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einer geheimen Beziehung zu Benno stand ... Sie hatte schon in Wien das Interesse beobachtet, das diese Frau an ihrem frühern Aufentalt in Deutschland, an Witoborn, an Schloss Neuhof nahm ... Sie wusste, dass sie eine Sängerin gewesen undin Leo_Perl's Bekenntnissen war ja von einem gewissen Betruge die Rede, den er an einernicht genannten Sängerin hatte ausführen helfen ... Sie war auf den Gedanken gekommen, ob nicht jene "zweite Frau" des Kronsyndikus, die der vom Wein Aufgeregte und schon an Wahnanfällen Leidende damals in jener Nacht in Kiel mit dem Degen von sich abwehren wollte, diese jetzige Herzogin von Amarillas sein könnte ... Ihrer wühlerischen Combination entging nichts von dem, was sich aus auffallenden Daten solcher Art irgendwie verknüpfen liess ... Sie hatte auch schon Benno's ihr hinlänglich bekannte im Familienkreise der Asselyns und der Dorstes oft besprochene "dunkle Herkunft" in den Kreis ihrer Combinationen gezogen und staunte schon lange über Benno's Aehnlichkeit mit dem Kronsyndikus und mit der Herzogin ... Sie verfolgte diese Gedanken stets und stets seit dem Augenblick, wo sie bemerkt zu haben glaubte, dass die Herzogin gern über sie lächelte, sie gering behandelte und zurücksetzte ... Heute war Graf Sarzana, als er ihr den Arm geboten hatte, von der Herzogin auf eine andere Dame verwiesen worden ... Diese Kränkung hatte sie nur vergessen, weil sie später genug von Huldigungen überschüttet wurde ... Solche Geringschätzungen konnten sich aber wiederholen ... Daher sagte sie mit scharfspähendem blick und sich aller der Vorteile erinnernd, die sie über die Asselyns hatte:

Der Todtenkopf? Nach dem Sie fragten! Ich lernte ihn in Witoborn kennen, in dessen Nähe ein Kloster liegt ... Es ist das Familienbegräbniss jener WittekindNeuhof, nach denen Eure Hoheit mich schon so oft gefragt haben ... Der vor länger als einem Jahr verstorbene Stammherr, der Kronsyndikus genannt, hat den Vater des andern, des zweiten Mönches, den Sie sahen, in einem Wortwechsel erstochen ... Dieser Unglückliche hiess Klingsohr und war des Freiherrn Pächter ... Der Todtenkopf aber war des Freiherrn Jäger und hiess Franz Bosbeck ... Aus Holland stammt er, war in Java, gewann auf dem Schloss Neuhof eine Stellung durch die Liebe einer bösen Frau, die dort regierte, Brigitte von Gülpen ... Da sein Herz an einem andern Wesen hing, rächte sich diese Frau und veranlasste den Entschluss ihres Verlobten, der seine wahre Liebe durch den Tod verlor, sich in ein Kloster zu flüchten ... In Indien soll er von den Gauklern Künste der Abhärtung gelernt haben, weshalb er sich trotz Entbehrungen und Strapazen so rüstig erhält ... Der eine der beiden Mönche hatte eine sehnsucht nach Rom, die der andre aus mir unbekannten Gründen teilte ... Beide entflohen, sassen bisher auf San-Pietro in Gefangenschaft und richten nun, wie sie mir sagten, in diesem Schreiben an den Bischof die Bitte, sich zu ihren Gunsten zu verwenden ... Sie fürchten sich, wie jeder, der einmal in Rom war, nach Deutschland zurückzukehren – ...

Lucinde hielt inne, weil sie die wirkung ihres Berichtes beobachten wollte ...

Die Herzogin folgte mit der höchsten Spannung ...

Doch hatte Lucinde in der Kunst der Beherrschung ihre Meisterin gefunden ...

Nach dem ersten leisen Zucken der Mienen bei den Worten: "Familienbegräbniss der Wittekind-Neuhof", trat trotz der aufs äusserste erregten Spannung und der sie blitzschnell durchzuckenden Vorstellung: Diese Schlange kennt dein ganzes Leben! eine Todtenkälte in die geisterhaft vom Mond beschienenen Züge der Herzogin und sie sagte nichts als:

kommt der Nachtwind so vom Meere? Wovon bewegt sich das Laub in den Weinbergen? ... Sehen Sie nur, als wenn eine einzige grosse Schlange dahinkröche ... So hebt es sich hier und dort und sinkt wieder zusammen ...

Lucinde hatte nur ihr Auge nach innen gerichtet ...

Beide Frauen waren zu tief in ihre Erinnerungen, zu tief in die Rüstung des zunehmenden Hasses gegeneinander verloren, um einer Beobachtung über den Nachtwind längern Spielraum zu lassen ...

Die Herzogin ging nach Lucindens Mitteilungen in die Worte über:

Ich würde vorschlagen, lieber die Bitte dem Cardinal, bei dem Sie ja allmächtig zu werden anfangen, mitzuteilen, wenn nichtallerdings Olympiens Laune zu schwankend wäre ... In der Tat schon oft sprach sie ihre Reue aus, einem Fremdling, wie jenem Bischof, so schnell den Fuss auf italienischem Boden gegönnt zu haben ... In ihren Lobpreisungen des Pater Vincente, der jetzt am Tor unter den Bettlern sein soll, erkenn' ich die Gedanken, die in ihrem inneren Gestalt gewinnen wollen ...

Lucinde beobachtete, ob wohl die Herzogin ihr ganzes Interesse für Bonaventura kannte ...

Diese fuhr fort:

Auch ist der Bischof von Robillante in der Tat nicht vorsichtig ... Er hat dem Erzbischof von Coni mehr die Spitze geboten, als einem so ganz den Vätern Jesu angehörenden, jetzt als Grosspönitentiar nach Rom zurückkehrenden Prälaten gegenüber gutgeheissen werden kann ... Sein Eindringen in San-Ignazio und die Trinita zu San-Onofrio hat die Dominicaner gegen ihn aufgebracht ... Die Dominicaner sind in gewissen Dingen mächtiger, als die Jesuiten ... Dieser Orden beruft sich auf die Privilegien der Inquisition ... Der Bischof ging an die weltlichen