Schein huldigende, dass diese Menschen alle, die sie bevölkern, nur Puppen wären, die an den Drahtseilen einiger kluger Matadore tanzten. Welche Narrheiten rechts und links! Diese Schwestern, die einen Bruder tyrannisirten, nur um ein gesichertes Alter zu haben! Pedantinnen in jedem Worte, das sie sprachen, in jedem Schritt, den sie taten, immer nach dem Wetter lugend, auch in geistigen Dingen, immer bedacht: Was werden die Leute dazu sagen! Und Herr Carstens selbst, eitel auf eine Liebhaberei, zu der er nur die Geduld, nicht die Kenntnisse besass, sonst stundenlang beschäftigt mit dem Selbstrasiren seines Bartes, dem Knüpfen seiner Halsbinde! Dieser Professor links, bei jedem Worte, das er sprach, sich umsehend, wie wohl dessen wirkung wäre, die Silben zählend, als wenn er die deutsche Sprache erfunden hätte und sie schonen und nicht allzu gemein machen müsse! Diese Frauen überall von Haus zu Haus; jede versunken in ihr eigenes Interesse, in ihre Kinder, ihre Möbel, ihre Tassen, ihre Kleider, ihre etwaige Schönheit! Des Prahlens mit Gefühlen da, mit Gedanken dort kein Ende! Die Musiknärrinnen vollends schon die lächerlichsten von allen! Nun entdeckte sie, dass sie ja viel mehr wusste als sie alle, dass sie Gesichtspunkte hatte, während alle im Nebel tasteten; denn keines wusste vom Leben selbst so viel, als wie sie doch schon erkannt hatte oder wie sie Klingsohrn verdankte, der so viel Ahnungen und Lichtblicke in ihr entzündet hatte. Doch auch für diesen ergriff sie kein reines Mitgefühl mehr. Sie hatte die Vorstellung von sich, dass ihr im Leben irgendein weit grösseres Ziel beschieden wäre und dass alle diese Begegnungen, die sie bisjetzt erlebt hätte, nur dazu dienten, ihre Entwikkelung zu fördern. Nur Schlangenhäute waren es, die sie abstreifte. Seit dem tod Jérôme's rechnete sie tiefinnerlich auch schon Klingsohrn zu dem, was für sie abgetan war.
Was aber beginnen? Zurück mochte sie in nichts! Das verhältnis zum Kronsyndikus musste nun doch wohl aufhören! Ihr Verlobter war ja der Mörder seines Sohnes geworden! Jetzt erkannte sie wohl, dass Klingsohr nicht des Kammerherrn Bruder sein konnte! Die Rolle, die sie in jener Schreckensnacht auf Schloss Neuhof angefangen zu spielen, war zu Ende! ... Diese unbestimmte Gegenwart konnte indessen nicht bleiben. Und sollte sie mit ihren seidenen Kleidern und Hüten betteln gehen, sie dachte an Flucht. Sie schrieb einige Briefe. Einen an ihre Geschwister, die aus dem Waisenhause zu Meistern gegeben worden waren, um Handwerke zu erlernen, einen sogar nach Eibendorf an den Pfarrer, einen wagte sie auch an den Kronsyndikus. Die Empfindungen, die die Situation der Anzeige des erlebten Schrecklichen mit sich brachte, waren ihr geläufig, sie schrieb sie mit der grössten Gewandteit nieder. Auch dachte sie an jene Angelika Müller, mit der sie nach Hamburg gereist war. Irgendwo hoffte sie auf Rat, nur nicht in ihrer nächsten Umgebung oder von Klingsohr.
Von diesem bekam sie aber täglich einen Brief. Die Sprache darin war besonnen. Er sagte, dass seine jetzige Lage ihm wohltäte; es läge ein unendlicher Trost darin, sich einmal so recht von dem Gesetz des Lebens, wie es ist, von den eisernen Armen der natürlichen Folgen unserer Handlungen gehalten zu sehen und keinen freien Willen mehr zu haben. Er bat sie, eine Weile auszuharren, bald würde sein Geschick entschieden sein; ein Jahr Festung würde nicht ausbleiben; er würde diese Strafe in einer schönen Stadt am Busen der Ostsee zu verbüssen haben; wenn er wüsste – und er wisse es ja! – dass ihm in sein dunkles Leben nur der Glanz ihrer Liebe schiene, so könnte er sein los nur preisen. "Es liegt", schrieb er, "ein Zauber im Dulden und Gehorchen; es liegt ein Zauber im Müssen, die wahre Freiheit im Sichgefangengeben! Schon mit dem entströmenden Blut meines unglücklichen Opfers wurde mir leichter! Ich hätte mit seinen rinnenden Tropfen selbst sterben können! Dass ich diese Tat auf dem Gewissen habe, drückt mich nicht zu sehr. Die Beschimpfung, der ich vor hunderten von Zeugen ausgesetzt war, überschritt jedes Mass. Der Kammerherr war nicht in dem Grade geistesschwach, dass er nicht mit kluger Berechnung einen so boshaften Plan ausführen konnte. Alle meine Richter sind voll Teilnahme und schon meine Freunde geworden. Der Greis auf Schloss Neuhof wird seinen Sohn von mir nicht fordern, ... von mir nicht, Lucinde! ... Ich schrieb ihm nicht. Teile Du mir mit, was er Dir antworten wird, falls Du ihm den Vorfall anzeigst, wie schon andere taten. Sag' ihm, dass ich ihm das Vaterherz, das er mir einst schenken wollte, jetzt zurückgegeben hätte und meinen Weg auch über die Wälle einer Festung hinweg finden würde; irgendwohin komm' ich schon, wo ich mit Dir, Lucinde, meine Hütte bauen kann! Lies Bernardin de St.Pierre! Und lerne dann englisch! Diese britische Literatur hat Freude an den Dingen, wie sie sind! Es geht nichts über die Ergebung, nichts über die Geduld, die sich mit einer Blume und einem einzigen Sonnenstrahl beschäftigen kann! Sieh, hier hab' ich ein Zimmer, angenehm, geräumig, aber das Licht fällt von oben, die untern Fensterladen sind geschlossen und nicht zu öffnen. Zwischen den Ritzen stiehlt sich ein Sonnenstrahl hindurch. Ich beobachte ihn stundenlang. Er geht wie der Schatten