Gerichte ... Das war ein Beweis von Mut, aber auch eine grosse Unbesonnenheit ... Neun Waldenser, sieben Proselyten, die die Waldenser unerlaubterweise aufgenommen hatten, mussten von den Dominicanern, die sie einzogen, herausgegeben werden ... Um Einen, der fehlt, kämpft nun der Bischof noch immer ... Wie aber nur möglich, sich und andere um einen ketzerischen Fremden so aufzuregen! ... Allerdings einen Deutschen – aber in seiner Stellung gebührte sich gerade gegen seine Landsleute die Vermeidung aller Parteilichkeit – ...
Lucinde horchte mit gespanntem Anteil ... Sie kannte diese Gefahren Bonaventura's nur aus flüchtigen Andeutungen Ceccone's ...
Schreiben Sie ihm doch alles das, wenn Sie den Brief couvertiren sollten ... sagte die Herzogin ...
"Schreiben Sie ihm doch alles das –" ... Das hatte die Herzogin mit einem seltsamen Ton gesagt ... Es war der Ton, der etwa sagte: Ich weiss es ja, Sie sind die verschmähte Liebe dieses Bischofs! ...
Lucinde sagte, demütig ihr Haupt senkend und nur im blick die Fühlfäden verratend, die sie ausstreckte:
Der Bischof rechnet, denke' ich – auf den Beistand der gönner, die ihm – hier in Rom ihre alte Neigung – sofort wiederschenken würden, wenn – Herr Benno von Asselyn, sein – Vetter zurückkehrt und – nicht länger eine Furcht verrät, die – für einen Mann doch – kindisch ist ...
Welche Furcht? ...
Das Muttergefühl wallte auf ...
Aus Besorgniss, sich durch Verteidigung des Sohnes zu verraten, sagte die Herzogin gezwungen lächelnd:
Dürfen Sie am Hochzeitstag der Fürstin Rucca von der Furcht eines Mannes sprechen, der nicht der beglückte Gegenstand ihrer Liebe zu werden wünscht? ...
Alle Umgebungen der Herzogin und Lucindens wussten, wie das Bild der kurzen wiener Bekanntschaft von Schönbrunn und vom Prater immer noch vor Olympiens Seele stand ...
Lucinde sah sich in diesem Augenblick um ... Es war um sie her ein Geräusch hörbar geworden ... über den Fussboden eilte eine jener kleinen Schlangen, deren Augen einen phosphorescirenden Glanz von sich geben ... Lucinde zog erschreckt den Fuss zurück, sah die künstliche Ruhe der an südliche Eindrücke gewöhnten und der Schlange nicht achtenden Herzogin und erwiderte nach einiger Sammlung:
Benno von Asselyn fürchtet, an die bestrickende Olympia ein Herz zu verlieren, das – ich will es Ihnen verraten – einem jungen jetzt in London lebenden Mädchen gehört ... Sagen Sie aber nichts davon der Fürstin! ...
Die Züge der Mutter konnten sich nicht beherrschen ... Sie verklärten sich ... In ihrem brieflichen Verkehr hatte sie nie auf eine Frage nach Benno's Herzen deutliche Antwort erhalten ...
Wen liebt – Signore – Benno? fragte sie mit einer sich bekämpfenden Teilnahme, deren leidenschaftlichen Ausdruck jedoch ihr ganzes Antlitz verriet ...
Er liebt unglücklich ... sagte Lucinde immer forschender und schon mit triumphirenden Blitzen aus ihren dunkeln Augen hervorlugend ... Sein bester Freund nächst dem Bischof und dem Dechanten Franz von Asselyn – Die Herzogin schlug ihre Augen nieder – ist ein junger reicher Kaufherr, Tiebold de Jonge ... Beide wurden, ohne es zu wissen, zu gleicher Zeit von einer Liebe zu einem Mädchen ergriffen, das damals noch halb ein Kind war ... Armgart von Hülleshoven ist ihr Name ...
Armgart von –? ...
Lucinde musste den Namen wiederholen ... Der Mutter klopfte das Herz ...
Armgart von Hülleshoven ... sagte die Listige, die sich rüstete, der Herzogin ein für allemal das Geringschätzen ihrer person zu verderben ... Sie ist, hauchte sie, die zärtlichste Freundin jener Gräfin Paula, die die Gattin des Grafen Hugo geworden ... Schon einmal gerieten beide Freunde um diese Neigung in Streit ... Einer entsagte zu Gunsten des andern ... Darüber fand Armgart Zeit, erst eine Jungfrau zu werden, die überhaupt an Liebe denken darf ... Ein wunderliches Aelternpaar hat sie aus Witoborn nach England geschickt, wo sie im haus einer Lady Elliot lebt und ihre Zärtlichkeit für zwei Liebhaber zugleich an dem Widerstand gegen einen dritten prüfen kann ... Dieser hat das glücklichere los getroffen, jetzt in ihrer Nähe leben zu dürfen ... Es ist dies jener Wenzel von Terschka, der, wie man sagt, nur um ihretwillen Priestergelübde und Religion und was nicht alles aufgab – ...
Pater Stanislaus? sagte hocherstaunt und sich ganz vergessend die Herzogin ...
In der Ferne donnerten Böller und schmetterten rauschende Fanfaren ...
Sollten Sie in Ihrem Briefwechsel mit Herrn von Asselyn – ... wagte sich jetzt Lucinde ganz keck heraus ...
Ich? ... Mit wem? ... fuhr die Herzogin auf ...
Ja Sie, Hoheit, Sie allerdings – mit Benno von Asselyn – ... lächelte Lucinde ...
Die Herzogin war aufgesprungen ... Die Bewegung ihres Schreckens, die der Furcht zunächst vor Olympien galt, war erklärlich ... Der Schrecken konnte aber auch von etwas anderm kommen ... Die Zweige hatten in nächster Nähe gerauscht, wie unter Berührung eines leise Dahinschleichenden ...
Man ist doch sicher hier ... konnte noch die Herzogin ihren Schreck maskirend, fragen ...
Da deutete sie aber schon mit