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bisherigen Tonbildung und ihres Stimmansatzes – "eine dilettantische Sängerin ist zu allem fähig!" sagte Resi ... Aber auch die Bühne gab sie inzwischen jetzt selbst auf ...

Wer kann den unglücklichen Männern helfen! ... dachte Resi ... Sie hatte so vielfache Beziehungendie einflussreichste, Graf Hugo, war nicht anwesend ... Da fiel ihr ein: Die Herzogin von Amarillas hatte so treu ausgeharrt bei Angiolinens Seelenmetten ...

Zu dieser ging sie in den Palatinus ... Olympia, die sie immer noch die Mörderin Angiolinens nannte, war glücklicherweise nicht anwesend ...

Als die Herzogin die Bitte vernommen, die darauf hinausging, dass sie sich für einen Landsmann beim Cardinal, dieser aber beim Staatskanzler verwenden möchte, sagte sie voll Staunen: Luigi Biancchi! ... Sie hörte allem, was Resi in leidlichem Italienisch von einem ihr so wohlbekannten Namen erzählte, mit grösstem Interesse und versprach auch das Möglichste zu tun ...

Die Herzogin konnte nichts tun ... Zu Olympien durfte kaum der Name Biancchi ausgesprochen werden, ebenso wenig wie zu Ceccone ... Resi vergab ihr den Nichterfolg um des Anteils willen, den die weiche Seele um Angiolinen zeigte ... Resi erzählte das Leben ihrer Freundin, soweit es ihr bekannt war ... Die Herzogin war über jede ihrer Mitteilungen zu Tränen gerührt ...

Resi's leidliche Gewandteit im Italienischen bestimmte die Herzogin, von einem Verlangen der Gräfin zu sprechen, eine Deutsche als Gesellschafterin zu engagiren und sie vielleicht mit nach Rom zu nehmen ... Olympia glühte noch ganz für Benno und Bonaventura ... Die Herzogin trug ihr diese Stellung an ... Resi ergriff anfangs den Vorschlag und schien nicht abgeneigt ... Zuletzt legte sich die anhänglichkeit der Wienerin an ihre Vaterstadt verhindernd dazwischen und so brachte sie "eine Schülerin Biancchi's", ein fräulein Lucinde Schwarz für diese Stellung in Vorschlag ...

Diese bewarb sich und reussirte ... Das System, sich anspruchslos, unbedeutend, vorzugsweise nur an den Uebungen der Religion beteiligt zu stellen, stand Lucinden bei allen Anfängen ihrer Unternehmungen bei ... So sehr es aufregt, stets in einer fremden Sprache reden zu müssen; so mächtig Phantasie und Herz von den Zaubern Italiens ergriffen wurden, sie beherrschte sich; sie suchte weder Mistrauen noch Eifersucht zu erregen ... Der Cardinal reiste erst später nach in Begleitung des jungen Fürsten Rucca ... Olympia, die Herzogin und Lucinde gingen voraus ...

Lucinde erkannte bald die natur der Gräfin, die man flüsternd die Tochter des Cardinals nannte ... Sie erstaunte über die leidenschaft, die sie für Benno von Asselyn zur Schau trug ... Jetzt erst erfuhr sie den eigentlichen Zusammenhang, wie Bonaventura zu einem Bistum in Italien hatte kommen können ... Benno wurde in Rom erwartet; die Gräfin sprach von ihm, als sollte ihre Vermählung nicht mit Ercolano Rucca, sondern mit Benno stattfinden ... Nunwar er aber wieder entflohen ... Jetzt wurde sein Name mit Verwünschungen genannt ... Sie hütete sich wohl, von ihrer Bekanntschaft mit Benno zu viel zu verraten ... Bald war ihr der junge Principe Rucca eine Art Piter Kattendyk; der alte Rucca ein Stück Kronsyndikus; die Fürstin Mutter eine der vielen alternden Koketten, die sie in ihrem Leben schon kennen gelernt hatte ... Der allmächtige Cardinal hatte geistig alles von Nück; nur in seinen Manieren war das Streben nach Glanz und Anmut vorherrschend ... Sie hatte einigemal scharfe Urteile gefällt, Ansichten über die Zeit, die Verhältnisse Deutschlands ausgesprochen; bei einigen Festen ging sie in gewählter Toilette; da merkte sieCeccone warf verstohlene, glühende Blicke auf sie ... Es liess sich ganz so an, als wenn sie eines Tages seine Beute werden sollte – ... Sie dachte über die Bedingungen eines so ausserordentlichen Sieges nach ... Hätte sie sich je dergleichen von Rom träumen lassen! ... Nur die Herzogin von Amarillas wurde ihr mit einem jeweiligen sonderbaren Lächeln bedenklich ...

Den Lebensbeziehungen Bonaventura's war sie wieder in einem Grade nahe, der ihr die glänzendste Genugtuung werden musste ... Sie sah, dass er sein Amt mit einem auffallenden Streit gegen den Erzbischof von Coni begonnen hatte ... Der Gegenstand desselben gehörte den Gerechtsamen der Inquisition an, die zwar nicht mehr mit Scheiterhaufen, aber immer noch mit Einkerkerungen strafen kann ... Die Dominicaner sind die Wächter des Glaubens; sie halten auf ihre Vorrechte um so eifriger, als die Jesuiten sie im übrigen überflügelt haben ... Der gestürzte, von Bonaventura befehdete Fefelotti war nicht im mindesten in dem Grade unterlegen, wie Ceccone gewünscht hatte ... Gegen einen unruhigen Bischof seiner Diöcese konnte ihn Rom vollends nicht fallen lassen ... Noch mehr; Fefelotti kam in die unmittelbarste Nähe des Vaticans zurück. Er wurde der erste g e i s t l i c h e Minister Sr. Heiligkeit, während Ceccone der w e l t l i c h e war ... Jetzt wurde Bonaventura's Lage vollends schwierig – ... Noch ein anderer Schlag gegen ihn war in Vorbereitung, die Verurteilung der dem apostolischen Stuhl aus Witoborn vorgelegten Frage über den Magnetismus – "ob sich ein Priester nicht durch magnetisches Handauflegen verunreinige"1? ...

Mitten im Gewirr dieser sich durchkreuzenden