so lächelnd mit dem interessanten, geistvollen Offizier, der mir offenbar den Hof macht und doch – ... Warum lächelten beide so zweideutig? ... Seitdem Lucinde damals vor Nück zu Veilchen Igelsheimer entflohen war, hatte sie für die Verwickelungen des Lebens Gigantenmut bekommen ... Sie hatte auch den Mut, vor nichts mehr – zu erröten ... Sie ahnte, was zwischen Ceccone und dem Grafen Sarzana vor sich ging ... Dass sie nicht um Kleines zu erobern war, hatte sie wohl schon gezeigt ... Ja – hasste sie nicht eher die Männer überhaupt? ...
In "Maria Schnee" hatte sie nicht Zeit gefunden, Folgendes zu beichten:
Sie hatte das Kattendyk'sche Haus um den Tiebold'schen Streit über die Kreuzessplitter verlassen ... Sie war zur Frau Oberprocurator Nück gezogen, die sich schon längst ihre wärmste Freundin und Bewundrerin nannte ... "Jede kluge Frau" – stand in Serlo's Denkwürdigkeiten – "macht die zu ihrer Freundin, die ihrem Platz bei ihrem mann gefährlich zu werden droht. Kühlt sich durch eine nähere Bekanntschaft dann nicht an sich schon die Glut des Interesses beim einen oder andern ab, so hat die Frau den Vorteil, der Welt die böse Nachrede zu verderben ..." So dachte freilich die Oberprocuratorin nicht, aber die wirkung blieb dieselbe ... Lucinde war bei den täglichen, mit Frau Dr. Nück gepflogenen Erörterungen über Kleiderstoffe, Farbenzusammenstellungen und die Echauffements ihres Gesichts nirgends vor ihrem Mann sicherer, als in seinem eignen haus ... Dennoch verliess sie es, als sie eine grauenhafte Sage, die über Nück im mund des Volkes ging, bestätigt fand. Er selbst hatte es ihr einst gesagt, dass sich ihm zuweilen eine Binde vor die Augen legte, die ihn verhinderte zu wissen, was er täte .... Dann müsste er Hand an sich selbst legen ... Es waren wirkliche Tränen – "der Nervenschwäche", die ihm flossen, als er sagte, in solcher Lage würde' er einmal sterben, wenn nicht ein Wesen um ihn wäre, das ihn vor Wahnsinn bewahrte ... Was halfen die "Davidsteine" aus seiner beichte bei Bonaventura –! Was half die erkenntnis, dass jeder, jeder Geist untergehen muss, der anders spricht und handelt, als er denkt – ... Am achten Tag nach Lucindens Einzug in sein Haus wollte sie ihm in seine Zimmer einen spätangekommenen Brief tragen und fand ihn hängend unterm Kronleuchter. Das Sopha darunter, das auf Rollen ging, war zurückgeglitten ... Der Anblick war furchtbar ... In Momenten der Gefahr bewährte sich Lucinde nicht. Sie sah Hammaker den schwebenden Körper hin- und herschaukeln; sie hörte die "Frau Hauptmännin" ein Wiegenlied auf ihrer Guitarre dazu klimpern; die Blätter in Serlo's Erzählungen vom Pater Fulgentius und Hubertus flogen auf ... Sie floh vor dem grauenhaften Anblick, ohne den Mut zu haben Lärm zu machen ... Ja sie fühlte mit grausigem Gelüst der Tat des Hubertus nach – ihn ruhig hängen zu lassen – den lebensmüden, gewissenszerrütteten Mann – der sie in so entsetzliche Verwickelungen des Lebens geführt, der so viel Verleumdungen und Zweifel über sie in Bonaventura's Urteil verpflanzt hatte ... Aber nun vor sich selbst als dann einer Mörderin erbebend, konnte sie nichts tun als die Flucht ergreifen ... Sie raffte ihre wichtigsten Sachen zusammen, klingelte und lief wie von bösen Geistern verfolgt zu Veilchen Igelsheimer in die Rumpelgasse ... Die Nacht über musste sie annehmen, dass der Oberprocurator – durch ihre Schuld! – tot war ... Sie blieb einige Tage versteckt, sie, die Mörderin des Verhassten ... allmählich erfuhr sie, dass Nück noch lebte und nur heftig erkrankt war ... über diese Annäherungen ihres Lebens an Brand und Mord verliess sie die Residenz des Kirchenfürsten. Sie folgte Bonaventura nach Wien ... Gefeit gegen alles, zog sie Männertracht an und lebte wie ein Mann ... Sie hatte seitdem nichts mehr von Nück gehört, als dass er, zurückgezogen von den Geschäften, auf dem land wohnte ...
So war sie reif für Rom! ... Ihrem Auge hatte sich die sittliche Welt aller Hüllen entkleidet, wie nur einem katolischen Priester, der, um den Himmel lehren zu können, in den Vorkommnissen der Hölle unterrichtet wird ... Sie hasste und verachtete, was sie sah – und im grund nichts mehr, als die Männer ... Für diese hohen Würdenträger der Kirche, für diese Tausende von ehelosen Geistlichen, die Rom zählt, war ihr jeder Begriff von Tugend zur Täuschung geworden. Ist Rom "mit Ablässen gepflastert", wie jener Pilger zu Bruder Federigo gesagt hatte, so sind die Sünden dort wie Strassenstaub ... Die Beichtstühle der katolischen Welt scheinen in Rom mit den Geheimnissen der Menschen seit zwei Jahrtausenden umgestürzt und ausgeschüttet worden zu sein ... Ja sogar der Heiligste der Menschen, der Bischof von Castellungo, war – "ungetauft"! ... Sein Rival, Pater Vincente, hatte für einen geträumten "Kuss in der beichte" gebüsst! ... Lucinde nahm nichts mehr, wie es sich gab; sie zweifelte an Allem ...
Dem "ungetauften Heiligen" hatte Lucinde in Wien Dinge gebeichtet, die bei diesem allerdings ihren Besitz der Urkunde Leo_Perl's