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.. Lucinde konnte verschwinden und auffallen; sie konnte als Magd und als Königin erscheinen; die Devotion war die Maske für beides ... Blinzelte sie nur einmal mit der vollen Macht ihrer kohlschwarzen Augen, gab sie sich mit dem ganzen Vollgefühl ihres übermütigen Geistes, so erstaunten Grafen und Fürsten, die, mit Serlo's Töchtern und Madame Serlo plaudernd, die schlanke schwarze Lehrerin im einfachen Merinokleide nicht beachtet hatten ... Nach einem solchen Lächeln war ihr Mancher schon nachgesprungen, wenn die schlanke Kopfhängerin mit ihren französischen, von den Jesuiten de la Société de Marie herausgegebenen Geschichtsbüchern sich empfahl ... Madame Serlo hatte sie dann beim Wiederbesuch mit einem Hohngelächter empfangen ... Wäre Lucinde sentimental gewesen, sie hätte über dies ganze Familienleben ausrufen müssen: O wärst du noch zugegen, du abgeschiedener Geist des armen Vaters dieser Kinder! Sähe dein erbittertes Gemüt eingetroffen, was du schon alles ahntest, als du auf dem Sopha lagstund ich die Uhr zog, die ich vom Kronsyndikus damals noch hatte, um nach der Stunde zu sehen, wo du die Arznei nehmen musstest! ... Wie oft hatte Serlo gesagt: Und gesetzt, ich würde alt und erlebte, was ich voraussehe, ich kann mir denken, dass ich das Gnadenbrot bei den Meinigen annehme! Nicht wie den alten Lear hinausjagen würden sie mich; nein, ich bekäme die Reste von den Orgien, die sie feiern; ich würde lachen wie ein Lustigmacher, würde leuchten bis zur Treppe und die Trinkgelder nehmen, die dem Papa in die Hand gesteckt werden ... "Hungertut weh"! konnte Serlo dann wimmern, wie Edgar im Lear ...

An Menschenhass und Weltverachtung nahm Lucinde immer mehr zu ... Sie hatte schon im Späterbst bei einem Besuch des Praters die Entdeckung gemacht, dass die aufgeputzte Besitzerin jener Menagerie von einem jungen Mann begleitet war, über den die alte Holländerin mit ängstlicher Eifersucht wachte ... Lucinde wagte nicht ihn schärfer zu betrachten, seitdem sie entdeckte: Das war Oskar Binder, der entlassene Sträfling, der spätere Spieler unter dem Namen "Herr von Binnental"! ... Und von einem aufgehobenen Spielclub hatte sie gehört, den ein Herr "Baron" von Gutmann hielt ... Die Entdeckung war bei einer polizeilichen Recherche erfolgt, von der die ganze Stadt sprach ... Frau Bettina Fuld wünschte bei ihrer Abreise Andenken zu hinterlassen und kaufte zu dem Ende allerlei Schmucksachen. Sie wollte ihre Kasse nicht zu sehr in Contribution setzen und wandte sich auf den Rat der praktischen "Frau von Zikkeles", ihrer Mutter, an eine Auction im Versatzhause ... Wie erstaunte sie, dort jenes Armband verkäuflich zu finden, das ihr vor einem Jahr in ihrer Villa zu Drusenheim abhanden gekommen! ... Das verfallene Versatzstück war auf den Namen einer Frau von Gutmann eingetragen, derselben, die damals bei ihr so gastlich aufgenommen gewesen! ... Die Anzeige, die Arrestation erfolgte ... Lucinde las in den Zeitungen die nähern Angaben ... Wie versetzte die Hellauflachende das alles in ihre erste Jugendzeit ... Vom Lauscheraugenblick, als jene Frau vor ihrem spätern Mann auf den Knieen lag, fing ja ihr ganzes dunkles Leben an ...

Lucinde würde zur Verzweiflung gekommen sein, hätte ihr jenes Bild der Jugend nicht auch Treudchen Lei als freundlichere Erinnerung vorgeführt ... Durch diese beschloss sie sich zu helfen ... Sie schrieb an "Madame Piter Kattendyk" nach Paris, erzählte, dass sie in der grössten Not wäre, und bat um hülfe ... Da kam ein unortographischer, liebevoller Brief, der einen Wechsel auf hundert Dukaten einschloss ... "Das Glück liegt irgendwo, sagte sich Lucindewer es nur fände!" ...

In einem kurzen Sonnenschein des Glücks suchen wir die zuerst auf, denen wir gefallen möchten ... So eilte Lucinde zu Resi Kuchelmeister, deren gesunder Ton ihr in freundlicher Erinnerung geblieben war ... Sie fand diese in ausdauernder schmerzlichster Trauer über das Schicksal der beiden alten Männer aus der Currentgasse ... Resi war an sich so loyal, dass sie jedes dem Kaiserhause und ihrem grossen schönen vaterland bedrohliche Unternehmen für eine Ausgeburt absoluter Nichtswürdigkeit erklärte; seitdem sich aber Dalschefski und Biancchi auf geheimen Umtrieben hatten betreten lassen, anerkannte sie wenigstens psychologische Möglichkeiten solcher VerirrungenFrauen beurteilen alles aus dem Herzen ... Biancchi war denn nur geizig gewesen zum besten der Conspirationen! ... Ein weitverzweigtes Netz von London über Paris, nach Italien, Ungarn, Polen hatte sich auch um ihn geschlungen! ... Und Dalschefski lächelte nur deshalb so ironisch, weil ein Greis mit Jugendmut in den schmerzlichen Nachklängen des Finis Poloniae lebte ... Emissäre hatte "das arme Lamm" nach Krakau und Galizien befördert, Flüchtlinge, MitverbundeneSpione ... Dem "elenden Pötzl" schrieb Resi, vielleicht mit Unrecht, das Unglück der beiden alten Männer zu, die mit ihren verwöhnten Bedürfnissen, mit ihren grossen edlen Fähigkeiten jetzt in grauen Kitteln zwischen den Wällen des Spielbergs leben mussten ... Resi's Unmut war ebenso gross, wie ihre Erbitterung über die Gesinnungslosigkeit der Zikkeles, wo Jenny plötzlich tat, als erinnerte sie sich kaum des "Schöpfers ihrer stimme" – sie hatte inzwischen einen neuen Maestro gefunden, der die Metode des vorigen verwarf, wunderbare Entüllungen machte über den falschen gang ihrer