wie geschlossen ... Paula vermählte sich! ... Es war das Gespräch der ganzen Stadt ...
Inzwischen fing sie an bittre Not zu leiden ... Ihre Geldmittel waren erschöpft ... Was sollte sie beginnen? Welchen Weg einschlagen, um sich in dieser so schwierigen Stellung eines alleinwohnenden Mädchens zu behaupten? ... Durfte sie es ein Glück nennen, wenn sie hier plötzlich – Madame Serlo und ihren Töchtern wieder begegnete? ... Wohl durfte die teaterlustige Stadt beide alte Gegnerinnen zusammenführen. Serlo's Kinder waren schnell herangewachsen und gefällige Tänzerinnen geworden. Sie protegirten Lucinden, die sie herabgekommen, eingeschüchtert, in schon schwindender Jugend sahen. Sie boten ihr nicht nur ihren eigenen Beistand, sondern auch den – ihrer Beschützer. Die Kinder waren leichtsinnig. Die Mutter "genoss" nun, wie sie sagte, ihr Leben nach langer Entbehrung; sie genoss es auch im Behagen, prahlen zu können; ja – "Herz" zeigen zu können, gewährte ihr, ganz nach Serlo's Teorie, eine eigene Genugtuung ... Frau Serlo – das war ein elektrischer Leiter für die ganze begrabene Vergangenheit Lucindens ... Sie erzählte jedem, was sie von Lucinden und Klingsohr, von Jérôme von Wittekind, vom Kronsyndikus wusste ... Dass Dr. Klingsohr in Rom gefangen sass, war allgemein bekannt; oft genug wurde Lucinde in die Lage gebracht, über diese Beziehungen Rede zu stehen ...
Sie wohnte in der ärmlichsten Vorstadt ... Empfehlungen von Beda Hunnius und Joseph Niggl öffneten ihr wohl manches fromme Haus; die Gewohnheiten einer Convertitin behielt sie bei; sie blieb eine der eifrigsten Besucherinnen der Kirchen und Andachten; aber ihre Lage wollte sich nicht dadurch bessern ... Von Nück wollte sie nichts begehren ... In ihrer steigenden Not dachte sie: Du schreibst an den Dechanten, wie ihr damals Bonaventura durch Veilchen hatte raten lassen ... Sie unterliess es ... "Wenn es nicht die Asselyns wären!" ... Nun suchte sie selbst Stunden zu geben ... Ihre Musik suchte sie hervor ... Sie versuchte sich sogar in dem ihr gänzlich versagten Gesange ... Dies Letztere, um zugleich in der italienischen Sprache sich zu vervollkommnen und sich rüsten zu können zu ihrer letzten "Pilgerfahrt nach Rom" – "vor'm Zusammenbrechen" ...
Sie nahm Singstunden bei Professor Luigi Biancchi ... Sie waren bei diesem gesuchten Maestro teuer ... Aber für jede Stunde, die sie in der Currentgasse nahm, gab sie eine in der Weihburggasse, wo Serlo's Kinder wohnten ... Diese wollten den Cavalieren gegenüber, die die Tänzerinnen des Kärntnertors auszeichneten, ihre vernachlässigte Bildung nachholen ... Eine Weile ging das alles leidlich ... Aber wie viel Stunden liessen die undankbaren Mädchen, die sie einst auf ihrem Schoose geschaukelt und so oft auf ihrem Arm getragen hatte, absagen und rechneten sie nicht an! ... Zum Glück – bei ihrer Manie für die Ausbildung im Italienischen konnte sie so wohl sagen – wurden eines Morgens die beiden alten Männer Biancchi und Dalschefski – verhaftet! ... Der Italiener, der Pole verschwanden auf dem Spielberg bei Brünn, wo die "schwarze Commission" über die Revolutionen tagte ...
Das aufsehen, das dieser Vorfall in ganz Wien machte, der Schrecken, den darüber vorzugsweise Resi Kuchelmeister und Jenny Zickeles empfinden mussten, führte Lucinden diesen beiden Damen näher ... Vielleicht würde sie ganz in das Zikkeles'sche Haus eingedrungen sein, wenn ihr nicht die noch bei Madame Bettina Fuld verweilende Angelika Müller, "die diese Abenteurerin schon seit Hamburg kannte", mit mehr als drei Kreuzen entgegengetreten wäre ...
Kurz nach Weihnachten hatte Lucinde Tage der Verzweiflung ... Sie sprach italienisch, wie eine geborene Italienerin, aber sie hatte Schulden – Schulden – bis zum Ausgewiesenwerden aus Wien ...
Schulden machen den Menschen erfinderisch ... Sie wecken Genie bei Dem, der dergleichen nicht zu besitzen glaubt ... Die Resultate des Nachdenkens jedoch über die Mittel, sich zu helfen, sind nicht immer unserer moralischen Vollkommenheit günstig ... Lucinde war nie "gut"; Mittel und Wege, entschieden "schlecht" zu werden, boten sich ihr genug ... Das wohlfeilste darunter, sich unter die Protection irgend eines Mannes, der sie zu lieben vorgab, zu begeben, vermied sie – ... Aus zunehmender Abneigung gegen die Männer überhaupt? ... Wozu hatte sie so gut Italienisch gelernt! – ... "Freund der Seele, ich komme, um meinen Spuk mit dem Fund aus dem Sarge zu entkräften! Ich will ihn in deine hände zurückgeben! Ich will mit dir die Frage erörtern: Was ist diese Welt, was Glaube, was unsere ganze dies- und jenseitige Seligkeit?" ... "Das blieb ihr denn doch noch immer übrig, noch einmal nach Robillante und Castellungo schreiben zu können ... Jetzt vollends, wo sich Paula in der Tat – dem Verbrechen der Fälschung? – hatte opfern müssen" – ...
Lucinde rechnete und wühlte ... Serlo's Kinder waren hübsch, aber ohne Geist. Ihre Lehrerin brauchte nur bessere Kleider anzuziehen, als sie sich erborgen konnte, und sie hätte schon die Aufmerksamkeit dauernder gefesselt ... Wie sonst, so auch jetzt .