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eine Frequenz, welche die des im Parterre befindlichen Sommergeschäfts übertraf. Herr Noodt hatte den Aufentalt bald erkundschaftet und gönnte Herrn Wulff nicht die beständige Nähe Lucindens und machte Besuch und fräulein Smidt fürchtete das und machte sich selbst bei Madame Möller zu schaffen und fräulein Jansen fürchtete wieder, Herr Gensler würde demselben Triebe folgen, und suchte die Fährte auf, die auch endlich nicht nur Herr Gensler, sondern auch Herr Burmester, Herr Johannsen und Herr Wilckens gefunden hatten. So verstrichen drei Tage in einem nicht endenden Klingeln der Dielentür und einer Aufregung der an der Verborgenheit beteiligten Personen, die sich nur durch Musik beschwichtigen liess; man sang, man stritt über Noten und Tonarten und da der Flügel fehlte, sang man Scalen und Solfeggien und stritt über den grösseren Wert der Schumann'schen oder der Mendelssohn'schen Lieder.

Um ein Wesen, das sich in dieser Lage so benehmen konnte und nur auf das dringendste Verlangen der Damen Carstens zu bewegen gewesen war, einige Zeilen des Bedauerns an Klingsohr zu schreiben, ihm ihre Flucht, ihre Sicherheit, ihren Anteil an seinem schmerzlichen Erlebniss auszudrücken, schoss sich dann zwei Tage nach der erhaltenen öffentlichen Beschimpfung Klingsohr mit seinem Jugendfreunde hinter Ottensen auf zehn Schritt Barrière.

Man hatte vieles erwogen gehabt. Klingsohr hatte sich mit den Secundanten vorher eingeschlossen, hatte von seinen Verpflichtungen gegen den Kronsyndikus gesprochen; immer aber trat allen Abmahnungen das Bild entgegen: Vor einer ganzen Stadt mit der Reitpeitsche durchgehauen! Die Satisfaction konnte nur in einem Duell bestehen.

Man hatte die Formen des Duells so leicht wie möglich gemacht, die Distanzen nach den grössten massen genommen und dennoch schoss Klingsohr seinen Beleidiger, nachdem dieser, ohnehin abgekühlt und von der Gefahr erschreckt, einen verfrühten Schuss ohne zu avanciren blindlings abgefeuert hatte, mit dem seinigen auf einen einzigen Anschlag nieder.

Die Kugel drang zwischen die untern Rippen in Blutgefässe, die sich augenblicklich zu entleeren begannen. Eine Secunde stand noch Jérôme, entfärbte sich, suchte sich zu wenden und sank entseelt zu Boden.

Nach vollbrachter Tat wurde Klingsohr von seinen Freunden dringend aufgefordert, den im Gehölz befindlichen Wagen zu besteigen.

In dieser menschenbesäeten und gutbewachten Gegend mussten zwei Schüsse selbst in der ersten Morgenfrühe auffallen.

Der mitgenommene Arzt erklärte, jeder Versuch, den Gefallenen ins Leben zu rufen, wäre vergeblich.

Klingsohr zeigte einen dumpfen Schmerz. Er stand wie erstarrt und mochte sich von der Leiche nicht trennen.

Lasst mich! rief er und schleuderte die, die ihn fortziehen wollten, zurück.

Wir beschwören dich! rief man. Klingsohr! Die Flurschützen kommen!

Klingsohr blieb starr und schauderte ...

Der Frevel ist bestraft, wie er's verdiente! rief man. Komm!

Klingsohr beugte sich mit einem Knie, stemmte das Haupt auf das andere und fasste die erkaltete Hand des schon Verblichenen. Die lange herculische Gestalt lag marmorblass, die Lippen waren krampfhaft geöffnet, wie wenn ein Wort noch von ihnen hätte kommen sollen, das der plötzliche Tod abschnitt.

Da jeder Lebenshauch geschwunden war, so nahmen die Secundanten die wichtigsten Dinge aus den Taschen der Leiche, um sie selbst bis auf weiteres liegen zu lassen, gerichtliche Rencontres zu vermeiden und vorläufig nur sich selbst zu flüchten.

Mit Widerstreben wurde Klingsohr in den Wagen gezogen.

Man sah Menschen dem Gehölz zueilen, glaubte aber den Vorsprung noch frei. Die Rosse zogen an, der tiefe Sand gestattete kein schnelles Ansprengen. Kaum aber hatte man das Gehölz hinter sich, als der Flurschütz mit einigen schnell herbeigerufenen Landleuten ihnen schon in die Zügel fiel.

Jetzt, wie zur Besinnung kommend, springt Klingsohr auf, reisst die eine der noch geladenen Pistolen an sich und erschreckt dadurch seine Freunde so, dass sie sich nur beschäftigen können, ihm die gefährliche Waffe zu entwinden. Darüber verlieren sie den Vorteil entweder zu entkommen oder, wie wohl in solchen Fällen geschieht, sich durch Bestechung loszukaufen.

Sie mussten ihre Namen nennen und versprechen, mit dem Wagen dem Flurschütz zu folgen.

Auf dem Stadtause in Altona wurde ein Protokoll aufgesetzt. Klingsohr, dem nur zunächst an der würdigen Bestattung seines Opfers lag, musste zurückbleiben. Die andern entfernten sich auf Ehrenwort.

Nach einer so ernsten Wendung war für niemand der Boden unter den Füssen mehr hinweggenommen als für Lucinden.

Sie kehrte auf die erste Schreckenskunde zur Carstens'schen Familie zurück, aber der Fall wurde so vielfach erörtert, mindestens so allgemein besprochen, dass sie der Gegenstand der allgemeinen Neugier und keines ihr günstigen Urteils wurde.

Der Schimpf, der Klingsohrn angetan gewesen, war bestraft; ihn erwartete ein Spruch der Richter; nur sie, die Veranlassung dieser blutigen Scenen, ging frei aus, und jetzt konnte selbst die Musik nicht mehr ihren klingenden Schild über sie legen. Sie fühlte ihre Lage und zum ersten mal war ihr Nr. 33 gerade recht; die zwei Bettschirme, die sie von den Schwestern trennten, liessen ihr gerade so viel Raum, wie sie auf einige Tage bedurfte.

Dass in solchen Lagen Naturen, wie die ihrige, allein stehen, aber auch ganz allein, das erfüllte sie mit Bitterkeit. Sie machte sich Geständnisse über sich selbst, ihre Umgebungen und über ihre Grausamkeit gegen Klingsohrn. Sie liebte ihn nicht mehr. Was traf sie da nach ihrer Meinung weiter für eine Schuld! Diese ganze Umgebung war ihr peinlich geworden, da schon lange alles das es wurde, was von ihr durchschaut werden konnte. Sie hatte angefangen, sich fortgesetzt einzureden, dass diese Welt eine ganz nichtige, nur dem