1858_Gutzkow_031_726.txt

... Ceccone suchteine neue Häuslichkeit! Diese Lucindelockt, reizt ihnIch sah es heute, er schien ganz ausser sich ... Lucinde sollte, wie sich gebührt, zu Olympia ziehen ... Diese lehnt aber auch sie ab ... Soll also ich jetzt –? Ich? ... Ich ahne, was Ceccone aus ihr undmir gestalten will ... Um sie "mit Anstand" zur Nachfolgerinder Herzogin von Fossembrona, der Marchesina Vitellozzo zu machen, soll ichals Deckmantel? – ... Nimmermehr! ... Das zu verweigern bin ichBenno schuldig ... Aber Graf Sarzana! ... Diese Abenteurerinwie sie in seinen Briefen Benno schildertund Sarzana! ... Diese armen Teufel freilichdieSarzanas! ...

So empfand die Herzogin ... Klug aber und verstellungssicher, wie sie war, nahm sie das Gespräch nach einer Weile auf ...

Es ist wahr, sagte sie, das Leben bringt es mit sich, dass nur zuweilen die Stacheln der Disteln, das sind ja Artischocken, jenen nordischen Weihnachtsbäumen, die ich kenne, gleichen! Die Illumination der Lüge muss uns ermutigen, an diese kleinen Glühkäfer in der Nacht der Wahrheit, an das hellste Licht, das Aeterlicht des Schmerzes, zu glauben ...

Lucinde konnte noch nicht geläufig erwidern ...

Eine Bittschrift an den Bischof von Robillante, sagten Sie? ... fuhr die Herzogin fort, als Lucinde den Brief träumerisch betrachtete und ihn seufzend in ihrem Busen barg ... Ist es wahr, dass dieser Priester eine Gräfin liebte, die seit einigen Monaten die Gattin des Grafen Hugo von Salem-Camphausen geworden ist? ...

Lucinde fixirte die Herzogin mit scheuen unheimlichen Augen ... Jetzt erst recht antwortete sie nicht ... Jetzt erst fiel ihr ein, dass sie ja mit einer Frau zusammensass, gegen die sie seit einiger Zeit sich hatte entschliessen wollen, einem Serlo'schen Gedanken Gehör zu geben ... In Serlo's Denkwürdigkeiten stand: "Wenn ihr doch nur nicht ewig von Pflichten der Dankbarkeit bei Diensten reden wolltet, die Euch gar kein Opfer gekostet haben!" ...

Die Herzogin sprach sorglos, der bittern Stimmung ihres Herzens folgend:

Graf Hugo liebtehört' ich und sah ich in Wienein junges Mädchen, das sich aus Verzweiflungum ihr Schicksal denTod gab ... Ich sahihreLeiche, ich sah seine Trauer ... Er schloss mit dem Leben ab und dochdochwie mögen auch bei dieser Vermählung die Raketen gestiegen sein! ... Ha, erinnern Sie sich in Wien der schönen Altane, von der wir Abschied nahmen am Tag vor unserer Abreise? ... Es lag tiefer Schnee auf den düstern Tannen ringsumher ...

Ich erinnere mich ... antwortete jetzt Lucinde, die sich von Klingsohr und Hubertus allmählich zurückfand. Sie betonte scharf. Sie hatte der Herzogin heute schon wieder Zurücksetzungen nachzutragen, die sie ihr in Mienen und Worten an der Tafel hatte widerfahren lassen ...

Ob wohl das junge Paar an derselben Stelle wohnt, wodiearmeGeliebtemit zerschmettertem haupt lag? ... fuhr die Mutter Angiolinens, nichts ahnend fort ...

DasjungePaar wohntin der Stadt ... berichtete Lucinde – – von dem wirklich geschlossenen Bunde Paula's und des Grafen Hugo ...

Eine lange Pause trat ein ... Ein leiser weicher Windhauch kam vom Südmeer ... Im Weinberg zitterten die Blätter ...

Es ist doch gut, dass wir den Gespensterglauben haben! sagte die Herzogin feierlich ... Wir fürchten uns doch noch zuweilen ein wenig vor den Gräbern ... Die Alten verbrannten ihre toten, glaubten aber doch auch an eine strafende Wiederkehr; der Geist des ermordeten Cäsar erschien den Mördern in der Schlacht bei Philippi ... Die Christen wollten von den toten so wiedererstehen, wie sie in ihrer schönsten Lebenszeit aussahen ... Angiolina hiesssie? ... Sahen Sie schon die Katakomben drüben? ... unterbrach sich die Erinnerungsverlorene ... Dort blitzt eine goldene Spitze im Mondlicht auf ... Das ist Santa-Agnese ... Dort steigen Sie einmal nieder mit einem guten Führer ... Philipp Neri, der Heilige, hat da unten wochenlang gewohnt ... Die Erde hier ringsum ist durchhöhlt ... Christen- und Römergräber in Eins ... Ein Leichenfeld! ... Das Leben ist's ... Wer war der eine dieser Mönche? Er sah ja wie der Tod ...

Wie die Auferstehung! hauchte Lucinde für sich ... Aber der erste Schrecken war bei ihr nun vorüber ... Sie hatte sich wieder in ihre gegenwärtige Lage zurückgefunden ... Ihr Auge fixirte die Herzogin immer unheimlicher ...

Diese erschrak über die fast schielenden Blicke des Mädchens ... Und beim Suchen nach einem gleichgültigen gespräche schilderte Lucinde die Unzufriedenheit der jungen Fürstin Rucca ... Da betonte sie sehr scharf den Namen Benno's ...

Lucinde tat das seit einiger Zeit in Gegenwart der Herzogin öfters ...

Lucinde hatte allerdings bemerkt, dass die Herzogin von Amarillas in