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Conte Agostino lief mit seinen hohen Reiterstiefeln die notwendigen fünfzig Schritte voraus und rief schon auf halbem Wege dem nächsten der Mönche ein donnerndes:
Que commande? ...
Als er näher gekommen, fand er Donna Lucinda mit geisterhafter Blässe im Gespräch mit den beiden Mönchen, die unausgesetzt wie Eindringlinge von ihm angerufen und für verkappte Gauner erklärt wurden ... Ging doch auch durch die Stadt das Gerücht, man hätte heute in einer Herberge am Tiberstrand den berüchtigten Räuber Pasquale Grizzifalcone aus der Mark Ancona gesehen, das Haupt aller Räuber- und Schmugglerbanden der adriatischen Meeresküste ... Es konnten seine Genossen sein ...
Die lange schlanke Deutsche hielt einen Brief in der Hand und sagte mit zitternder stimme und im besten Italienisch:
Vergebung, Herr Graf! Es sind – zwei Landsleute von mir ... Sie ersuchen mich, eine Bittschrift zu übernehmen ... Ich werde sie besorgen, ihr – frommen – Väter –! Lassen Sie sie in Güte ziehen, Herr Graf! ... Willkommen in Rom, Pater – Sebastus und Frater – Hubertus! ... Wir sehen uns noch ... Gewiss! Gewiss! ... Felicissima notte! ...
Die beiden Mönche standen lichtgeblendet – wie Saulus am Wege von Damascus ... Sie konnten sich nicht trennen ...
Inzwischen war die Herzogin näher gekommen ... Sie erschrak bei dem Anblick Lucindens, die tieferschüttert schien ... Noch mehr entsetzte sie sich vor dem Anblick eines dieser Mönche, der mit seinem kahlen und wie fleischlosen Kopf aus seiner niedergefallenen Kapuze geradezu ein Bote des Todes erschien ...
Auch die Begleiter des Duca Pumpeo kamen, jetzt ohne die Damen, näher, nahmen die Mönche in die Mitte und geleiteten sie aus dem Garten ... Graf Agostino erhielt von Lucinden die Bitte und, als er darum noch immer nicht ging, fast den Befehl, sie zu verlassen ...
Die Herzogin sah Lucinden noch wie betäubt an den Sockel einer Statue sich lehnen, von welcher aus man auf die Plateforme jener Altane schreiten konnte ... Es war hier ringsum dunkel ... Die dichtbelaubten Bäume warfen düstere Schatten ... Die Herzogin widerstand nicht, Lucinden zu folgen ... Diese drängte auf die Altane hinauf, als fürchtete sie hier unten zu ersticken oder den Mönchen aufs neue zu begegnen ...
Sie sind ja auf den Tod entsetzt, mein Kind! sprach sie teilnehmend ... Erholen Sie sich ... Diese zudringlichen Bettler in Rom! ... Die Bittschrift war nur ein Vorwand! ...
Lucinde schlich nur langsam die Erhöhung hinauf ...
Oben angekommen, sagte sie:
Nein, nein! ... Ich kannte sie beide ... Ich wusste längst, dass sie in Rom sind – ich hätte sie aber lieber, das ist wahr, vermieden; ich – mag nichts mehr hören von Deutschland ... Die Bittschrift ist – an den Bischof – von Robillante ... Ich will sie besorgen ...
An den Freund meines Cäsar! ... staunte die Mutter und hätte nun gewünscht, die Mönche wären nicht vertrieben worden ...
Beide Frauen blieben auf der einsamen Altane, auf der sie sich auf Sesseln von Baumzweigen niederliessen, unter einem Dach von künstlich gezogenem Lorber ... Vor ihnen lag vom Mond beschienen das grosse stille Meer der Weinstockblätter ... In der Ferne Feuerwerk und das lärmende Volk, das jeder Rakete ein Evviva! rief ...
Obgleich sich Lucinde allmählich zu fassen schien, kam die Herzogin doch nicht mehr auf die Mönche zurück ... Gerade diese durch Benno bedingten Wallungen des Interesses zu verbergen, besass sie eine volle Gewandteit ... Sie pries die erquickende Erlösung von dem rauschenden Gewühl, das sich nicht verziehen wollte ... Sie sassen so, dass sie durch die Büsche zugleich die Künste des Feuerwerks und über die Weingärten hinweg den stiller gebliebenen teil der Gegend beobachten konnten ...
O, hier sind wir sicher vor dieser bunten Posse! sagte die Herzogin. Wenn die Lüge in der Welt so rauschend auftritt, wie sollte erst die Wahrheit sich ankündigen dürfen! ...
Die Wahrheit feiert ihre Triumphe in der Stille! entgegnete Lucinde, noch immer atemlos. Diese Triumphe sind die Glühkäfer des Geistes, die uns nur auf einsamen Wegen umschwirren! ... Wie heisst denn die Pflanze da, auf der ich vorzugsweise die Tierchen wie die Lichter auf unsern nordischen Weihnachtsbäumen antreffe? ...
Lucinde rang nach dem Ton der Gleichgültigkeit ...
Die roten Disteln? Das sind Artischocken! sagte die Herzogin ...
Wächst so dummes Gemüse hier so wild und schön! ... Carciofoli! Ganz recht! ...
Eine kurze Pause trat ein ... Beide bewegten ihre Fächer und wehten sich Kühlung zu ... Mancher scherzhafte Vorfall des Tages, manche Neckerei an der Tafel, mancher Schmuck, manche überladene Toilette liessen sich besprechen ...
Das Gespräch stockte jedoch bald ... Es zeigte sich – diese beiden Frauen mussten anfangen eine sich für ein Hinderniss der andern zu halten ... Die Herzogin hatte sich längst gesagt: Hier ist meine Zeit um! Olympia ist meiner Führung entwachsen! Selbst den Cardinal, ihren Vater, lehnt sie für ihre neue Einrichtung als täglichen Gast ab – Schon hat sie's ihm angekündigt