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Gerüchte und leider nur halbverbürgten Nachrichten, hörte Lucinde, dass Paula's Bund mit dem Grafen Hugo wirklich im Frühjahr war geschlossen worden ... Resi Kuchelmeister schrieb ihr autentisch diese Nachricht ... Resi schilderte, was sie gehört von der in der Libori-Kapelle bei Westerhof stattgefundenen Trauung ... Sie schilderte Paula's erstes Auftretenin Wienwie die geisterbleiche, mehr dem Himmel, als der Erde angehörende Gräfin ein aufsehen sondergleichen mache, wie sie alle Schichten der Gesellschaft in Bewegung setze ... Lucinde befand sich im Glück; das machte ihr Urteil milder ... Bonaventura hatte Paula aufgeben müssen; das liess eine Weile ihre Eifersucht schweigen ... Auf der Höhe des Verständnisses dieser unglücklichen Liebe stand sie ohnehin und wohl empfand sie, was in Paula's Seele vorgehen musste ... Graf Hugo hatte ihr einmal eine schreckhafte Stunde des Lebens bereitet, er hatte zornig und drohend mit ihr gesprochen und so schrieb sie denn an Resi: "Das ist unser Frauenloos! Die Lilie vom See in einen Stall verpflanzt! Veilchenkränze vom Bachesufer in ein mit Tabacksqualm durchzogenes Zimmer! hände, weich und weiss wie Schwanenflaum, blätternd jetzt in einem abgegriffenen Lebensbuch! Aber gewiss! Der Graf wird sie schonen! All die Künste der 'Egards', mit denen die Männer sich zu verstellen wissen, wird er entfalten ... Er wird sich auf den Ton der Tugend und achtung vor dem Schönen stimmen! Wie wird er um sie her einen Tempel aus bunten Lügen-Wolken bauen, einen Tempel mit schönen Säulen und Vorhängen, die undurchsichtig sind, umden Stall, die Cigarre, den Wein, die Untreue zu verbergen! ... Aber manchmal verwickelt sich denn doch der Sporn des plumpen Fusses in die zarten Teppiche, die auf dem Boden gebreitet sind; manchmal reisst er die Herrlichkeit der Lüge zusammen. Da stürzen die alabasternen Vasen, zerbrechen die kleinen Hausgötter des Friedens, der erlogene Seladon wird zum schnurrbärtigen Barbaren, wie ich sie alle gefunden habe, diese Erlauchts, diese Excellenzen, diese Durchlauchts ... Dann kommen Dinge zu Tage, die für uns Frauen wie Offenbarungen aus der Welt des Mondes sind! Seit dem Anfang der Welt belügen so die Männer die Frauen, misbrauchen mit ungrossmütiger Kraft unsere urewige Schwäche, die immer wieder die Füsse küsst, die uns getreten ... Vielleicht führt der Graf seine Rolle wenigstens durch bis zum stillen Verlöschen des Lichts, das ihm der Himmel zu hüten beschieden hat. Vielleicht besitzt er, da sie ihn gutmütig nennen, wenigstens die Geduld des Ausharrens bis zum Ende ... Ich kann mir den Glauben der ärzte nicht geben, die diese Paula wie eine welk gewordene Blume an solchen Küssen und Umarmungen aufleben sehen und eine gesunde Mutter mit sechs pausbackigen Jungen in Perspective dieser Ehe erblicken. Zieht der Graf nach Schloss Salem, so fällt aus der dortigen Luft allein schon ein Mehltau auf die zarte Pflanze; selbst wenn sie nie erfährt, wer die andre arme Seele war, die einst dort in den kleinen Entresols des Casinos gehaust hat" ... Resi Kuchelmeister nahm diesen Brief sehr übel und antwortete nicht mehr ...

Es war eben in der Welt nur Ein Mann, der Lucinden liebenswert erschien ... Hochtronender denn je unter allem Elend und aller Schwäche dieser Erde lebte er in seinem einsamen Alpentale ... Wie gern hätte sie ihn in seinem jetzigen Glanz erblickt! In seiner langen weissen Dalmatica, mit seinem silbernen Bischofsstab, unter seiner spitzen Bischofskrone, die ein Haar bedeckte, das schon, wie sie bei ihrer beichte zu Maria-Schnee gesehen, zu ergrauen anfing! ... Wie gegenwärtig war ihr alles, was Bonaventura über diesen Bund Paula's empfinden musste ... Sie ängstigte sich um die Gefahren, die ihn bedrohten ... Hätte sie nur mehr davon erfahren ... Sollte sie sich an den Cardinal wenden? ... Ceccone hatte den Kopf mit dem "Jungen Italien" und den Vorwürfen des Staatskanzlers voll und Olympia sprach nur selten noch anders, als mit Hohn über den von ihr zum "Heiligsten der Christen" und zum Bischof ernannten Deutschen ... Die Herzogin schien ihr eher eine Bundsgenossin; doch musste sie mit dieser – "erst einen Vertrag abschliessen" ...

Eines Tages hatte sich Lucinde, als Olympia nicht anwesend war, nach einem kleinen Diner bei der Herzogin, dem der Cardinal, einige Prälaten und Offiziere beiwohnten, den Scherz erlaubt, den grossen roten Cardinalshut des erstern aufzusetzen und damit vor den Spiegel zu treten ... Das Gespräch war so lebhaft, das lachen so natürlich gewesen, dass Lucinde sich diesen kleinen Rückfall in ihre alten "Hessenmädchen"-Naivetäten glaubte beikommen lassen zu dürfen ...

Una porporata! rief Ceccone mit glühenden Augen und beifallklatschend ...

Der grosse rote Sammtut mit den hängenden Troddeln von gleicher Farbe stand dem schwarzen kopf in der Tat allerliebst ...

"Die Päpstin Johanna!" sagte ein Offizier, der Lucinden zu Tisch geführt hatte ... Er schien sich gut mit ihr unterhalten zu haben ... Man nannte ihn den Grafen Sarzana ... Er stand bei der Nobelgarde und war noch nicht lange von Reisen zurück ...

Der Cardinal drohte ihm für sein Wort schelmisch mit dem Finger, sagte, wie zur Strafe: "Nein! Die Gräfin Sarzana!"