1858_Gutzkow_031_723.txt

die Hitze des inneren Saals, wo Olympia gesessen, war zu gross gewesen; sie riss auch und zerrte an allem, was sie hinderte ... Den bronzenen Hals schmückte ein Collier von Diamanten ... "Sie ist schön, wenn sie liebt" – hatte im vorigen Jahre die Herzogin gesagt ... Olympia liebte heute nicht ...

Ein kurzer Augenblickhinter einer grossen von Hortensien gefüllten Marmorvaseund Ceccone konnte Olympien an sich ziehen und sie voll väterlicher Bestürzung fragen:

Aber was hast du denn nur, mein geliebtes Kind? Was ist dir nur heute? ...

Jettatore anche voi! zischte Olympia mit rauher stimme, stampfte den Fuss auf und stiess die weichen hände des Priesters zurück ... Alle Welt will, dass ich sterben soll! setzte sie fast weinend hinzu ...

Ein solches Wortdem "Onkel"! ...

Olympia hatte gesagt, Ceccone wäre gleichfalls ein mit dem "bösen blick" für sie Behafteter, ein Jettatore, "wie alle Welt!" ... Das der Dank, dass er der öffentlichen Meinung trotzte und ungeachtet aller vom Pasquino abgerissenen Satiren auf die "Donna Holofernia", auf die Vermählung derselben mit dem jungen "Judas Ischariot Seckelträger junior", und ähnlicher Anspielungen scheinbar heute so sorglos und unbefangen sein Haupt erhob ...

Auch er hatte ja der Sorgen genug! Aber ihm genügte im Augenblick vollkommen der lärmende Anteil der ewigen Stadt an seiner person; ihm genügte die unabsehbare Wagenreihe der hohen Aristokratie und Prälatur, die bis in die dunkelsten Schatten der Landstrasse hin sichtbar blieb ... Und nun ein Ausbruch solcher Nichtgenüge bei dem geliebten kind, das sich zuweilen auch gegen ihn zu empören anfing ... Er flüsterte:

Täubchen! Liebchen! ... Papagallo! ... Fiore di luce! ...

Suche dir die "Tochter der Luna"! ... erwiderte sie höhnisch und huschte fort ...

Der Onkel lachte über die "Eifersucht" seiner Nichte ...

Da wandte sie sich noch einmal ...

Onkel, sagte sie zornig, lache nicht! Ich möchte in diesem Augenblick sterben! ... Ich wünschte, du hättest nur wegen meiner an Pasqualetto geschriebennach Porto d'Ascoli – ...

Jesu! flüsterte der Cardinal, wurde kreidebleich und sah sich besorgt um ... Welchen Namen nennst du da? ... PasqualettoSt! unterbrach er aufs strengste Olympiens Gegenrede ...

Der alte Rucca ging eben vorüber, spitzte die Ohren, grinzte seltsam und sagte für sich: Eh! Eh! Eh! ...

Vieldeutige Laute ... Olympia hatte einen Namen genannt, den er gehört zu haben schien ... Er wandte sich halb und halb zum Zuhören und liebäugelte einer Schwiegertochter, deren Hochzeitmit seinem verlängerten Pachtcontracte zusammenhing – ...

Ceccone winkte ihm mit graziöser Handbewegung zu gehen ... Noch ist sie mein! sprach er süss und vor allen näher herantretenden Zeugen ... Dann legte er die zarten weichen hände auf das Haupt der kleinen Meduse, zog sie wieder an die Hortensienvase und flüsterte:

Wie kannst du von Pasqualetto reden? ... Was soll er? ...

Mich stehlen und in die Berge schleppen! ... erwiderte Olympia ...

Ich beschwöre dich, mein süsser Papagai! fuhr der besorgte Vater fort und wollte Olympia noch weiter ins Dunkel mit sich ziehen, um sie herzinniger zu küssen, vielleicht sie an den Wagen zu führen, den der junge Gatte zu jeder Minute bereit zu halten versprochen hatte ... Schon rief er nach dem Mohren, der nach seiner Taufe den frommen Namen Chrysostomo führte ...

Statt des Chrysostomo kam aber der ganze Schwarm der Gäste ... Die Leuchtkugeln erhellten gerade die Vase mit den Hortensien und wo die Braut war, mussten doch alle sein ... Niemand erzürnte gern die wilde Olympia ... Es klang ihr jetzt ganz zu Sinn, dass ihr Gatte verspottet wurde über die Verzögerung des Feuerwerks ... Die Raketen haben den Schnupfen! hiess es ... In die Cascatellen ist wasser gekommen! ... Die "Feuerräder" haben die Achse gebrochen! ... Man fürchtet, die "Frösche" werden hüpfen wie die Flöhe! ... Flöhe ... Wer solche Italienerworte hätte in dieser Sphäre für unziemlich halten wollen, musste eine deutsche oder französische Bildung haben ... Der Südländer kennt keine Scheu der offenen Namengebung dessen, was natürlich ist ...

Die Herzogin von Amarillas machte inzwischen einen Versuch, sich Olympien zu nähern ... Aber Olympia entzog sich gerade ihr ... So beschloss denn die Herzogin, die Nachricht über den Pater Vincente für sich zu behalten ... Auch sie floh vor dem endlich beginnenden Feuerwerk ... All dies Knistern und Knattern, all diese Bravis und Ausrufungen waren der Mutter Julio Cäsares nicht zu Sinn ... Sie suchte den Garten, den Park, der zwar nicht unbelebt, aber dunkler war und an seiner äussersten Grenze Einsamkeit versprach ... In diesem Verlangen nach dem Pater Vincente, das die Braut ausgesprochen, lag für sie ein ihr wohlbekannter Ausdruck des Zorns über Benno's Nichtanwesenheit, über sein gänzliches Verschwundensein nach den beiden Märchenwonnentagen von Wien, lag der Ausdruck der Reue über die allzu schnelle