eines Sonnenuhrzeigers im Kreise. Es ist ein Nichts, ein Schein und doch wie wesenhaft! Die Atome zittern und tanzen in ihm! Ohne diesen Strahl würden die Atome sinken und nicht, für mich wenigstens, dasein, aber in ihm wirbeln und erhalten sie sich und immer rundum. So halten sich die Welten! In einem höhern Sonnenstrahl werden wir einst das selber sehen, selber fühlen! Wie überflüssig alles Wissen, wenn man das weiss! Ich brauche kein Buch mehr. Man hat mir Bücher und Schreibpapier angeboten. Ich will nicht mehr haben als ich brauche, um an Dich zu schreiben. Lesen ist mir verhasst. Jeder Buchstabe, der nicht aus der Welt jenes meines einzigen Sonnenstrahls kommt, tut mir weh. Menschen! Menschen! Ihr dünkt euch so viel! Ich könnte alles hingeben wie ein Mönch, wenn nur im Klostergarten ihm sein kleines Blumenbeet bleibt!"
Für Lucinden waren diese Klagen nicht im mindesten rührend. Sie schrieb, aber sie beantwortete gerade diese Klagen nicht. Sie überliess sich scheinbar Klingsohr's Anordnungen, besprach aber eine Reise nach England mit Herrn Carstens, der schon, um sie zu entfernen, in Correspondenz mit jenem Pachter stand, dessen Bekanntschaft er die Pensionärin verdankte. Nach dem Glauben der Nachbarn war Lucinde schon fort und manchem ihrer Nekrologe oder ägyptischen Todtengerichte, die ihr vor dem Fenster und hinter herabgelassenen Vorhängen draussen in der Laube von einem Einsprechenden gehalten wurden, konnte sie selber zuhören.
Am Tage nach dem Begräbniss des Kammerherrn war ihrer Ungeduld kaum noch einzuhalten. Die Verantwortlichkeit des Hauses für sie hatte sich aufs höchste gesteigert. Die Damen Carstens schliefen nicht mehr. Sie schlossen Lucinden am Tage ein, sie versagten sich selbst den Genuss der natur, gingen nicht aus, verschlossen sogar das Piano, nur damit sich Lucinde nicht durch Spielen verriet.
Noch den dritten, vierten Tag liess sie sich durch eine Reisebeschreibung über England beschwichtigen. Am fünften aber drohte sie mit einem Sprunge aus dem Fenster. Sie hatte gerade beide Schwestern, die sie verzweiflungsvoll an den Kleidern zurückhielten, hinter sich, als ein eleganter Wagen draussen am Staket vorgefahren kam mit zwei Bedienten, von denen einer die Livree des Schlosses Neuhof trug.
Der Schlag öffnete sich und ganz in Schwarz gekleidet trat, unterstützt von dem andern Diener, eine lange, hagere Gestalt aus dem niedergelassenen Schlage.
Excellenz, der Kronsyndikus! rief Lucinde und wäre fast aus dem Fenster und dem Ankommenden an den Hals gesprungen.
Um alles in der Welt von den Schwestern um Anstand und "sittliches Betragen" ersucht, hielt sich Lucinde zurück und bedeutete die Wächterinnen, dass sie denn doch eilends selber Seiner Excellenz entgegengehen möchten.
Die Schwestern, "zwei Seelen und Ein Gedanke", drängten sich schon vor einem Spiegel, um ihre Frisur, ihre Kleider zu ordnen. Dies währte lange. Der Kronsyndikus war inzwischen im Garten und pochte schon an die seiter immer verschlossen gewesene Haustür.
18.
Hätte Lucinde den Ankommenden nicht schon beim ersten Schritt aus dem Wagen erkannt, aus diesem leisen und zurückhaltenden Pochen würde sie es nicht gekonnt haben. So pflegte sonst der Kronsyndikus von Wittekind-Neuhof nicht zu pochen.
Er nahm, da nicht geöffnet wurde, den Stab, auf den er sich im Gehen gestützt hatte, und pochte wiederholt an die Tür, doch aber auch mit dem Stabe ebenso zurückhaltend wie zuvor mit der Hand.
Als die fräulein Carstens in ihrer Toilette so weit vorgeschritten waren, sich einem solchen Besuche vorstellen zu können, öffneten sie und baten wegen der Verzögerung um Entschuldigung.
Das Auge des Greises, der leise irgendetwas Verbindliches brummend erwiderte, suchte nur Lucinden.
Als sie vortrat, umarmte er sie mit Innigkeit. Eine Träne stand ihm in den weissen Wimpern; er bedurfte iniger Erholung, bis er sprechen konnte.
Tränen kannten Lucindens Augen in dieser Situation nicht, aber sie sprach mit Innigkeit zu dem gebeugten Greise, der jetzt einen Stuhl suchte, sich zu sammeln. Lucinde würde mit noch grösserer Herzlichkeit seinen Gruss erwidert haben, wenn die Redseligkeit der fräulein sich nicht in einen Wettstreit von Beileidsbezeigungen ergangen hätte. Da so vier Stühle jetzt zusammengerückt zu sehen zum ceremoniellen Erörtern des "Unglücks" und des "bejammernswerten Vaterschmerzes" u.s.w., das benahm ihr jede Lust, sich ihrerseits an dem Beileid zu beteiligen.
Der Kronsyndikus schien die gleichen Gefühle zu hegen.
Nach einigen Klagen über sein schmerzliches Geschick, einigen Berichterstattungen über die nach Schloss Neuhof bereits von einem andern der mitgebrachten Diener abgesandte Leiche seines Sohnes erhob er sich und forderte Lucinden auf, in den Wagen zu steigen und mit ihm in den Umgebungen der Stadt spazieren zu fahren.
Diese Veranlassung, die Gefangene wieder in die Öffentlichkeit zurückkehren zu lassen, war zu gebieterisch. Die fräulein trugen selbst Hut, Sonnenschirm, einen Ueberwurf herbei und erschöpften sich in Zärtlichkeiten und Schmeicheleien für Lucinden, als wäre nie etwas zwischen ihnen vorgefallen.
Der Kronsyndikus bot Lucinden den Arm. Es war eine Artigkeit; aber eher hätte sie sich veranlasst fühlen können, ihm den ihrigen anzubieten. Denn wie schritt er langsam und hinfällig! Seine Augen lagen tief in den Höhlen! Das Antlitz war so wachsbleich und mit einem Netz von Runzeln und Furchen nach allen Richtungen hin überzogen, wie ein Kopf von jenem Denner, der in dieser Stadt gemalt hat. Die weissen Bartaare standen auf den hohlen Wangen wie zum Zählen.
Der in der grossen Livree der Wittekinds harrende Diener war noch zu dem Commissionär des Hotels,