Versprechen der Sicherheit nach Rom entboten worden, um für eine bedeutende Summe dem Fürsten Rucca Mitteilungen über die Lage seiner Interessen an der adriatischen Küste zu machen ...

Der Gewinn, den der gefürchtete Räuber von seinen Unternehmungen zog, musste sonst mit seinen gefährten geteilt werden; diesmal wollte er die Frucht langer Verhandlungen, eine lebenslängliche Pension ganz für sich allein, wollte seine wohnung inskünftige in der frommen Stadt Ascoli nehmen und sein bisheriges Leben der Nachsicht der Behörden empfehlen ... Solche letzte Friedensschlüsse der Regierungen mit den Fra Diavolos der Landstrassen sind in Italien nichts Seltenes und für Jedermann daselbst das Erwünschtere, weil Sicherste ... Wenn auch zugestanden werden muss, dass sich Ceccone und das Tribunal gegen diese Uebereinkunft sträubten, so wusste doch Fürst Rucca seinen Wünschen Nachdruck zu geben und nicht bloss im Scherz sagte er zu den höchsten Richtern: Fürchtet ihr, dass eure Namen auch auf der Liste derer stehen werden, die mir die Füllung des Schatzes des Heiligen Vaters mit der Zeit unmöglich machen? ... Besonders sah wohl gar Ceccone den Entüllungen des Pasqualetto mit unheimlicher Spannung entgegen ... Der Fürst hatte heute ganz den übeln Humor, der jeden Gastgeber am Morgen nach einem Feste, wenn es auch noch so schön ausfiel, zu erfüllen pflegt ... Er äusserte ihn in aller Offenheit mit den Worten: Ich glaube, diesen Mord des armen Pasqualetto hat jemand auf dem Gewissen, der sich fürchtete, auf zehn Jahre zurück seinen Champagner versteuern zu müssen! ...

Der Cardinal