Rom! ... Lucinde in so glänzenden Verhältnissen! ...
Hubertus hatte die Landsmännin bei ihrer Annäherung an die Bettlerschaaren zuerst erkannt und Klingsohr auf sie aufmerksam gemacht ... Diesem war sie anfangs eine Täuschung der Sinne, eine Luftspiegelung gewesen ... Soll diese erste römische Nacht mich toll machen! rief er ... Bald aber sah er, dass auch Lucinde sie erkannte, von dem Offizier, der sie begleitete, fortzukommen suchte und ängstlich ihren Anblick vermied ... Nun wagte er dem mutigern Bruder Hubertus zu folgen ... Sie umgingen den Stand des Feuerwerks, schlichen sich in den Park, in den Garten, sahen, wie Lucinde sich von ihrer Gesellschaft frei machte und entfloh ... Dennoch schnitten sie ihr den Weg ab ... Nun schien sie ihnen wirklich Gehör geben zu wollen und schon hatte Hubertus manchem Fragenden den Brief und die Landsmannschaft als einen äussern Grund bezeichnet, den ihr Verlangen haben durfte, jene Dame zu sprechen ... Endlich riefen sie ihr zu, redeten sie an – nun war sie gezwungen, sich ihnen zu stellen ... Hubertus wusste, was sie Klingsohr gewesen ... Dieser sah, wie Lucinde, Rom schon längst als das Höchste aus Erden an, als das Paradies der Seligen schon hienieden ... Beim ersten Wort, beim ersten Gruss erging er sich in jenem Entzücken seines geknickten Geistes, das ihm in so beglückender Situation, wie in den besten zeiten seiner Vergangenheit, wiederkehren musste ... Selbst die Eifersucht loderte auf, als Lucinde nach den Offizieren spähte, dann die Aufschrift des Briefes im Dunkeln zu erkennen suchte ... Zerreisse den Brief! rief er. Wir wollen ihn nie, nie geschrieben haben! Bist du hier nicht mächtiger, als ein Bischof! Wer feiert eine Hochzeit – als mit dir! Sieh diese fackeln, diese Feuerflammen – wie Nero möchte' ich Rom anzünden, um deine Epitalamien zu singen! ... Jesus hilf, sprach diesmal voll Bangen Hubertus statt seiner ... Dazwischen kam die Herzogin und bald der Trupp der Offiziere und der jungen Prälaten ... Die beiden Bettler wurden verwiesen, hart bezeichnet mit den ihrer Keckheit gebührenden Worten ... Aber die Ungeduld, die Freude, die Spannung auf Verständigung nach so langer Trennung hatte sie beide wie im Wirbel ergriffen ... Diese wilde festliche Nacht konnte so nicht enden; sie schien alles zu erlauben ... Sie liessen den Pater Vincente beim Sack des Klosters, den die Köche, Diener und vornehmen Damen füllten ... Sie streiften zum Garten hinaus, erkannten die Möglichkeit, ihm von der Landstrasse, vielleicht vom Feld her beizukommen ... Nur ein Wort noch Lucinden, nur noch eine Bitte um Wiedersehen, um die Begegnung in einer Kirche, etwa wie im Münster zu Witoborn zu den Füssen des heiligen Ansgarius ... So sahen sie jene schleichenden Räuber, wurden Zeugen des Ueberfalls, Lucindens Retter ... Klingsohr's Erinnerung an die Zeit der Mensur stählte seinen entnervten Arm; ohne Waffe erhob er ihn, rang gegen das geschwungene Stilet des Banditen, riss diesen nieder und erlag im Stürzen nur einer grösseren Gewandteit und der gereizten Wut der Entfliehenden, die den Garten sich beleben sahen, während Hubertus schon den Riesen zugleich mit Lucinden niederzog aus den Zweigen des Oleanders, in denen sie sich festalten wollte ... Hubertus drückte das eroberte Pistol los – ohne Scheu, wie einem Jäger geläufig war, der schon manchen Wilddieb niedergeschossen hatte ...
Pater Vincente erfuhr, dass die gerettete Dame den beiden Deutschen wert und näher bekannt war ... Wieder offenbarte er die Vertrauteit mit einigen deutschen Worten ... über sich selbst sprach Pater Vincente wenig ... Selbst die Neigung des gesprächsamen Hubertus, sich, wo er nur konnte, in der Sprache des Landes der Schönheit und der Banditen zu vervollkommnen, ergriff er nicht als Anlass weltlicher Unterhaltung, sondern erinnerte ernst an jene Bitten, die für Kranke zu sprechen die vorgeschriebene Regel des kirchlichen Lebens ist ... Dann – ohne den Sack mit Lebensmitteln ins Kloster zurückzukehren –! Eine Aussicht war das auch auf einen Dorn zur Märtyrerkrone mehr ...
Um elf Uhr sollte der Tragkorb jener Benfratellen kommen, die einst auch Wenzel von Terschka so wohl verpflegt hatten ... Wäre Klingsohr nicht Mönch und bereits dem römischen Glauben gewonnen gewesen, so hätte man ihn jetzt in eine Anstalt gebracht, wo in Rom "Neuzubekehrende" (Katechumeni und Convertendi) in solchen Fällen leibliche und geistliche Pflege zu gleicher Zeit erhalten ... Das Geringste doch, womit sie dann für die Genesung beim Scheiden danken können, ist ein Uebertritt ...
Um zehn Uhr schon kam die junge Signora vorgefahren, die gestern hatte von Räubern entführt werden sollen und heute der Gegenstand des Gesprächs und der Aufmerksamkeit für ganz Rom war ... Man nannte sie, wie solche Verwechselungen vorkommen, bald eine Fürstin, bald eine "spanische Herzogin" ... Das "Diario di Roma", die Staatszeitung Sr. Heiligkeit, war noch nicht mit dem aufklärenden Bericht erschienen, wenn die schweigsamste aller Zeitungen überhaupt von dem ärgerlichen Vorfall Act nahm ...
In Italien ist noch bei Hochzeiten die Sitte des "Lendemain" üblich ... Der Palazzo Rucca am Pasquino wurde von Wägen und den Abgeordneten der fünftausend privilegirten Bettler Roms (der "Clientela" der