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in Schach halten konnten ...

Bonaventura durfte nach diesen Geständnissen ruhiger werden ...

Sie hatte in der Tat begonnen von ihrer Bonaventura schon bekannten Begegnung mit Räubern ... Sie hatte erzählen müssen vom Eindruck, den auf eine nicht von ihr genannte, aber leicht zu erkennende person (Bonaventura ergänzte sich: "Nück!") die Mitteilung gemacht hätte, dass jener Hammaker seinem frühern gönner eine tödliche Verlegenheit hinterlassen wollte durch eine ins Archiv von Westerhof einzuschwärzende falsche Urkunde ... Sie hatte Nück's Beteiligung als eine nur passive dargestellt, ihren eigenen Zusammenhang sowohl mit dem Brand wie mit dem Fund des Falsificats nur als die äusserste Anstrengung, das Verbrechen zu hindern ... Dennochsie gestand es, war es ausgeführt worden ...

Ein kurzer Schauder Bonaventura's – ein Seufzen – "Was muss ein katolischer Priester alles in der beichte hören und verschweigen!" ...

Dann fuhr sie fort und berichtete vollständig, Jean Picard hätte sogar für seine Rettung und Flucht den Beistand eines Mannes gefunden, der zufällig in ihm denjenigen erkannte, für dessen Wohl er noch die letzten Anstrengungen seines Lebens hätte machen wollen ... (Bonaventura sagte sich: "Hubertus!" ...) Was aus dem Brandstifter geworden, wusste sie nicht ... Nück hätte das Geschehene nicht ohne die grösste Gefahr für seine Ehre aufdecken können, wäre auch durch nichts dazu gedrängt worden, da sowohl ein Ankläger fehlte wie die anfangs von ihm so gefürchteten Gelderpressungen des Brandstifters, der sich von seinem Unternehmen mit gutem Grund die stete Beunruhigung und Ausschröpfung Nück's hätte versprechen dürfen ... Picard war in einem Grade verschollen, dass man selbst seinen Todwer weiss, ob nicht von den Händen seines ungenannten, von Bonaventura erratenen Rettersannehmen durfte ...

Alle diese Vorgänge beichtete Lucinde in ihrer vollen Wahrheit, gedrängt von den Drohungen des Grafen Hugo ... Sie warf ihre sorge auf die heilige römische, alleinseligmachende Kirche, auf die nahe Beziehung derselben zu Gott, auf den Schatz der guten Werke, der die reichste Vergebung aller der Sünden gestattete, die die weltliche Welt, die Welt des Gesetzes, die Welt der Fürsten, ihrer Helfer und Helfershelfer n i c h t z u w i s s e n b r a u c h t – – ...

Das war die Lehre der Kirche, die ihr immer so wohlgetan ... Die gab ihr jenen Mut und jenes Talent, eine "Beate" scheinen zu können ... Was auch an Angst über diese Verbrechen in ihrer Seele lebte, sie warf alles auf Bonaventura ... Seiner Vermittelung der grauenhaften und für ihren Ruf, ihre Freiheit so gefährlichen Vorgänge vertraute sieseiner "vielleicht noch für sie erwachenden" Liebeseiner Furcht auch vor ihrem zweiten "geheimnis" – über ihn selbst ... Zu Entüllungen über die Ursachen der Flucht Lucindens aus dem Nück'schen haus blieb die Zeit nicht gegeben ...

Den Ton der tiefsten Entfremdung gegen sie, einen Ton aus dem Urgrund der Seele, den Bonaventura nicht überwinden konnte, milderten die priesterlichen Formen ... Da erklang der sanfte Ton der Güte, da das stille Murmeln des Gebetes, da die ernste Ermahnung ... Furcht über ihre Mitwissenschaft an seinem eigenen tiefen Lebensunglück beherrschte ihn nicht ... Schon beim ersten nennen Bickert's unterbrach er sie mit den Worten: Jener Verbrecher, dessen Reue Sie immer noch unvollständig machen durch das Zurückbehalten seines Raubes! Warum erhielt ich nie, was Sie von ihm besitzen? Ist Ihr Bedürfniss, sich an mir zu rächen, noch so lebhaft? Warum sagen Sie mir nicht, was ich aus dem beraubten Sarge von Ihnen zu fürchten habe? ... Alle diese fragen liess Lucinde ohne Antwort und ihn selbst verhinderte sein Stolz, verhinderte sein Schmerz um seines Vaters so schwer bedrohtes Schicksal anzudeuten, dass er den Inhalt der Leo_Perl'schen Schrift kannte ... Vollends mahnte die nächste Gefahr, die vom Grafen Hugo mit Erneuerung des Processes drohte, zu dringend ... Zu dringend sogar die Möglichkeit, dass Lucinde ihrer Freiheit beraubt werden und die Beschlagnahme ihrer Papiere gewärtigen konnte ...

Nachdem Lucinde in Bonaventura's Ohr geflüstert hatte, was sie vom Brand in Westerhof und aus Nück's Mitteilungen über Hammaker's Vorhaben wusste, verlebte sie Stunden der höchsten Angst ... Sie durfte irgend eine Unternehmung, irgend eine Berührung mit dem Grafen Hugo erwarten ... Es wurden aber Tage darauszuletzt Wochen ... Niemand mehr erkundigte sich nach ihr ... Weder der Graf, noch Bonaventura ... Hatte dieser den Grafen so vollständig beruhigt, so ganz die von ihr eingestandene Fälschung der Urkunde verschleiert? ... Sie hörte Bonaventura's italienische Predigt; sie teilte die Bewunderung der Hörer sowohl über den Inhalt, wie über die Form; sie frischte selbst ihre alte Kenntniss des Italienischen auf und nahm Unterricht darin ... Kein Wort aber kam vom Grafen, kein Lebenszeichen von Bonaventura, der inzwischen nach Italien abgereist warohne von ihr irgend einen Abschied gekommen zu haben ...

Anfangs sandte sie ihm einen zornigen Fluch nach, dann erstickte der Schmerz in Schadenfreude ... Graf Hugo war denn also wirklich nach Schloss Westerhof gereist und alle Welt erklärte die Heirat zwischen dem Grafen und Comtesse Paula für so gut