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Ernennung Bonaventura's zum Bischof von Robillante ... Benno hatte sich im vorigen Jahr nach Rom begeben und war dort nicht länger geblieben, als bisdie Mutter und Olympia ankamen ... Da war er nach dem Süden entflohen ... Er hatte sich aufs Meer begeben, war über Sicilien, Malta, Genua, Nizza nach Robillante gereist, wo er in diesem Augenblick bei Bonaventura verweilte; er stand mit der Mutter im Briefwechsel, er schrieb ihr unter fremden Adressensie hatte die ganze Bürgschaft seiner Liebe und Zärtlichkeit für sich; – aber vor einem Zusammenleben mit Olympien erfüllte ihn ein ahnungsvolles Grauen ... Aus dieser Misachtung der ihm so offen in Wien ausgesprochenen Liebe Olympiens war eine Gefahr für die Herzogin selbst, für Benno, für alle seine Beziehungen entstanden ... Die Teilnahme, die die Mutter für ihn nicht verleugnen konnte, wurde ihr von Olympien aufs heftigste verdacht ... Nun musste auch noch die Herzogin in Wien ein junges Mädchen gefunden haben, das, der italienischen Sprache vollkommen mächtig, anfangs nur die Vermittelung mit den deutschen Verhältnissen erleichtern sollte ... Eine wohlberufene Convertitin, die von einer glühenden sehnsucht nach Rom verzehrt wurde ... Die Herzogin hatte den Auftrag erhalten, die Würdigkeit dieser Empfehlung zu prüfen ... Sie sah sie, war von einer auffallenden Aehnlichkeit derselben mit ihrem kind Angiolina gerührtes fehlte nur noch die Bekanntschaft dieses Mädchens mit Benno und Bonaventura, um sie nicht wieder freizulassen ... Es war nun aber Lucinde Schwarz selbst, die ihrer Stellung gefährlich zu werden drohte ...

Lucinde liebte nicht, ungefragt von ihrer Vergangenheit zu sprechen. Sie war nie in der Stimmung, gern von Schloss Neuhof, vom Kronsyndikus, Jérôme von Wittekind zu berichten ... Aber die Erwähnung fand sich zufällig und da stand sie schon in Wien Rede ... Die Herzogin horchte voll Erstaunen ... Auf die Länge war sie von Lucinden seltsam abgestossen und wieder angezogen ... Man nahm sie mit nach Italien ... Erst später zeigte sich die Gefahr dieser "Eroberung", wie Ceccone, überrascht von Lucindens Geist, sie genannt. Lucinde gewann Einfluss über alle ihre neuen Umgebungen, über den jungen Principe, über Olympien, den Cardinal sogar ... Jetzt war sogar schon Olympia eifersüchtig auf "die Tochter der Luna" ... Rom hatte Lucinden verjüngt ...

Das Boskett, das dicht an die zur Verlängerung des Speisesaals umgewandelte Terrasse stiess, bestand aus einer Pflanzung von Nuss- und Kastanienbäumen ... Aus seinem mässigen Umfang heraus führten Gänge von beschnittenen Buchsbaum- und Cypressenwänden auf kleine Rotunden, in deren Mitte aus Farrenkräutern und Vergissmeinnicht Springbrunnen plätscherten oder Marmorstatuen glänzten, am Fuss von blühenden Cactus, von feurigen Schwertlilien umgeben ... Nun kamen die rechts zu den Gärten des Lateran sich ziehenden Beete ... Sie folgten sich in Abdachungen, die zu Cascatellen benutzt, von Grotten, von Muschel-, von Marmorverzierungen unterbrochen wurden ... Zur Linken, jenseits der grossen Platanenallee und des flimmernden Wassersturzes führten riesige Taxuswände zu einer Altane, von welcher sich ein weites Feld von Weinstöcken wie ein einziges grünes Dach auf die Landstrasse erstreckte ... Dortinauf, wo sich unter wilden Lorberblättern ausruhen liess, zog es die von den schmerzlichsten Ahnungen erfüllte Herzogin ...

Eine Weile noch wurde sie auf ihrem Wege von einem Naturspiel aufgehalten ... Das Licht des Mondes und der Widerschein des Feuerwerks wurden in ihren magischen Wirkungen noch übertroffen von zahllosen Glühwürmern, die bald grün, bald rot aufblitzend die Luft durchschwammen, auf den Sträuchern und Blumen wie Edelsteine funkelten, unwillkürlich die Hand lockten, die Luft zu durchstreifen und nach eitel Funken und Licht zu haschen ...

In diesem Augenblick glaubte die Herzogin die "Tochter der Luna" zu sehen, die am äussersten Ende eines der in den Ziergarten einmündenden Heckenwegevon zwei Mönchen verfolgt wurde ...

Sie staunte des auffallenden Anblicks ... Sollten von den Bettlern an der Pforte zwei so verwegen gewesen sein, sich hierher zu wagen? ... Oder konnte sich in falscher Verhüllung Räubervolk eingeschlichen haben? ... Eben waren die Mönche und die fliehende Donna Lucinda verschwunden ...

Oder hatte sie sich getäuscht? ... Hatte das mondlichtfarbene Kleid der Gesellschafterin sie irre geführt? ...

Da hörte sie das lachen des Herzogs Pumpeo ... Offiziere kamen und junge Prälaten, die der Champagnerrausch von den alten Damen zu den jungen vertrieb ... Einige der schönsten hüpften an ihrem Armgleichsam nur auf der Flucht vor den gefährlichen Feuerfröschen ...

Die Herzogin blieb stehen ... Fast wurde sie umgerannt von dem aus einem andern der Gänge ihr eilend entgegentretenden Conte Sarzana ...

Sahen Sie die beiden Mönche, Graf? fragte die Herzogin ängstlich ...

Die der Donna Lucinda folgten? antwortete Sarzana mit Teilnahme ... Wo sind sie? ... Ich habe ihre Spur verloren ...

Beide durchkreuzten den gang, den die übrige Gesellschaft herauskam, und eilten der dunklern Gegend jenseits der Platanenallee zu ... Der am Ende derselben funkelnde Wasserfall gab einen Schein von Belebung des Gartens, der sich indessen nicht bestätigte ... Alles blieb einsam und gefahrvoll ... Jetzt rief der Graf:

Ich sehe sie ... Dort beim Aufgang auf die Altane ... Was wollen die Frechen?