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alten Römerzeit) den ganzen Tag nicht frei ... Auch nach dem Befinden der Donna Lucinda musste gefragt werden ... Sie selbst hatte ein Dankopfer darzubringen für ihre Rettung ... Der nächsten Madonna gebührte der Sitte gemäss diese Huldigung ... So hörte sie die Messe in San-Giovanni di Laterano, dem der Rettung nächstgelegenen Gottestempel ... Graf Sarzana hatte sie auf diese Sitten beim Nachhausefahren aufmerksam gemacht ... Er war im Wagen zurückhaltender gewesen, als in der Gesellschaft ... Am Pasquino war er ausgestiegen ... Vom Wein, von den Abenteuern und dem Rendezvous bei der Messeso liessen sich denn doch wohl auch seine Andeutungen verstehenerregt, declamirte er Verse an die Säule des Hadrian, an die Obelisken des Venetianerplatzes, an denen sie vorüberfuhren, misbrauchte aber nicht die Vorteile des Alleinseins mit dem offenbar zum Tod erschöpften Mädchen ... Als sie heute den Pasquinostein mit Gensdarmen besetzt fanden, sagte er: Ist diese Wache nicht selbst schon eine Satire? ...

Die Messe war wie immer in dem "stiefmütterlich" behandelten und gegen die sankt-Peterskirche zurückgesetzten Gottestempel am Lateran einsam und der grosse, wie fast alle römischen Kirchen einem Concertsaal ähnliche Raum lag ganz in jenem Schweigen, das die Sammlung unterstützen konnte ... Lucinde kniete und träumte ... Graf Sarzana fehlte ... Er hatte sich in aller Frühe schon wegen seines Ausbleibens entschuldigen lassenIm Duft des Weihrauchs sammelte sie sich ... SecretaCanon – "Wandlung" – sie unterliess kein Kreuzeszeichen und dachte an die noch schlummernden jungen Ehegattenan die Morgengeschenke, die Ceccone schon in aller Frühe für das junge Paar geschickt hatteauch für sie lag eine kostbare Broche, Venetianer Arbeit, dabeiAn Graf Sarzana's Schnurrbart und unheimliche AugenAn die schlaflose Nacht ihrer Feindin, der Herzogin von AmarillasAn Hubertus und seine Vertrauteit mit der ältesten geschichte des KronsyndikusAn Klingsohr's möglichen TodAn Bonaventura ... Dann sang der Priester: Ite Missa est! ...

Mit gestärkter Kraft schritt Lucinde über die bunte Marmormosaik des Fussbodens dahin ... Sie trat aus den Reihen der grossen Porphyrsäulen hinaus auf den Platz der "heiligen Treppe" und liess sich von ihrem Bedienten in den Wagen helfen ...

Der Bediente erzählte, der ganze Weg bis zu Castel Gandolfo, wohin Se. Heiligkeit heute frühe hinausgefahren, wäre des Räuberüberfalls von gestern wegen mit Carabiniers besetzt und würde eben noch von einzelnen Trupps der Leibwache bestrichen, unter denen sich auch Graf Sarzana befunden hätte ... Deshalb hatte er bei der Messe fehlen müssen ... Lucinde konnte erwarten, dass Se. Heiligkeit selbst sie nächstens beriefen und ihr persönlich seinen Glückwunsch abstatteten ... Dass die Regierung hier über den Tod Grizzifalcone's anders dachte, als jeder gewöhnliche Freund der Ordnung, wusste sie schon ... Besonders sollte der alte Fürst Rucca daran auf verdriessliche Art beteiligt gewesen sein ... Er hatte ihr kaum einen guten Morgen! gewünscht, als er ihr auf der Marmortreppe seines Palazzo bei ihrer Ausfahrt begegnete und murmelnd in die Bureaux seines Parterre schlich ...

Die Fahrt zur Villa Rucca dauerte nur wenige Minuten ... Aber der Ueberblick einer Welt konnte sich für ein Wesen wie Lucinde in sie zusammendrängen .... Das Nächste: Sollte Klingsohr die Nacht über gestorben sein? war schon abgetan ... Vor einigen Jahren hätte Lucinde darin eine Gunst des Zufalls gefunden ... Auf ihrer jetzigen Höhe war ihr ein in Clausur eines strengen Klosters lebender ehemaliger Verlobter kein zu gefährliches Schreckbild mehr ... Sie hätte ja lieber mit Klingsohr und Hubertus mehr verhandelt ... Sie musste es auf alle Fälle ... Der Herzogin von Amarillas wegen, die sie "unschädlich" machen wollte ...

Wie stand sie überhaupt jetzt zu dieser "Posse des Lebens?" ...

Sie lehnte in ihrem offnen Wagen, die hände ineinandergeschlagen und auf ihren weissseidnen Polstern ausgestreckt, wie eine Fürstin ... Das also bot ihr denn doch in der Tat Rom! ... Sehet her, so lohnte sich jener gang zu dem Bischof, bei dem sie einst ihre "hessische Dorfreligion", das Lutertum, abgeschworen hatte ... Der "Augenblick", der goldene "Augenblick", wie er jetzt dem auf dem goldenen Kreuz über der Kapelle "zur heiligen Treppe" blitzenden Sonnenschein glich, gehörte ihr, ihr, der "vom Leben Erzogenen", mit "Tränen Getauften" – – wie sie im Beichtstuhl zu Maria Schnee in Wien, anzüglich genug fürden ungetauften Bonaventura, gesprochen hatte. Sie wollte diesen Augenblick ihr Eigentum nennen; sie wollte ihn sobald nicht wieder fahren lassen ... Sie wusste, dass sie hinuntersteigen würde ... O, das kannte sie schon als ihr altes Lebensloos ... Aber bei einem Sturz kommt es auf die Höhe an, von wo h e r a b ! ... Die Bedingungen des künftigen Elends, das sie vollkommen voraussah, richteten sich nach der Lage, die sie v e r l i e ss ... So dachte sie: Jetzt oder nie! ...

Was ist das mit dem Grafen Sarzana? ... Warum will mich die Herzogin von Amarillas nicht bei sich behalten? ... Warum flüstert der Cardinal